Kampf gegen Separatisten Ukrainische Freischärler sollen Gräueltaten begangen haben

Elektroschocks, Vergewaltigungen, Verstümmelungen: In Kiew sitzen Kämpfer von Freiwilligen-Bataillonen im Gefängnis. Sie sollen von Russland unterstützte Separatisten misshandelt haben. Einer ihrer Anführer wurde vor Kurzem noch als Held gefeiert.

YouTube/ Ruslan Onischenko

Aus Kiew berichtet


In einem Kiewer Gefängnis wartet ein Mann auf seinen Prozess, der eine rasante Karriere hinter sich hat: vom Verbrecher zum Helden und wieder zurück. Ruslan Onischenko war Kommandeur einer ukrainischen Freiwilligen-Einheit. Sie nannte sich "Tornado" und war rund 150 Mann stark. Die Truppe war in der Ostukraine im Einsatz und hatte sich öffentlich dem Kampf gegen die prorussischen Separatisten verschrieben.

Die Einheit verhielt sich offenbar ihrem Namen entsprechend: unberechenbar und zerstörerisch. Onischenko und mehrere weitere Männer sollen sich nun vor Gericht verantworten. In den Unterlagen der Anklage ist die Rede von illegaler Freiheitsberaubung, von Bandenkriminalität und Folter.

Anatolij Matois, oberster Militärstaatsanwalt des Landes, hat die Anschuldigungen im Fernsehen verlesen: Die Kämpfer hätten Gefangene "mit Hilfe eines Gegenstands gefoltert, der einem Stromgenerator ähnelt. Die im Keller gefangen gehaltenen Männer wurden nackt ausgezogen, an eine Betonwand gestellt und mit Wasser übergossen. Danach berührte man sie mit stromführenden Drähten an verschiedenen Körperteilen, etwa an der Schläfe, dem Geschlechtsteil und den Hoden". In einer Aussage gibt ein ehemaliger Gefangener an, man habe ihn "unter Androhung des Todes gezwungen, einen anderen Gefangenen zu vergewaltigen".

Zwei der rund ein Dutzend im Gefängnis sitzenden "Tornado"-Kämpfer sollen geplant haben, den Kiew unterstehenden regionalen Polizei-Chef zu erschießen. Einer von ihnen ist ein Scharfschütze.

Erst vor wenigen Monaten war Kommandeur Onischenko noch ein öffentlich gefeierter Held. Filaret, Oberhaupt der ukrainischen orthodoxen Kirche, hatte ihn mit einem Orden ausgezeichnet.

Belastende Fotos im Internet

Auch andere Einheiten haben Kriegsverbrechen begangen. So nahm im Mai eine Einheit der Nationalisten-Garde "Rechter Sektor" nach einem Gefecht einen Kämpfer der ostukrainischen Separatisten gefangen. Der Mann warf den Bewachern später vor, ihm beide Zeigefinger abgehackt zu haben.

Im Internet kursierende Fotos belasten die Einheit des "Rechten Sektors". Sie zeigen den Gefangenen kurz nach dem Gefecht. Auf einigen der Aufnahmen sind Fingerstümpfe zu sehen. Die Wunden sind frisch.

Ein Kämpfer des "Rechten Sektors" brüstete sich mit der Tat auf seiner Facebook-Seite. Das Gefecht sei ein "gutes Training für die Offensive auf Donezk" gewesen, schrieb er. Ilja Bogdanow, Kommandeur des "Rechten Sektors", bestätigte die Verstümmelung. Die Tat diskreditiere seine Truppe. "Die Drecksau aus meinem Zug, die dem Gefangenen die Zeigefinger abgeschnitten hat, arbeitet für Putin", schrieb er auf Facebook.

Der eingeschüchterte Gefangene wurde auch von einem ukrainischen Freischärler, Kampfname "Röhm", einem Internet-Sender vorgeführt. Die Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsgefangenen ächten ein solches Zurschaustellen.

Bereits vergangenes Jahr hatte Amnesty International Beweise für die Hinrichtung von Gefangenen zusammengetragen - auf beiden Seiten der Front. Dem Separatisten-Kommandeur Arsenij Pawlow, genannt "Motorola", werfen die Menschenrechtler vor, nach der Eroberung des Donezker Flughafens mindestens einen Gefangenen eigenhändig per Kopfschuss getötet zu haben.

