Kämpfe in der Ostukraine Putin vergleicht ukrainische Armee mit Wehrmacht

Russlands Präsident Putin kritisiert die ukrainischen Truppen scharf - und zieht einen zweifelhaften historischen Vergleich. Gleichzeitig erklärt er, Russen und Ukrainer seien "praktisch ein Volk".


Moskau/Kiew - Im Ukraine-Konflikt hat Kreml-Chef Wladimir Putin die Regierungseinheiten des Nachbarlandes mit scharfen Worten kritisiert. Er verglich das Vorgehen der ukrainischen Armee mit der Belagerung von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht. "Es erinnert mich leider an die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg", sagte er am Freitag in einem Jugendlager in der Nähe von Moskau. Damals hätten deutsche Faschisten russische Städte umstellt.

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Heft 35/2014
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Die ukrainische Armee kessele nun Dörfer und Städte ein und greife Wohngebiete an. Sie habe dabei das Ziel, die Infrastruktur zu zerstören, beklagte Putin. Er bezog sich dabei auf die Kämpfe um die Städte Luhansk und Donezk.

Wörtlich sagte er der Agentur Interfax zufolge: "Ihre Taktik erinnert mich an die der faschistischen deutschen Truppen in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Großstädte wurden eingekesselt und durch gezielten Beschuss zerstört, samt Einwohnern."

Die Wehrmacht belagerte Leningrad von September 1941 bis Januar 1944. Durch Hunger, Kälte und Kämpfe kam Schätzungen zufolge etwa eine Million Menschen ums Leben. Die ukrainische Armee hat in den vergangenen Wochen versucht, die von den Separatisten beherrschten Städte Donezk und Luhansk einzunehmen.

Putin spricht von "militärisch-humanitärer Operation" der Rebellen

Putin forderte erneut Verhandlungen zwischen der Regierung in Kiew und den prorussischen Milizen. Zugleich sagte er, Ukrainer und Russen seien "praktisch ein Volk".

Das Verhalten der prorussischen Separatisten könne er verstehen, betonte der Präsident. "Der Sinn ihrer militärisch-humanitären Operation besteht darin, die ukrainische Artillerie und die Mehrfachraketenwerfer von den Großstädten zu verdrängen, damit sie nicht mehr friedliche Zivilisten töten können." Gerade erst am Freitag warf die Uno den Separatisten, aber auch den Regierungstruppen schwere Menschenrechtsverletzungen vor.

Putin verteidigte erneut das Vorgehen Moskaus im Fall der Schwarzmeer-Halbinsel Krim. "Wir haben die Krim nicht annektiert, sondern geschützt. Sonst würde es dort jetzt so aussehen wie in der Ostukraine", meinte Putin. Russland hatte sich die völkerrechtlich zur Ukraine gehörende Region im März nach einem umstrittenen Referendum einverleibt.

Dank an den Widerstand in "Neurussland"

Bereits in der Nacht zum Freitag hatte sich der russische Staatschef in einer Erklärung direkt an die Separatisten gewandt. Er ruft sie darin auf, einen "humanitären Korridor" zu öffnen für den Abzug eingekesselter ukrainischer Truppen, und lobt die jüngsten "wichtigen Erfolge der Landwehr".

Er dankte dem Widerstand von "Noworossija" ("Neurussland"). Unter diesem Kampfbegriff fassen rechte Kreise in Russland den ganzen russisch geprägten Südosten der Ukraine zusammen. Das Gebiet ist um ein Vielfaches größer als die bislang umkämpfte Region Donbass.

Die Bundesregierung warf Russland am Freitag eine militärische Beteiligung an den Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Separatisten in der Ostukraine vor. Schon seit einiger Zeit gebe es Hinweise auf die Präsenz von Russen und russischen Waffen in der Ostukraine, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. Jetzt würden sich diese Hinweise häufen. "Das alles verdichtet sich zu einer militärischen Intervention", sagte Seibert.

Am Samstag trifft sich der Europäische Rat in Brüssel, um über neue Sanktionen gegen Moskau zu beraten. Im Osten der Ukraine hatte sich die Situation in den vergangenen Tagen nochmals verschärft. Die Führung in Kiew warf Russlands Armee am Donnerstag vor, einen wichtigen Grenzort und umliegende Dörfer eingenommen zu haben. Nach Angaben der Nato kämpfen mehr als tausend russische Soldaten in der Ukraine an der Seite der Separatisten.

heb/fab/dpa/Reuters

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insgesamt 325 Beiträge
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berni_8204 29.08.2014
1. Recht hat erWehrmacht nur bedingt
Von den Ansichten her kann die ukrainische Armee mit einer kleinen Wehrmacht verglichen werden, von den Ansichten und der Ideologie ein Feindbild zu eliminieren. Genau wie die Wehrmacht auch unterhält sie radikale Verbände wie die Nationalgarde die mit einer kleinen SS vergleichbar ist. Die ukrainische Armee ist halt nur nicht so effizient wie die Wehrmacht, aber ansonsten steht sie ihr in nichts nach.
franko_potente 29.08.2014
2.
Die Ukraine will der Nato beitreten, und dann wundert man sich, das Putin das irgendwie zu verhindern versucht.
stasilaus 29.08.2014
3. Der weiss, wovon er redet
Leningrad (heute wieder St. Petersburg) ist seine Heimatstadt. Sein älterer Bruder ist in der Belagerung durch die deutschen Truppen umgekommen. Deshalb versucht er ja, die Bevölkerung aus den Städten in der Ostukraine herauszuholen. Weil er weiss, was Faschisten in ihrem Wahn und Hass auf alle Anderen mit Menschen tun.
sunhaq 29.08.2014
4.
Der Mann, der russische Nazis wie die Russischen Nationale Einheit auf die Bevölkerung der Ukraine hetzt, bezeichnet vergleicht die Armee des Gegner mit der Wehrmacht. Das zeigt, wie genau der russische Duce es mit der Realtität nimmt.
bodo@3t.ie 29.08.2014
5. Putin Spinnt !
Jetzt wird Er echt größenwahnsinnig ! Jetzt versucht Er den Einmarsch Russischer Truppen rechtfertigen - dann kann es nicht mehr lange dauern bis Er den Einmarsch auch offiziell bestätigt - GENAU die gleichen Wörter hat Er auf der Krim benutzt !
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