Julija Timoschenko: Der Kampf ihres Lebens

Von , Moskau

Ihre Vergangenheit ist nicht so makellos, wie ihr Auftreten glauben macht. Als "Gasprinzessin" hatte Julija Timoschenko zwielichtige Partner, als Premier agierte sie glücklos. Jetzt kämpft die mit allen Wassern gewaschene Vollblutpolitikerin vom Gefängnis aus gegen ihren Rivalen Janukowitsch.

Ukraine: Julija Timoschenkos verzweifelter Kampf Fotos
dapd

An diesem Tag im Januar, der Julija Timoschenko zum Verhängnis wird, steht sie im Zenit ihrer Macht. Timoschenko amtiert als Premierministerin der Ukraine. Europa blickt damals mit wachsender Sorge auf ihr Land: Kiew streitet mit Moskau über Gaspreise und Schulden. Seit Neujahr 2009 liefert Russland nicht mehr an ukrainische Verbraucher, im Gegenzug aber zapft Kiew Gas ab, das über ukrainische Pipelines nach Westen geleitet werden soll. Bulgarien und Griechenland bleiben mitten im Winter ohne Gas, die Lieferungen nach Österreich sinken um 90 Prozent. Mitte Januar eilt Timoschenko im schwarzen Kleid zu einem Treffen mit ihrem russischen Amtskollegen Wladimir Putin nach Moskau.

Am Ende steht eine Einigung, für die sich die Ukrainerin mit dem blonden Haarzopf zunächst feiern lässt, weil sie zwielichtige Zwischenhändler aus dem Gasgeschäft gedrängt hat, die für sich seit Jahren Milliardensummen abgezweigt hatten. Ukrainische Unterhändler und Gazprom, bis dahin Kontrahenten, sind seitdem ein Herz und eine Seele: Fotos zeigen Gazprom-Chef Alexej Miller und den ukrainischen Unterhändler Oleg Dubina bei einem späteren Treffen ausgelassen scherzend Arm in Arm.

Doch das Ende der Gaskrise kommt die Ukraine teuer zu stehen: Sie soll 450 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen, das sind rund 200 Dollar mehr, als der erwartete Preis auf dem Weltmarkt.

Im Februar 2010 verliert Timoschenko die Präsidentschaftswahl gegen ihren Rivalen Wiktor Janukowitsch. 2011 wird Anklage gegen sie erhoben, weil sie bei den Moskauer Gasverhandlungen ihre Befugnisse überschritten habe. Sie wird zu sieben Jahren Haft verurteilt, eine Kommission aus Abgeordneten der Janukowitsch-Partei will sogar Anzeichen für Hochverrat ausgemacht haben.

Bis heute ist es Julija Timoschenkos Geheimnis, warum sie als Regierungschefin der hoch verschuldeten Ukraine, die von der Weltwirtschaftskrise damals so schwer gebeutelt wurde wie kaum ein anderes Land, diesen Phantasiepreisen zustimmte. Wollte sie sich Russlands Unterstützung im heraufziehenden Präsidentschaftswahlkampf sichern? Hoffte sie, die Preise später drücken zu können? Oder wurde sie, wie in Kiew kolportiert wird, von russischer Seite unter Druck gesetzt oder sogar erpresst?

Wie krank ist Julija Timoschenko wirklich?

Timoschenkos Schicksal in Haft bewegt seither die Welt. Bundespräsident Joachim Gauck hat einen Besuch in die Ukraine abgesagt, seine Amtskollegen aus Tschechien und Slowenien folgen nun seinem Beispiel. Angela Merkel erwägt laut SPIEGEL-Informationen, ihren Ministern die Reise zur Fußball-EM im Juni in die Ukraine zu untersagen.

Erst mühte sich die Führung in Kiew, die Verstimmung zu ignorieren. Nun aber geht sie zum Gegenangriff über und klagt, Berlin bediene sich "Methoden aus dem Kalten Krieg".

