Ostukraine Im Land des Misstrauens

Im Osten der Ukraine stimmen die Bürger gegen die verhasste Zentralregierung. Kiew zeigt sich überfordert. Beide Seiten in diesem Konflikt haben die Menschen so sehr gegeneinander aufgehetzt, dass ein Ausweg kaum möglich scheint.

Aus Donezk berichtet

REUTERS

Vor der besetzten Gebietsverwaltung von Donezk herrscht am Sonntagabend Feierstimmung. Hunderte Leute haben sich versammelt, schütteln freudig Hände und diskutieren über die Folgen des offenbar gelungenen Referendums. "Ab morgen sind wir eine unabhängige Republik, und alle Armeeeinheiten der Regierung sind ab da Okkupanten, und wir jagen sie zum Teufel", freuen sich ein paar junge Männer, die auf einer Bank in der Nähe der Verwaltung Bier trinken.

Soweit wird es sicher nicht kommen: Auch wenn offenbar jeweils eine Mehrheit der Bürger in Donezk und Luhansk für die Eigenständigkeit der beiden Regionen gestimmt hat -es wird ab Montag keine neuen Grenzen in Europa geben.

Die Menschen haben nicht für jene kleine Separatisten-Gruppe gestimmt, die sich seit Wochen in der Gebietsverwaltung verschanzt. Sie haben auch nicht für einen Anschluss an den "großen Bruder" Russland gestimmt - die zurückhaltenden offiziellen Äußerungen aus Moskau sprechen gegen eine Wiederholung des Krim-Szenarios.

Die Abstimmung war vor allem ein klares Votum gegen die Übergangsregierung in Kiew.

Fragt man die Menschen vor den Wahllokalen nach dem Referendum, antworten sie mit einer Schimpftirade auf die Politiker. Jene Politiker, die es in ihren Augen zugelassen haben, dass in Odessa mehr als 40 Regierungsgegner beim Brand eines Gewerkschaftshauses erstickten, und die Panzer in Städte rollen und dabei auf Zivilisten schießen lassen, so geschehen am vergangenen Freitag in Mariupol.

Auch die jüngsten Meldungen aus der Stadt Krasnoarmijsk, nordwestlich von Donezk, dürften die Wut anheizen. Dort soll laut der Nachrichtenagentur AP am Sonntag ein Soldat der ukrainischen Nationalgarde in eine Menschenmenge geschossen haben. Die Separatisten berichten von mehreren Toten.

Die russische Propaganda ist erfolgreich

Die Hintergründe der Blutbäder in Odessa und Mariupol sind völlig unklar, aber den Erklärungen der Kiewer Regierung oder der ukrainischen Medien glauben die Menschen in Donezk und anderswo schon lange nicht mehr. Sie lassen sich die Ereignisse von der russischen Propaganda erklären, und dort heißt die eindeutige Message: Die faschistische Kiewer Junta schießt auf die eigenen Bürger. Die Propagandamaschine ist der entscheidende Einfluss Moskaus auf die Entwicklungen im Osten, ihre Wirkung ist beeindruckend.

Anders als von den russischen Medien berichtet, besteht die "Bürgerwehr des Donbass" schon lange nicht mehr aus friedlichen Bürgern: Im nicht weit von Donezk entfernten Slawjansk fahren die Separatisten auf erbeuteten Schützenpanzerwagen durch die Straßen, laut "Volksbürgermeister" Wjatscheslaw Ponomarjow stehen dort 2500 Mann unter Waffen. Die nun schon seit Wochen andauernde "antiterroristische Operation" der Kiewer Übergangsregierung gegen die Rebellen verschlimmert die Lage noch. Sie bringt die Menschen gegen Kiew auf.

Die Regierung lässt Panzer gen Osten rollen. In Mariupol hat sie Kämpfer der Bataillone "Dnepr" und "Donbass" eingesetzt - Freiwillige und ehemalige Maidan-Kämpfer, die in Uniformen ohne Hoheitszeichen auftreten und zum Teil vom Oligarchen Igor Kolomojskij finanziert werden. Solche Aktionen haben bei den Menschen im Osten der Ukraine die letzten Zweifel ausgeräumt: Unter dieser Regierung wollen sie nicht mehr leben.

Die Regierung in Kiew wird ihre Strategie überdenken müssen

Die Reaktionen der Kiewer Regierung auf das Referendum wirken hilflos. "Ich wende mich an alle Beamten der Gebiete Donezk und Luhansk. Diejenigen, die an dieser kriminellen Aktion beteiligt sind, werden dafür entsprechend der ukrainischen Gesetze zur Verwantwortung gezogen", teilte der Leiter der Präsidialverwaltung Sergej Paschinskij in Kiew mit.

