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Achmetow gegen Separatisten: Der Oligarch schlägt zurück

Aus Kiew berichtet

Der ungekrönte König des Donbass greift ein: Oligarch Rinat Achmetow, zwölf Milliarden Dollar schwer, hat den Separatisten nach langem Zögern den Krieg erklärt.

Irgendwann im April, während im Osten der Ukraine die Separatisten der "Volksrepublik Donezk" scheinbar unaufhaltsam von Sieg zu Sieg eilten, tauchten in Kiew Graffiti auf: wenig schmeichelhafte Schmähungen an die Adresse von Rinat Achmetow, den - mit geschätzt zwölf Milliarden Dollar - reichsten Mann der Ukraine. "Rinat", stand da geschrieben, "hast du den Donbass verraten, oder hast du ihn verkauft?"

Das Donbass ist für die Ukraine das, was einmal das Ruhrgebiet für Deutschland war: das industrielle Herz des Landes. Das Kohle- und Stahlrevier war eine Hochburg des gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch und ist nicht zufällig die Heimat von Achmetow. Der Unternehmer stand einst Pate bei der Gründung der "Partei der Regionen". Er hat Janukowitsch erst zum Gouverneur von Donezk gemacht. 2010 dann half er, ihn auf den Präsidentensessel zu hieven.

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Rinat Achmetow: Oligarch wird offensiv
Janukowitsch floh nach der Eskalation der Gewalt auf dem Maidan nach Russland, seine Gegner ergriffen in Kiew die Macht. Im Osten des Landes aber übernahmen prorussische Separatisten die Kontrolle. Sie riefen "Volksrepubliken" aus in den Städten Donezk und Lugansk und baten um den Anschluss an Russland. Sie trafen kaum auf Gegenwehr, das schürte Spekulationen, dass der Oligarch Achmetow die Unruhen womöglich unterstütze.

"Rinat, bist du auf der Seite der Ukraine oder auf der des Kreml?", fragte ein Graffito in Kiew. Nun hat Achmetow eine Antwort gegeben. Der Milliardär hat zum Widerstand aufgerufen. Jeden Tag nach Schichtende sollen die Arbeiter seiner Fabriken jetzt Flagge zeigen gegen die "Separatisten, die bereit sind, Maschinengewehre gegen friedliche Demonstranten einzusetzen", so der Oligarch.

"Uns kann niemand stoppen"

Er werde sich nicht "einschüchtern lassen, uns kann niemand stoppen", sagte Achmetow. Die selbsternannte Volksrepublik habe "keine Arbeitsplätze" geschaffen und "nichts getan für unseren Donbass", ließ der Unternehmer am Dienstag verkünden.

Rund 300.000 Mann stehen bei Achmetow im Donbass in Lohn und Brot. Wie ein feudaler Großgrundbesitzer will er sie als Privatarmee mobilmachen. Das lässt zwar an Achmetows Verständnis von Demokratie und dem Gewaltmonopol des Staates zweifeln. Aber es könnte auch die Machtverhältnisse im Osten zugunsten der Zentralregierung verschieben, die bislang wenig Erfolg hatte in ihrem Kampf gegen die schwerbewaffneten Freischärler.

Um die Gunst des Oligarchen gebuhlt hatte auch die Regierung der "Volksrepublik", allerdings offenbar ohne Erfolg. Zuletzt berichteten Funktionäre der Separatisten frustriert, Achmetow habe zwei Drittel ihrer Aktivisten mit Geld zum Überlaufen bewegen wollen. Andere warnten den Milliardär, sollte er sich nicht loyal gegenüber der Bewegung zeigen, werde man ihn enteignen.

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Ukraine: Friedlicher Protest gegen die Separatisten
Nach Wochen der Erfolge geraten die Kämpfer der selbsternannten Volksrepubliken damit erstmals in die Defensive. Beim Sturm von Verwaltungsgebäuden trafen sie zwar auf wenig Gegenwehr. Doch lässt die Unterstützung innerhalb der Bevölkerung offenbar zu wünschen übrig. So klagte der selbsternannte Kommandeur der Landwehr Slowjansk gegenüber russischen Journalisten, er habe nicht erwartet, dass sich unter den viereinhalb Millionen Einwohnern des Donbass "nicht einmal tausend Männer finden, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren".

Der Kommandeur, ein Mann namens Igor Girkin, ist selbst aus Russland in die Ukraine gegangen. Das von den Separatisten ausgerufene Referendum vom 11. Mai zeigte zwar, dass zahlreiche Donbass-Bewohner mit der Bewegung sympathisieren und der Zentralregierung in Kiew misstrauen. Den harten Kern der Separatisten aber bilden noch immer viele Freiwillige aus Russland. Selbst der "Regierungschef" der selbsterklärten "Volksrepublik Lugansk" musste jüngst in Moskau rekrutiert werden: Alexander Borodaj ist ein rechter Politologe und Publizist, bis vor Kurzem schrieb er Kolumnen für die nationalistische Moskauer Zeitung "Sawtra" (morgen).

