Geiselnehmer Ponomarjow Der Bürgerkriegsmeister

Er nennt die Regierung in Kiew eine "faschistische Junta", er sieht sich als revolutionärer Vorkämpfer für Putin: Wjatscheslaw Ponomarjow, "Volksbürgermeister" von Slowjansk. Wer ist der Mann, der über das Schicksal der deutschen Geiseln bestimmt?

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AFP

Gegnern droht Wjatscheslaw Ponomarjow mit der "Vernichtung", und die Polizisten in Slowjansk nimmt er nicht ernst. "Wenn einer von ihnen sich gegen uns wendet, dann ... piff-paff", sagt er.

Ponomarjow hat sich ausrufen lassen zum "Volksbürgermeister" von Slowjansk. Der 48-Jährige hat eine steile Karriere hinter sich: Bis vor kurzem leitete er eine Seifenfabrik in der Stadt in der Ostukraine.

Die Männer, die ihn gewählt haben, patrouillieren jetzt mit Kalaschnikow-Gewehren durch die Stadt und liefern sich Gefechte mit Einheiten der Zentralregierung. Mindestens 2500 Mann soll die Truppe zählen, so sagt es Ponomarjow selbst, ein paar hundert bis an die Zähne bewaffnete Freischärler sind es in jedem Fall. Eine Exil-Ukrainerin und glühende Bewunderin, die vorher in Italien lebte, begleitet den "Volksbürgermeister" auf Schritt und Tritt, sie managt seinen Tag.

Ponomarjow hantiert jetzt ständig mit drei Mobiltelefonen gleichzeitig. Kameraden bitten um Anweisungen, Journalisten um Interviews, Diplomaten und Politiker aus dem Westen um die Freilassung von Ponomarjows Geiseln.

Denn er hat OSZE-Beobachter festsetzen lassen, unter ihnen auch vier Deutsche. "Wir brauchen Gefangene", hat der "Volksbürgermeister" kürzlich gesagt - im selben Interview, in dem er auch verkündete, man werde "irgendjemanden gefangen nehmen und an den Eiern aufhängen", um die Präsidentschaftswahlen am 25. Mai zu verhindern.

Ponomarjow war vor zwei Wochen wie aus dem Nichts aufgetaucht und hat das Kommando über die prorussischen Freischärler übernommen. Er diente in der Armee, angeblich bei der Flotte. Offenbar saß Ponomarjow auch eine Haftstrafe ab, verwaltete später eine Näherei und dann die Seifenfabrik. "Er hat uns alle geschockt und überrascht", sagt sein ehemaliger Chef, der Unternehmer Iwan Degtjar. Sein unscheinbarer Fabrik-Direktor habe sich "als Revolutionär entpuppt".

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Vorkämpfer einer russischen nationalen Revolution

Ponomarjows Aufstieg unterstreicht, wie gefährlich die Lage in der Ostukraine nach der Revolution ist. Die Sicherheitsorgane sind paralysiert. Wenn ein Kleinbürger wie Ponomarjow entschlossen zur Waffe greift, findet sich kaum jemand, der sich ihm in den Weg stellt.

Am Revers trägt Ponomarjow oft das schwarz-orange Georgsband. Es war einst Tapferkeitsabzeichen der Zaren-Armee, erinnerte dann an den Sieg im Zweiten Weltkrieg und wandelt sich gerade zum Lieblingssymbol russischer Patrioten. Die Separatisten von Slowjansk wollen die Ostukraine von Kiew abspalten und unter Moskaus Kontrolle stellen - sei es als Teil der Russischen Föderation, sei es in Form eines Vasallenstaates.

Ponomarjow ist Anhänger eines anarchischen russischen Nationalismus. Er wähnt in Kiew eine "faschistische Junta" an der Macht. Sie habe sich an die Macht geputscht, deshalb fordert er das Recht ein, jetzt mit der Waffe in der Hand eine Annäherung an Russland durchzusetzen.

Wenig spricht dafür, dass Ponomarjow ein kühl kalkulierender Stratege ist. Die Zahl der Befürworter eines Verbleibs innerhalb der Ukraine in der 120.000-Einwohner-Stadt Slowjansk beziffert er auf nicht mehr als 40 Mann. Man werde sie behandeln "wie Affen, zu denen man in den Zoo geht, um sie sich anzuschauen". Mal plädiert er für eine Spaltung der Ukraine. Dann wieder droht er damit, man werde "diese Idioten aus Kiew vertreiben und dann bis Lwow" marschieren.