Timoschenkos Tochter Jewgenija richtete am Wochenende einen dramatischen Appell an das Ausland. "Retten Sie das Leben meiner Mutter, bevor es zu spät ist", sagte sie.

Aber wie krank ist Timoschenko wirklich? Ihre Anwälte streuten bereits während der Gerichtsverhandlung im vergangenen Herbst, ihre Mandantin leide an einer seltenen Krankheit. Aufnahmen Timoschenkos zeigen blaue Flecken an Armen und Beinen, die ihr laut eigenem Bekunden Wärter zugefügt haben. Ukrainische Behörden behaupten dagegen, die Blutergüsse stammten von "stumpfen Gegenständen" und suggerieren, Timoschenko habe sie sich selbst zugefügt.

Zwar besteht seit einer Untersuchung Timoschenkos durch ein deutsches Ärzteteam kein Zweifel mehr daran, dass Timoschenko einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten hat. Gleichzeitig erscheint der vom Janukowitsch-Lager geschürte Verdacht, Julija Timoschenko könnte ein taktisches Verhältnis zu ihrer eigenen Gesundheit pflegen, nicht völlig abwegig. 2011 erschien sie wegen Krankheit nicht zu Verhören, nur um kurz darauf angriffslustig wie immer in der TV-Talkrunde "Schuster Live" aufzutreten.

Eine schlechte Verliererin

Julija Timoschenko ist eine schlechte Verliererin. Als sie bei der Wahl im Frühjahr 2010 Janukowitsch knapper als erwartet, aber dennoch deutlich unterlag, mochte sie die Niederlage nicht eingestehen. Es war ein denkwürdiger Wahlabend. Unter ihren Mitarbeitern liefen da schon Gerüchte um, Janukowitsch werde bald damit beginnen, Timoschenkos Mitstreiter ins Gefängnis zu werfen. Dann aber trat Timoschenko trotzig auf, in einer leuchtend weißen Robe verkündete sie in ihrer Wahlkampfzentrale: "Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Bürger für eine demokratische, europäische und starke Ukraine gestimmt hat." Für Timoschenko also, sollte das heißen. Danach tauchte sie tagelang ab, die Wahlfälschungsvorwürfe gegen Janukowitsch konnte sie nie belegen.

Zahllose Abgeordnete und Mitstreiter wechselten nach der Niederlage die Seiten und schlossen sich dem Janukowitsch-Lager an. Das Ende von Julija Timoschenkos Karriere schien besiegelt, denn selbst als sie im Herbst 2011 unter fragwürdigen Umständen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, verfolgten viele Ukrainer ihr Schicksal teilnahmslos.

Das hängt auch mit Timoschenkos Vergangenheit zusammen, die nicht annähernd so makellos ist wie ihr strahlendes Auftreten. Mitte der neunziger Jahre, damals noch brünett und ohne den charakteristischen Haarkranz, kontrollierte Timoschenko mit dem Stromkonzern Vereinigte Energiesysteme das größte Erdgasunternehmen der Ukraine. Der Provinzgouverneur und spätere Premierminister Pawel Lasarenko verhalf der Firma zu einer Monopolstellung im Handel mit russischem Gas. Seit 2004 sitzt Lasarenko allerdings in den USA in Haft, wegen Geldwäsche.

Timoschenko führt den Kampf ihres Lebens

Viele Ukrainer vermögen in der Auseinandersetzung zwischen der prominenten Gefangenen und Präsident Janukowitsch daher nicht den "Kampf zwischen Licht und Dunkel" erkennen, zu dem Timoschenko selbst ihr Ringen stilisiert. Und dennoch begann nach der Niederlage Timoschenkos 2010 der Abstieg der Ukraine. Vorher war das Land eine mit vielen Mängeln behaftete, fragile Demokratie. Seither aber verwandelt Janukowitschs Partei der Regionen Europas größtes Flächenland in ein autoritäres Regime.

