Ukraine Neue Ermittlungen wegen Juschtschenko-Vergiftung

Der mutmaßliche Giftanschlag auf den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten wird erneut untersucht. Der Generalstaatsanwalt teilte mit, wegen des "angeblichen Vergiftungsversuchs" seien Ermittlungen aufgenommen worden. Zuerst hatten die Behörden bei Juschtschenkos Erkrankung nur eine Herpes-Infektion diagnostiziert.


Vergiftungsopfer Juschtschenko: Nach dem Essen mit dem Geheimdienstchef krank geworden
AFP

Vergiftungsopfer Juschtschenko: Nach dem Essen mit dem Geheimdienstchef krank geworden

Kiew - Das neue Ermittlungsverfahren wurde aufgrund der in Wien vorgestellten Diagnose aufgenommen, nach der Wiktor Juschtschenko während des Präsidentschaftswahlkampfs in seinem Heimatland mit Dioxin vergiftet worden. Erste Ermittlungen waren im Oktober schnell eingestellt worden. Damals hatten die Behörden angeblich nur eine Herpes-Erkrankung erkennen können.

Nach Angaben von Juschtschenkos behandelnden Ärzten in Wien handelt es sich jedoch um eine Dioxin-Vergiftung. Ihren Aussagen zufolge gibt es im Fall des Politikers zudem einen "Verdacht auf Fremdverschulden". Weitere Ermittlungen seien nun Sache der zuständigen Behörden, sagte der Arzt Michael Zimpfer.

Mit der Veröffentlichung des Untersuchungsergebnisses bestätigten Zimpfer und sein Kollege Nikolai Korpan vor Journalisten einen entsprechenden Bericht der Londoner Tageszeitung "The Times" in dieser Woche. Juschtschenko war am Freitagabend überraschend in der Privatklinik Rudolfinerhaus eingetroffen, wo er bereits im September und Oktober wegen seiner mysteriösen Erkrankung behandelt worden war. Zimpfer und Korpan hatten eine endgültige Diagnose von abschließenden Tests in Wien abhängig gemacht. In der Ukraine lief die heiße Phase des Wahlkampfes zur Stichwahl um das Präsidentenamt am 26. Dezember zunächst ohne Juschtschenko an.

Juschtschenko hatte von Anfang an den Verdacht geäußert, er sei von den ukrainischen Behörden vergiftet worden, um ihn politisch auszuschalten. Er war am 10. September in die Wiener Klinik gebracht worden, wo er mehr als drei Wochen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen behandelt wurde. Sein Gesicht ist seither von Narben entstellt.

Kaum wieder zu erkennen: Juschtschenko im März 2002 / Dezember 2004
AP

Kaum wieder zu erkennen: Juschtschenko im März 2002 / Dezember 2004

Der Oppositionspolitiker selbst hat erklärt, er sei unmittelbar nach einem Treffen mit dem ukrainischen Geheimdienstchef krank geworden. Am Abend des 5. September hatte sich der Juschtschenko zu einem Abendessen mit dem Chef der ukrainischen Staatssicherheit, Igor Smeschko, getroffen. Dieser wollte mit dem Oppositionspolitiker dringend zusammenkommen, um ihm "eminent wichtige Informationen" mitzuteilen. Wenige Stunden später wurde Juschtschenko krank. Er litt unter Unterleibs- und Rückenschmerzen, Gesichtsmuskeln waren gelähmt, er erbrach sich häufig. Wenige Tage später ließ sich der ehemalige Banker erstmals nach Wien ins Rudolfinerhaus fliegen.

Zimpfer sagte am Samstag, Juschtschenkos Blut und Gewebe enthalte das 1000-fache der normalen Konzentration an Dioxin. "Das entspricht einer Dosierung im Milligramm-Bereich beziehungsweise im unteren Gramm-Bereich". Eine Vergiftung mit Dioxin ist nach Angaben des Mediziners relativ leicht machbar. Das Gift könne zum Beispiel in einer mit Sahne abgebundenen Suppe "verpackt" werden.

Die Ehefrau des Kandidaten, Katarina Juschtschenko, hatte nach eigenen Worten schon vor der endgültigen Diagnose "keine Zweifel", dass ihr Mann vermutlich von politischen Gegnern vergiftet worden sei. Bereits vor der Veröffentlichung der Diagnose sagte sie vor Journalisten, ihr Mann habe schon vor seiner Erkrankung im September Drohungen erhalten und "erhält sie weiterhin, weil es viele Leute gibt, die meinen Mann und die Veränderungen, die er der Ukraine bringen würde, als eine große persönliche Bedrohung sehen". In der Nacht, in der ihr Mann nach Haus gekommen sei, "fühlte ich, dass an seinem Atem etwas komisch war. Wir haben erst später gemerkt, dass ich Recht hatte", sagte sie.

Am 26. Dezember wird es in der Ukraine zu einer Wiederholung der Stichwahl zwischen dem Amtsinhaber Wiktor Janukwotisch und Juschtschenko kommen. Das Oberste Gericht in Kiew hatte den verkündeten Wahlsieg Janukowitschs für ungültig erklärt. Seit dem Wahlabend protestiert in der Ukraine die demokratische Opposition unter Führung Juschtschenkos gegen die Wahlfälschung durch Janukowitsch.



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