"Faschisten" gegen "Terroristen"

Die Kriegsverbrechen sind Symptome einer sukzessiven Verrohung, die von beiden Seiten befördert wird. Die Separatisten hetzen gegen die ukrainischen "Faschisten". Die Regierung in Kiew spricht den prorussischen Kämpfern als "Terroristen". Tatjana Masur von Amnesty International in der Ukraine betont, es gebe keine Anzeichen für systematische Misshandlungen von ukrainischer Seite: "Doch es gibt diese Fälle und sie sind verbreitet".

In Kiew zeigen sich nach dem "Tornado"-Skandal Ansätze einer öffentlichen Debatte über Rolle und Kontrolle der Freiwilligen-Bataillone. Die Ukraine hatte sie bewaffnen lassen, weil die reguläre Armee den Separatisten zu Beginn der Kämpfe wenig entgegen zu setzen hatte. Militärstaatsanwalt Anatolij Matios schob dem Innenminister Arseni Awakow eine Mitverantwortung zu. Man hätte "viele Menschenleben retten können, wenn im Innenministerium die richtigen Personal-Entscheidungen getroffen worden wären".

Die "Tornado"-Einheit war - zumindest auf dem Papier - der Polizei unterstellt. Doch Warnhinweise wurden ignoriert. Der Inlandsgeheimdienst SBU hatte bereits im November "Tornado"-Kämpfer festgenommen. Sie waren mit Maschinenpistolen und Handgranaten unterwegs, allerdings nicht an der Front, sondern in der Hauptstadt Kiew.

"Tornado"-Kommandeur Ruslan Onischenko war mehrfach vorbestraft. Für seine politischen Unterstützer war das aber kein Grund zur Vorsicht. Im Gegenteil. Der Nationalist Oleh Ljaschko, Chef der an der Regierungskoalition beteiligten "Radikalen Partei", möchte sogar mehr Vorbestrafte an die Front schicken: Straftäter würden einfach "besser kämpfen".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 233 Beiträge
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Seite 1
ackergold 29.07.2015
1.
Die Tatsache, dass die Kriegsverbrecher bereits im Gefängnis sitzen und gegen sie ermittelt wird, zeigt allenfalls, dass die Ukraine auf einem guten Weg ist. Sonst gar nichts. Ob Kriegsverbrecher wie Girkin in Russland ein ähnliches Verfahren zu erwarten haben, erscheint dagegen eher zweifelhaft. Für Putin sind schließlich russische Kriegsverbrecher "die Guten".
shodanpc 29.07.2015
2. Soso..
Danke Spiegel, das zur Abwechslung auchmal negatives über die Ukrainischen Kämpfer kommt. Auch das endlich mal gesagt wird was dort ist: Krieg.
premiummails 29.07.2015
3. Zu spät ...
OK, jetzt merkt es auch Herr Bidder ... . Die Vorwürfe waren lange bekannt. Und das Schlimmste: Das wurde und wird von der EU immer wieder mit völlig unkontrollierten illegitimen Krediten, "Zuschüssen zur ukrainischen Gasrechnung" etc. unterstützt. Fern jeder demokratischen Kontrolle und Verantwortung. Deutschland hat (mindestens) mitgemacht, auch die USA soielen eine unrühmliche Rolle, für die man sich schämen muss. Was haben wir dagegen getan? - Nicht genug!
sorata 29.07.2015
4. Was ist
jetzt mit den ganzen Putin-Verstehern, die von Anfang an darauf hingewiesen haben, dass USA/NATO/EU und die ukrainische Regierung keine Hemmungen haben, Faschisten und Verbrecher zu nutzen, um ihre Ziele zu erreichen? Dabei sind das in erster Linie Ziele der USA und die sind zum Nachteil Europas.
icr 29.07.2015
5. Überschrift
Habt ihr eben in der Überschrift das Wort "Kriegsverbrechen" gegen "Gräueltaten" ausgetauscht? Welchen Grund hatte das denn?
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