Die Europameisterschaft und die damit einhergehende weltweite Aufmerksamkeit ist ein Glücksfall für das Land - und für Timoschenko. Die mit allen Wassern gewaschene Vollblutpolitikerin führt jetzt den Kampf ihres Lebens. Als Premierministerin agierte sie glücklos. Nun ist sie wieder in ihrer Paraderolle. Als inhaftierte Oppositionelle treibt sie ihren mächtigen Rivalen Janukowitsch vor sich her. Sie ist wie ein in die Enge getriebenes Tier, das sich umso heftiger wehrt, je mehr es bedrängt wird.

Wiktor Juschtschenko, zu Zeiten der Revolution in Orange ihr Verbündeter und heute ein erbitterte Gegner, hat sie einmal mit einem Fuchs verglichen. In einer Sitzung kritzelte er sie als Jägerin mit rotem Pelz, buschigem Schwanz und verschlagenen Augen.

Die Füchsin hatte das Maul zu einem Lächeln geöffnet - doch dahinter blitzten scharfe Zähne.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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1.
trubeldubel 30.04.2012
Zitat von sysopIhre Vergangenheit ist nicht so makellos wie ihr Auftreten glauben macht. Als "Gasprinzessin" hatte Julija Timoschenko zwielichtige Partner, als Premier agierte sie glücklos. Jetzt kämpft die mit allen Wassern gewaschene Vollblutpolitikerin vom Gefängnis aus gegen ihren Rivalen Janukowitsch. Julija Timoschenko: Der Kampf ihres Lebens - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830660,00.html)
Welch eine Widerstandskämpferin. Sie wurde sicherlich gezwungen, zwielichtige Partner an ihrer Seite zu haben. Nur die sitzen auch. Aber unser Julchen ist die Unschuld in Person. Spon stilisiert sie zur Angela Davis der Weissen. Klasse, weiter so. Da kann ich dann die Kosten für den Eulenspiegel sparen.
2. <->
silenced 30.04.2012
Sie sitzt da wo sie hingehört: hinter Gittern, so wie es jedem verurteilten Kriminellen zu ergehn hat. Ob in der Ukraine nun die Pest (Janukowytsch) oder die Cholera (Timoschenko) regiert, das ist im Endeffekt auch egal.
3.
sanhe 30.04.2012
Danke für diesen Artikel, der die Person Timoschenko auch einmal -im Gegensatz zum momentanen deutschen Politiker-Mainstream- kritisch beleuchtet, was momentan leider viel zu selten geschieht.
4. Bdm
werbe58 30.04.2012
Das ultimative Foto von JT Angela Merkel plans Euro 2012 boycott if Yulia Tymoshenko kept in jail | World news | guardian.co.uk (http://www.guardian.co.uk/world/2012/apr/29/angela-merkel-boycott-euro-2012-yulia-tymoshenko?newsfeed=true)
5. Endlich ....
Wolfes74 30.04.2012
Zitat von sysopIhre Vergangenheit ist nicht so makellos wie ihr Auftreten glauben macht. Als "Gasprinzessin" hatte Julija Timoschenko zwielichtige Partner, als Premier agierte sie glücklos. Jetzt kämpft die mit allen Wassern gewaschene Vollblutpolitikerin vom Gefängnis aus gegen ihren Rivalen Janukowitsch. Julija Timoschenko: Der Kampf ihres Lebens - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830660,00.html)
mal auch ein bissl Kritik bzw. eine Erläuterung warum viele dieser Frau und ihren Verlautbarungen skeptisch gegenüberstehen. Jetzt muss nur noch der jetzt amtierende Präsi u. seine Geolgschaft hinter Gitter wandern , denn der ist aus dem selben Holz wie Schneewittchen T. geschnitzt - dann ist wieder zusammen was zusammen gehört! Können sich ja dann gegenseitig die Ohren vollheulen wie ungerecht die Welt doch ist. Aber das bleibt wohl eher ein Märchenende/Happy-End.
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