Auch wenn die Durchführung des Votums keinerlei demokratischen Grundsätzen genügte - die Regierung in Kiew wird ihre Strategie gegenüber den Menschen des Donbass überdenken müssen.

Einzelne machen bereits vor, wie es gehen könnte. In einem Café im Stadtzentrum von Donezk sitzen am Sonntagabend Aktivisten des Kiewer Maidan, die nicht glauben, dass ihre Regierung das Land retten kann, und die die Sache selbst in die Hand nehmen wollen. Anatolij Motchany, Offizier der Reserve, stellt sich als Mitglied des "Koordinationsrates des Maidan" vor: Er und einige Mitstreiter haben sich am Freitag zum einem runden Tisch mit den "Patrioten des Donbass" getroffen, einer gegen Kiew gerichteten Gruppierung von Armee- und Polizeiveteranen in Donezk.

"Seit November haben uns die Politiker gegeneinander aufgehetzt: Die Menschen im Osten hassen uns und nennen uns Faschisten, und für die Menschen im Westen sind die von hier nur noch Kartoffelkäfer. In Wirklichkeit sind aber alle Probleme lösbar", glaubt Motchany. In den nächsten Wochen wollten sich Emissäre aus dem Osten mit Vertretern des Maidan treffen und über Wege aus dem "Bruderkrieg" beraten, wie sie es nennen. Wer hinter der Gruppe von Motchany steht, ist unklar. Aber nach dem Votum des Donbass gegen Kiew ist jeder Versuch, die Menschen aus beiden Landesteilen an einen Tisch zu bringen, Gold wert.

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insgesamt 39 Beiträge
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WernerT 11.05.2014
1. Eigentlich einfach
Wenn einer Panzer schickt, die auf friedliche Bevölkerung schließen, dann ist klar, wer der Feind ist. Auch ohne Propaganda von irgendjemand. Wenn die Schützen dann noch nicht mal die lokale Sprache sprechen, dann ist auch dem Dümmsten klar, dass die Regierung nur noch auf Bajonetten beruht.
spon-facebook-720796197 11.05.2014
2. Das könnte ihr doch nicht ernst meinen...
"Die russische Propaganda ist erfolgreich" Das ist doch wohl ein schlechter Scherz?! Sollen die Leute etwa lieber denjenigen Glauben, die uns hier seit Monaten zu erzählen versuchen, dass eine Putschregierung mit Faschistenbeteiligung, die auf unbewaffnete Zivilisten schießen lässt, die Guten sind???
Olaf 11.05.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSIm Osten der Ukraine stimmen die Bürger gegen die verhasste Zentralregierung. Kiew zeigt sich überfordert. Beide Seiten in diesem Konflikt haben die Menschen so sehr gegeneinander aufgehetzt, dass ein Ausweg kaum möglich scheint. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-referendum-im-osten-hass-auf-kiew-a-968815.html
Wie unter den Umständen am 25.5. eine faire Wahl stattfinden soll, wissen wohl auch nur Steinmeier und Merkel.
frieden!!! 11.05.2014
4.
Die ukrainische Armee "beschützt" friedliche Bürger, die zu Referendum in ostliche Stadt Krasnoarmeisk gehen wollen!
silverhair 11.05.2014
5. Menschenrechtsverletzungen
Zitat von sysopREUTERSIm Osten der Ukraine stimmen die Bürger gegen die verhasste Zentralregierung. Kiew zeigt sich überfordert. Beide Seiten in diesem Konflikt haben die Menschen so sehr gegeneinander aufgehetzt, dass ein Ausweg kaum möglich scheint. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-referendum-im-osten-hass-auf-kiew-a-968815.html
Keinen demokratischen Grundsätzen? Es ist nach der Verfassung der USA "legal" sich gegen Regierungen auch Gewaltsam zu wehren, es ist nach der Charta der Menschen rechte legal, was nur nicht legal ist diesen Menschen dieses Recht zu verweigern! Im Moment steht Obama nicht mehr auf dem Boden seiner Verfassung, und viele Regierungen die das Verweigern (Merkel) machen sich einer Menschenrechtsverletzung gigantischen Ausmaßes aus purem Imperialismus schuldig! Ob der Autor das auch noch am 4 Juli (Independens Day) so sieht , wenn über jeden Fernsender der Aufstand der Separatisten gegen das "Herrschaftland" Gross britannien gefeiert wird?
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