Inhaftierte ukrainische Politikerin Opposition macht Timoschenko zur Spitzenkandidatin

Es ist ein symbolischer Akt der Solidarität: Die Opposition in der Ukraine hat Julija Timoschenko zur Spitzenkandidatin für die Parlamentswahl im Herbst aufgestellt - obwohl sie noch immer im Gefängnis sitzt.

Oppositionspolitikerin Timoschenko: Streit um ihre Genesung
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Oppositionspolitikerin Timoschenko: Streit um ihre Genesung


Kiew - Ihre politischen Verbündeten senden Julija Timoschenko ein Signal der Solidarität ins Gefängnis: Die ukrainische Opposition hat die inhaftierte Ex-Regierungschefin demonstrativ als Spitzenkandidatin für die Parlamentswahl am 28. Oktober aufgestellt. Auf einem Kongress in Kiew stimmte ein Zusammenschluss aus Oppositionsparteien für die Kandidatenliste. Die Aufstellung Timoschenkos dürfte die Wahlkommission allerdings ablehnen, weil Inhaftierte nicht kandidieren dürfen.

In der Ukraine begann am Montag offiziell der Wahlkampf. Oppositionsführerin Timoschenko, die wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, will die Macht der regierenden Partei der Regionen und des Präsidenten Wiktor Janukowitsch brechen.

Das Ärzteteam der Berliner Charité, das Timoschenko behandelt, hat sich derweil gegen Vorwürfe der ukrainischen Regierung sowie einer Gruppe ukrainischer Ärzte verteidigt. In einer vierseitigen Erklärung, aus der die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zitiert, weisen der Charité-Leiter Karl Max Einhäupl und seine Kollegen Kritik der ukrainischen Seite an ihrer Arbeit sowie an ihrem Auftragsverständnis zurück.

Die Charité-Ärzte kritisieren demnach in ihrer Erklärung, das Gesundheitsministerium in Kiew verbreite, dass der Heilungsprozess Timoschenkos schon fast drei Monate und damit zu lange dauere. Es habe zudem Zweifel am fachlich-medizinischen Auftrag der deutschen Ärzte geäußert. Diese schreiben hingegen, bis Mai 2012 sei der Bandscheibenvorfall nicht oder nur unzureichend behandelt worden. "Sich jetzt über den mangelnden Fortschritt bei der Rehabilitation zu beklagen, halten wir angesichts der durch die Versäumnisse der ukrainischen Behörden verursachten Verzögerungen für unangemessen", heißt es laut "FAZ" in der Erklärung, die das Team am Montag den ukrainischen Behörden übergeben wollte.

Timoschenko-Tochter spricht von Medienkampagne

Einhäupl sagte der "FAZ", die Therapie Timoschenkos habe die erwarteten Fortschritte gemacht. So könne sie mittlerweile etwa drei Stunden sitzen und mit Hilfe eines Rollators längere Strecken gehen. Zugleich betonte der Charité-Chef: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass eine Therapie bis zu sechs Monate dauern wird." Unter den gegebenen Bedingungen könne eine komplette Heilung allerdings nur schwer erreicht werden.

Die Tochter Timoschenkos, Jewgenija Timoschenko, sprach gegenüber der "FAZ" von einer Medienkampagne, die auf Geheiß des ukrainischen Regierungschef Janukowitsch gegen die deutschen Ärzte geführt werde. Deren Arbeit solle in Misskredit gebracht werden, was mit dem neuen Prozess zusammenhänge, der gegen ihre Mutter angestrengt wird.

Die drei Ärzte des Berliner Universitätskrankenhauses Charité reisen am Montag nach Charkiw, um sich mit dortigen Ärzten über das weitere Schicksal Timoschenkos zu unterhalten. Vor zehn Tagen hatte Timoschenkos Anwalt mitgeteilt, dass seine Mandantin sich mit einer Hautkrankheit infiziert habe, die eine Weiterbehandlung ihres Rückenleidens unmöglich mache.

Timoschenko war 2011 zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, weil sie als Regierungschefin ihr Amt missbraucht haben soll.

anr/dpa/AFP

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
hinterfozig 30.07.2012
1. Opposition?
sind denn alle Buerger bescheuert, verbloedet, eine Kriminelle zu Waehlen. Man darf vermuten, dass die Doktor KO/s, welch ein Begriff, da auch kraeftig inkl. Finanzhilfen anderer Laender kraeftig mitmischen.
Izmi 30.07.2012
2. Wohl gelitten...
Zitat von sysopAFPDie Opposition in Kiew hat Julija Timoschenko zur Spitzenkandidatin für die Parlamentswahl im Oktober gekürt. Die Nominierung ist allerdings nur ein symbolischer Akt - Inhaftierte dürfen in der Ukraine nicht bei Wahlen kandidieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847112,00.html
Hey! Da ist sie ja wieder! Nach Wochen und Monaten des Leidens ohne jede Schlagzeile... ja, ja, der Heilungsprozess dauert wirklich viel zu lange, darauf konnten die Medien nicht warten. Dass die Timoschenko-Tochter dabei von "Medienkampagne" spricht, ist wohl ein völliges Missverständnis der verordneten Kur. Nur eine umgekehrte Fieberkurve macht Frau T. interessant - Leiden für die eigene "Demokratie"!
oskaralfons 30.07.2012
3. Spitzenkandidatin?
Auch wenn man über den kriminellen Hintergrund Timoschenkos hinwegsieht, sollte man sich doch vor die Augen führen, dass die Opposition eine Frau die gerade mal drei Stunden am Tag sitzen kann zur Spitzenkandidatin aufgestellt hat bzw. aufstellen will. Verstösst das denn nicht gegen die Menschenrechte, eine eindeutig kranke Person zur schweren Arbeit zu zwingen? Wie gut jemand in der körperlichen Verfassung das Volk vertreten kann ist natürlich auch eine ganz andere Frage..
Scorpio2002 30.07.2012
4.
Bislang sind nur 4 Kommentare veröffentlicht worden und jeder einzelne richtet sich gegen Timoschenko, interessant. Ich hätte ehe mit Kommentaren gerechnet wie: "Warum sollten deutsche Ärzte absichtlich die Behandlung verzögern", oder "Gilt den die Unschuldsvermutung nicht auch in der Ukraine". Was mich aber gerade zu fassunglos macht ist der Umstand, dass einer VERDÄCHTIGEN notwendige medizinische Hilfe verweigert wurde, erst auf Druck der jetzt verdammtem Medien kam es überhaupt dazu, dass sie untersucht und jetzt behandelt wird. Ein Vorgehen, wie es nichtmal bei einer VERUTEILTEN vorkommen darf. Die Ukrainische Regierung verstößt in ungeheuerlicher Weise gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, welche sie 1997 ratifiziert haben.
berliner2011 30.07.2012
5. Abscheuliche Kommentare
Wenn ich sehe, wie bezahlte Propagandisten aus der Ukraine im Spiegel und in anderen deutschen Medien die Leserkommentarfunktion missbrauchen, um Frau Timoschenko und andere Oppositionspolitiker in der Ukraine zu beschimpfen, dann finde ich das sehr traurig. Noch trauriger ist, wenn Forentrolle das aufnehmen und nachplappern. Ich kenne eine ganze Menge Leute aus der Ukraine, die politisch engagiert sind und nun wieder stasimethoden ausgesetzt sind. Da finde ich diesen Kommentar-Nonsense erbärmlich.
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