Der Oligarch ist im Donbass bestens vernetzt

Achmetow verdammt die Kämpfer als "Banditen und Marodeure". Der Oligarch dürfte den Separatisten stärker zusetzen als die eher schleppend voranschreitenden "Anti-Terror-Operation" der Streitkräfte der Regierung. Der Oligarch ist im Donbass bestens vernetzt, viele Beamte und Politiker sind ihm verbunden.

In Kiew wird der Milliardär für seine Attacke gegen die prorussischen Kräfte gefeiert. Jetzt werde man endlich "den terroristischen Abschaum wegfegen", schrieb Innenminister Arsen Awakow auf seiner Facebook-Seite.

Viel spricht indes dafür, dass die Kehrtwende des Milliardärs sehr kühl kalkuliert ist: Achmetows Konzerne exportieren nur rund neun Prozent ihrer Produktion nach Russland, mehr als 20 Prozent dagegen gehen in die EU. Die Erfahrung zeigt, dass Achmetow zu Zugeständnissen immer dann bereit ist, wenn ihm der Druck zu hoch erscheint und die Gefahr für seine Geschäftsinteressen zu groß.

So war es schon während der Maidan-Revolution. Als Wiktor Janukowitsch noch fest im Präsidentensessel saß, rief der Magnat ihn erst zu einem Gewaltverzicht auf, nachdem ihm US-Vize-Außenministerin Victoria Nuland bei einem Treffen wohl mit Sanktionen gedroht hatte.

Sollte sich der Donbass für unabhängig erklären oder gar Russland anschließen, wären Achmetows Minen und Stahlwerke stark von Strafmaßnahmen des Westens betroffen. Ein Freund der neuen Führung in Kiew ist Achmetow dadurch aber noch lange nicht.

Wahrscheinlich ist, dass Achmetows Unterstützung ihren Preis haben wird. Der Oligarch hat bereits kundgetan, dass er eine Dezentralisierung der Staatsmacht in der Ukraine sehen will.

Und mehr Kompetenzen für den Osten bedeuten auch mehr Macht für ihn selbst, den ungekrönten König des Donbass.

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insgesamt 190 Beiträge
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1. Na das ist ja super
tommit 20.05.2014
Zitat von sysopAFPDer ungekrönte König des Donbass greift ein: Oligarch Rinat Achmetow, 12 Milliarden Dollar schwer, hat den Separatisten nach langem Zögern den Krieg erklärt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-oligarch-achmetow-erklaert-separatisten-den-krieg-a-970573.html
um die Maidan Demonstarnten scharen sich neben Timoschenko immer mehr Oligarchen (sprich Menschen die im abgelehnten System Millardäre wurden).. Das ist sicher im Sinne des Erfinders.. Das Leben ist eben ein Kreis
2. Freund
macpro 20.05.2014
von Merkel und Steinmeier. Der hat Geld und wir wissen ja, mit Geld kauft man sich das Recht und die Gerechtigkeit, explizit in der Ukraine.
3. Achmetow
laberblase 20.05.2014
ist Geschäftsmann und wird seinen Einfluss zu nutzen wissen. Es bleibt abzuwarten ob er ein Gutmensch ist oder seine Macht missbrauchen wird, aber das wird uns die Zeit lehren.
4.
Rezet 20.05.2014
12 Milliarden im ärmsten Land Europas, na das hat er sich hoffentlich mit ehrlicher Arbeit aufrichtig verdient. Wo besteht eigentlich der Unterschied zwischen den Guten und den schlechten Oligarchen? Ist das nur weil der eine (wie damals Chordorkowski) dem Westen zugewand ist, während die anderen eher Russlan zugeneigt sind? Oder sind nur die russlandfreundliche Oligarchen in Mafiöse strukturen eingebunden, während die westlich orientierten Oligarchen sich strickt an Moral und Gesetze halten? Ist nur etwas schwer hier noch durchzublicken, mal benutzt man Oligarch fast als Schimpfwort, dann wieder fast triumphierend weil eine solche Person der eigenen Sache zugeneigt ist. Diese Frage ist ernst gemeint, hoffe wirklich darauf mal eine Antwort zu erhalten.
5. Genau gegen die korrupten antidemokratischen Oligarchen
retourenpaket 20.05.2014
war doch die Maindan-Demonstration gerichtet. Schön hat man das Volk um den Sieg betrogen. Jetzt soll wieder ein korrupter, antidemokratischer Oligarch die Geschicke des Landes lenken. Vielen Dank für gar nichts!
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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