Getöteter Nationalistenführer Zwei Kugeln ins Herz des "Weißen Sascha"

Die Schüsse trafen einen ultrarechten Akteur des Maidan-Aufstands: Alexander Musytschko, berüchtigter Anführer der ukrainischen Nationalisten, ist bei einer Polizeiaktion getötet worden. Er hatte einst im Tschetschenien-Krieg gegen die Russen gekämpft.

Von , Moskau


Die Leiche von Alexander Musytschko - Kampfname "Weißer Sascha" - wurde nahe der westukrainischen Stadt Riwne gefunden. Der stellvertretende Innenminister Wladimir Jewdokimow berichtete, Polizisten hätten den Chef der Nationalisten am späten Abend in einer Kneipe verhaften wollen, wegen "böswilligem Rowdytums und Widerstands gegen die Staatsgewalt". Er sei durch ein Fenster geflohen und habe das Feuer auf die Männer der Sondereinheit "Sokol - Falke" eröffnet. Musytschko sei am 12. März zur Fahndung ausgeschrieben worden, sagte der Vizeinnenminister.

Fotos vom Tatort allerdings werfen Fragen auf. Sie zeigen Musytschkos Leiche an einem Straßenrand. Der massige Oberkörper ist halb entblößt, der Brustkorb weist Schussverletzungen auf. Die Angreifer hätten sich erst überzeugt, dass Musytschko keine Schutzweste trage und ihn dann mit zwei gezielten Schüssen ins Herz getötet, behaupten die Mitkämpfer des "Weißen Sascha".

Musytschko war eine umstrittene Figur der Maidan-Revolution. Einerseits war er einer der Anführer der Bewegung "Rechter Sektor". Während des Aufstands in der Ukraine rekrutierte sich aus ihren Reihen die Mehrheit jener Kämpfer, die den Sturz von Präsident Wiktor Janukowitsch herbeiführten.

Andererseits legte Musytschko die Machtübernahme der Revolutionäre recht persönlich aus: Der Mann, der bei den jüngsten Regionalwahlen mit einer Kandidatur als Abgeordneter mit nur einem Prozent der Stimmen noch krachend gescheitert war, schwang sich in der Westukraine selbst zur Staatsmacht auf. Auch im Westen sorgte ein YouTube-Video für Aufsehen, auf dem zu sehen ist, wie sich der "Weiße Sascha" Zugang zu den Büros der Staatsanwaltschaft verschafft und einen Ermittler attackiert, mit einem Kalaschnikow-Gewehr unter dem Arm.

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Ukraine: Tod eines Nationalistenanführers
Er werde seine Waffen erst niederlegen, "wenn das Land eine normale Regierung hat": So wie der "Weiße Sascha" sehen das viele der Maidan-Kämpfer. Der Übergangsregierung ist es bislang nicht gelungen, die Radikalen zu entwaffnen. Sie sollen jetzt übernommen werden in die im Aufbau befindliche Nationalgarde.

Bislang kann Kiew die Trupps der Rechten eher schlecht als recht kontrollieren. In der Stadt Nemyriw stürmten sie unter "Ruhm der Ukraine"-Rufen die örtliche Wodkafabrik - womöglich im Auftrag zwielichtiger Geschäftsleute, die das Chaos in der Ukraine nutzen wollten für eine feindliche Übernahme des Unternehmens. In der vergangenen Woche hatte ein Abgeordneter der rechtsnationalen Partei Swoboda den Chefredakteur eines TV-Kanals angegriffen.

Auch der nun erschossene Nationalistenführer Musytschko hielt sich nicht lange mit rechtsstaatlichen Erwägungen auf: In Riwne ließ er seine Leute Autos beschlagnahmen. Der "Rechte Sektor" hat inzwischen in der Kaserne der aufgelösten Sondereinheit "Berkut" Quartier bezogen.