Wenn Ponomarjow über Russlands Präsident Wladimir Putin redet, spricht aus seinen Worten tiefe Verehrung. "Wladimir Wladimirowitsch, ich danke Ihnen für Ihre moralische Unterstützung. Ich höre zwar keine klaren Worte, aber über die Entfernung verstehe ich, dass Sie im Geiste mit uns sind. Wir müssen nicht viel reden. Uns wird schon alles gelingen", sagte er dem Moskauer Nachrichtenportal "Gazeta.ru".

Ponomarjow meint, er sei "ein einfacher Mann, Ambitionen habe ich nicht". Alles spricht dafür, dass Ponomarjow fest daran glaubt, was er sagt. Verhandlungen über das Schicksal der Geiseln sind unter diesen Umständen kompliziert. Ukrainische Sicherheitskräfte haben den Ring um Slowjansk nahezu geschlossen. Ponomarjow steht also mit dem Rücken zur Wand, aber er wirkt nicht wie jemand, der nachgeben will.

Für die OSZE-Geiseln ist die Lage bedrohlich. Denn Ponomarjow und seine Leute sehen sich als Vorkämpfer einer russischen nationalen Revolution. Und Revolutionen rechtfertigen bekanntlich in den Augen derer, die sie machen, auch unschuldige Opfer.

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Mitarbeit: Jonathan Stock

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insgesamt 166 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 28.04.2014
1. Dieser selbsternannte Bürgermeister
scheint mir eher ein Abenteurer und Spinner zu sein. Muss man so jemanden ernst nehmen?
ThinkPad 28.04.2014
2. Hermann Hesse, Der Steppenwolf
"Zwei Drittel von meinen Landsleuten [...] lesen jeden Morgen und Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, [...] und das Ziel und Ende von dem allem ist wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg [...] Alles das ist klar und einfach, jeder Mensch könnte es begreifen, könnte in einer einzigen Stunde Nachdenkens dasselbe Ergebnis finden. Aber keiner will das, keiner will den nächsten Krieg vermeiden [...] Eine Stunde nachdenken, eine Weile in sich gehen und sich fragen, wieweit man selber an der Unordnung und Bosheit in der Welt teilhat und mitschuldig ist – sieh, dass will niemand! niemand! "
retterdernation 28.04.2014
3. Die Lage in der Ostukraine eskaliert...
in Donezk gibt es heftige Auseinandersetzung zwischen prorussischen und nationalen Ukrainern. Das sieht schon ein bisserl wie Bürgerkrieg aus. Auf You Tube sind die Bilder zu sehen, auf denen selbst schwer bewaffnete Polizeieinheiten recht machtlos wirken.
TS_Alien 28.04.2014
4.
Die Unterscheidung zwischen Faschist, Nationalist und Kommunist bringt einem nichts. Denn in Wirklichkeit sind sich diese drei Gruppen sehr ähnlich. Menschenleben zählen für diese Gruppen nicht (außer das eigene). Mit der Logik und Wahrheit nehmen es diese Gruppen auch nicht genau. Die lokalen Despoten in der Ukraine und der "Demokrat" in Moskau lassen für die Ukraine nichts Gutes erahnen. Denn sobald jemand Vernünftiges in der Ukraine Menschen um sich sammelt, vielleicht wie damals Walesa in Polen, kommen die prorussischen Kugeln geflogen.
musca 28.04.2014
5.
Zitat von sysopAFPEr nennt die Regierung in Kiew eine "faschistische Junta", er sieht sich als revolutionärer Vorkämpfer für Putin: Wjatscheslaw Ponomarjow, "Volksbürgermeister" von Slowjansk. Wer ist der Mann, der über das Schicksal der deutschen Geiseln bestimmt? http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-ponomarjow-buergermeister-von-slowjansk-a-966609.html
Titel des Artikels "Der Bürgerkriegsmeister" Spiegel-online muss nicht unbedingt solch reißerische Artikelschlagzeilen" bringen. Wäre eh schlimm genug wenn in der Ukraine wirklich ein offener Bürgerkrieg ausbrechen würde ( leider ist diese Gefahr da) Wenn das so kommen sollte wäre aber kaum dieser "Bürgerkriegsmeister" aus dieser ostukrainischen Stadt im Donezbecken der Alleinschuldige an den ganzen Entwicklungen.
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