"Fuck the EU"-Ausrutscher: Entspann dich, Europa!

Eine Analyse von Gregor Peter Schmitz, Brüssel

EU-Außenbeauftragte Ashton: Europa sollte über das amerikanische F-Wort einfach lachen Zur Großansicht
DPA

EU-Außenbeauftragte Ashton: Europa sollte über das amerikanische F-Wort einfach lachen

Die Aufregung um die "Fuck the EU"-Entgleisung der US-Top-Diplomatin Nuland ist groß. Dabei könnte die EU gelassen reagieren. In ihrer Ukraine-Politik muss sie sich von niemandem belehren lassen.

Wer mit US-Politikern zu tun hat, muss sich an eine raue Sprache gewöhnen. Hillary Clinton, bis vor kurzem als Außenministerin Amerikas oberste Diplomatin, verwendete das F-Wort freigiebig.

Und auch die amtierende Europa-Staatssekretärin Victoria Nuland reagierte nun auf eine Nachfrage der "New York Times" nach ihrem "Fuck the EU"-Kommentar eher amüsiert. So etwas gehöre doch zum Geschäft, meinte Nuland. Und sie hat recht: Das F-Wort ist in gestressten US-Kreisen so geläufig wie bei uns das Wort Scheiße.

Europa ist trotzdem empört. Kanzlerin Angela Merkel ließ am Freitag ihre Sprecherin ausrichten, sie halte Nulands Äußerung für "absolut inakzeptabel". Dabei steht die Frage im Raum: Ist die Kritik der amerikanischen Top-Diplomatin eigentlich berechtigt - auch vor dem Hintergrund eines zweiten Mitschnitts, in dem sich die EU-Diplomatin Helga Schmid offenbar beklagt, die Europäer würden von Washington unfairerweise als zu "weich" dargestellt?

Die EU bestand auf Timoschenkos Freilassung

Die Antwort ist ein entschiedenes Jein. Was stimmt: Im Machtpoker mit Russlands Präsident Wladimir Putin um die Gunst der Ukraine - immerhin der zweitgrößte Flächenstaat Europas - hechelten die EU-Verhandler um die Außenbeauftragte Catherine Ashton meist hinterher. Putin wechselte kaltlächelnd zwischen Schikanen gegen die ukrainische Regierung von Präsident Wiktor Janukowitsch und Zuckerbrot in Form von Milliardenversprechen an Kiew.

Die EU hingegen - und damit, das wird gerne vergessen, ihre Mitgliedstaaten - fokussierte sich lange vor allem auf die Freilassung der umstrittenen Revolutionsführerin Julija Timoschenko, die Janukowitsch schlicht nicht gewähren wollte. Gleichzeitig verzichtete sie in den Verhandlungen mit der Ukraine auf den stärksten möglichen Anreiz, die Aussicht einer möglichen EU-Mitgliedschaft. Und sie offerierte dem wirtschaftlich gebeutelten Land nur wenig unmittelbare finanzielle Hilfe.

Brüssel vergaß: Nur wer attraktive Angebote unterbreitet, kann auch Forderungen stellen, etwa die Zahlung von Hilfsgeldern an demokratische Reformen in der Ukraine koppeln. Erst allmählich beginnen die Europäer, dies zu begreifen, daher wird beim Angebot an Kiew nun nachgebessert - zumal die Gelegenheit günstig ist, weil Russland seine eigenen Milliardenzahlungen erst einmal ausgesetzt hat.

Aber wären schärfere Sanktionen gegen die ukrainische Regierung ein besserer Weg, wie die Amerikaner zu fordern scheinen? Die Wirkung solcher Maßnahmen wird selbst in Washington als begrenzt angesehen. Und Europa muss als direkter Nachbar auch berücksichtigen, wie wichtig die Ukraine für Russland immer noch ist. Dort kursiert eine Weisheit: "Russland ohne die Ukraine ist ein Land. Russland mit der Ukraine ist ein Empire."

Ein bisschen Humor kann nicht schaden

Staatschef Putin mag die Hoffnung aufgegeben haben, sich die Ukraine einzuverleiben. Doch er will auf jeden Fall verhindern, dass das Land Teil der EU wird - auch aus einem schwer greifbaren Gefühl der Umzingelung heraus, das ihn das riesige Land als Puffer gegen westliche Aggression sehen lässt.

In diesem Kontext könnte allzu stürmisches diplomatisches Vorgehen den russlandfreundlichen Teil der tief gespaltenen Ukraine in Aufruhr versetzen und gar zu einem Bürgerkrieg führen - was die Option vereiteln würde, die Regierung Janukowitsch bei den Wahlen im Jahr 2015 demokratisch loszuwerden.

Daher ist der vorsichtige Kurs der Europäer gar nicht so verkehrt. Das hat ihnen vor kurzem bei der Münchner Sicherheitskonferenz auch niemand Geringerer als US-Großstratege Zbigniew Brzezinski bescheinigt. Nur ein weicher Ansatz, ein Kompromiss, führe in der Ukraine zum Ziel, sagte er.

Europa sollte über das amerikanische F-Wort einfach lachen. Etwas Humor kann in den transatlantischen Beziehungen gerade ohnehin nicht schaden.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 167 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Frechheit
Peronitas 07.02.2014
Ich frage mich wie weit die Verhöhnung von Europa noch gehen soll. Die USA haben sich innerhalb nur eines Jahres auf den Tiefpunkt ihrer Beliebtheit katapultiert. Und das Schlimme daran ist, ihnen ist es absolut egal und es wird nichts getan um die sogenannte Freundschaft wieder auf die richtigen Gleise zu stellen.
2. Herr Schmitz
didiastranger 07.02.2014
was soll Europa machen? Angebote? Wie bitte schoen stellen Sie sich das vor? Ist die EU ein Bettelklub der es noetig hat die Ukraine zu koedern? Sie haben vielleicht Humor. Wenn es nicht zu duemmlich waere koennte ich ueber Ihren Artikel lachen.
3. Nebensache
Mineraloel Steuer 07.02.2014
Zitat von sysopDie Aufregung um die "Fuck the EU"-Entgleisung der US-Top-Diplomatin Nuland ist groß. Dabei könnte die EU gelassen reagieren. In ihrer Ukraine-Politik muss sie sich von niemandem belehren lassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-politik-nulands-fuck-the-eu-sollte-europa-kalt-lassen-a-952061.html
Das Fuck the EU ist doch nur nebensache. Viel interresanter ist doch das die 2 schon die zukünftige Regierung der Ukraine planen, ohne das Ukrainische Volk zu fragen. Das wird eher der Grund sein das die Russen das Gespräch veröffentlicht haben.
4. wieso Ausrutscher ?
Hilfskraft 07.02.2014
niemand sagt was, wenn er es nicht so meint.
5. Widersprüchlich
j.vantast 07.02.2014
Zitat von sysopDas F-Wort ist in gestressten US-Kreisen so geläufig wie bei uns das Wort Scheiße.
Und gleichzeitig nennt der Verfasser dieses unsinnigen Artikels Frau Nuland eine "Top-Diplomatin"? Einer "Top-Diplomatin" sollte so ein Fehler aber nicht unterlaufen. Erst recht nicht in der momentan doch recht angespannten Situation zwischen der EU und den USA. Ein "Fuck you" geht mir eigentlich am Ar... vorbei. Nur bleibt in diesem Fall der Nachgeschmack, dass dieses "Fuck the EU" die wirkliche Einstellung der USA zur EU widerspiegelt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Proteste in der Ukraine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 167 Kommentare
  • Zur Startseite