Die Umtriebe von Nationalisten und Paramilitärs wie Musytschko sind der Grund, warum inzwischen auch viele im Westen Zweifel hegen, ob es ein gutes Ende nehmen wird mit der Maidan-Revolution. Männer wie Musytschko jedenfalls wären einem bewaffneten Konflikt mit Moskau wohl nicht abgeneigt, im Gegenteil: Der erschossene Nationalistenführer hatte Mitte der neunziger Jahre sogar in Tschetschenien gegen russische Militärs gekämpft, als Kommandeur einer ukrainischen Kampfgruppe namens "Wiking" und als Leibwächter des Separatisten-Präsidenten Dschochar Dudajew.

Russlands Ermittlungskomitee wirft Musytschko vor, damals zwei Dutzend russische Gefangene "gefoltert und getötet" zu haben. Russlands Behörden hatten den Ukrainer deshalb zur Fahndung ausgeschrieben. Sie taten es allerdings erst Anfang März, also fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des ersten Tschetschenien-Kriegs, aber auf der Propagandawelle gegen die Maidan-Revolution. Der "Weiße Sascha" revanchierte sich für den russischen Haftbefehl auf seine Art: In einem Interview versprach er demjenigen 10 bis 12 Millionen Dollar Kopfgeld, "der Putin umnietet".

Feinde hatte sich Musytschko aber nicht nur in Moskau gemacht, sondern auch in Kiew. Dem neuen Innenminister Arsen Awakow drohte er, ihn "wie einen Hund an den Beinen aufzuhängen und zu vernichten".

Awakow ist ein Mann der ehemaligen Premierministerin Julija Timoschenko und selbst nicht dafür bekannt, zimperlich zu sein. Nach der Attacke des Nationalisten auf die Staatsanwaltschaft forderte er die örtlichen Behörden auf, Musytschkos Treiben ein Ende zu setzen. Wenn sie es nicht täten, werde er selbst reagieren.

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Seite 1
Lebensberater 25.03.2014
1. optional
Ein rechtsradikaler Nationalist weniger auf der Welt.
qualidax 25.03.2014
2.
Zitat von sysopDPADie Schüsse trafen einen ultrarechten Akteur des Maidan-Aufstands: Alexander Musytschko, berüchtigter Anführer der ukrainischen Nationalisten, ist bei einer Polizeiaktion getötet worden. Er hatte einst im Tschetschenien-Krieg gegen die Russen gekämpft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-nationalisten-fuehrer-musytschko-getoetet-a-960614.html
Wieso erinnert mich das irgendwie an "Röhm" ... ?
Ernst August 25.03.2014
3.
Zitat von sysopDPADie Schüsse trafen einen ultrarechten Akteur des Maidan-Aufstands: Alexander Musytschko, berüchtigter Anführer der ukrainischen Nationalisten, ist bei einer Polizeiaktion getötet worden. Er hatte einst im Tschetschenien-Krieg gegen die Russen gekämpft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-nationalisten-fuehrer-musytschko-getoetet-a-960614.html
Nun wird versucht die Kampftruppen vom Maidan zu beseitigen. Rechte aber lassen sich nicht ohne Gegenwehr beseitigen oder gar abwählen. Der Machtkampf unter den "Revolutionären" hat begonnen.
Klebestift 25.03.2014
4. optional
Na, da haben gleich Alle was davon, die Russen, die Ukrainer...und wer noch alles wünsche geäußert hat. Ist halt lästig geworden...hat Befehle (von wem auch immer) schön brav ausgeführt, dann aus dem Weg geräumt. Darf man eigentlich langsam sagen, dass ich es einfach nicht mehr ertrage...sollen sich die Herrschaften (es geht allen nur ums Geld und nicht um das Volk) doch gegenseitig die Rüben einhauen und wir halten uns raus?
sok1950 25.03.2014
5. wie viele der eigenen Leute...
hat die Französische Revolution hingerichtet? Lt. Wiki mindestens 16.594. Da kann sich der glücklich schätzen, der rechtzeitig den Absprung weg von der Ukraine geschafft hat.
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