Polizei-Offensive in Kiew "Die Wut wird nicht verfliegen"

Machtprobe in klirrender Kälte: In Kiew zerstört die Polizei die Barrikaden der Regierungsgegner, unermüdlich zeigen sich die Klitschko-Brüder an der Protestfront. Die Konfrontationen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten verlaufen mitunter überraschend.

Aus Kiew berichtet

AP/dpa

Männer mit Helmen und roten Westen kontrollieren die Barrikaden im Zentrum von Kiew. Sie stellen sich vor als Veteranen des Afghanistan-Kriegs, als "Garde des Maidan". Die Veteranen haben Breschen in den Barrikaden geschlossen, die dem Regierungsviertel zugewandt sind. Denn von dort, heißt es, werde er losbrechen, der Sturm der gefürchteten Sondereinheit "Berkut" - Steinadler.

Ein paar hundert Meter weiter Kiews Stadtverwaltung, seit zwei Wochen besetzter "Stab der Revolution", wie sie etwas großspurig an die Außenwand gesprüht haben. Lazarett träfe es besser. Im von schweren Säulen getragenen Festsaal haben sich Aktivisten auf dem Boden ausgestreckt, Krankenschwestern mit selbstgenähten Rot-Kreuz-Westen eilen zwischen ihnen hin und her. Die Revolutionäre von Kiew versorgen ihre Wunden. Sergej trägt Trainingsanzug und Dreitagebart. Er hat sich verbrannt an einer der Eisentonnen, in denen die Demonstranten nachts Feuer machen gegen die Kälte. Sergej reibt das Bein mit Schnee ein.

Sergej ist 27, er stammt aus Kiew. Tagsüber arbeitet er als Coach einer Handball-Mannschaft, von acht bis drei. Er will Janukowitsch loswerden und fordert eine Regierung, die sich an Europa orientiert. Seit zwei Wochen geht er jetzt schon dafür auf die Straße, immer nach der Arbeit, von drei bis acht Uhr morgens. Aber die Kälte zermürbt die Männer, sie sind müde.

Metrostationen gesperrt

Die Polizei hat die Demonstranten eingekesselt. Am Montag zogen überall in Kiew gegenüber den Barrikaden der Demonstranten Truppen des Innenministeriums und auch die Berkut-Einheit auf. Fünf Metrostationen rund um den Maidan-Platz im Zentrum von Kiew wurden gesperrt. Wegen Terrorgefahr, hieß es. In Wahrheit aber, um den Zustrom von Demonstranten zu erschweren.

Als Erstes traf es die Parteizentrale von Julija Timoschenko, ein Areal wie eine Festung im Stadtteil Podil, umgeben von hohen Zäunen und Toren. Polizisten und mit Maschinenpistolen bewaffnete Berkut-Kämpfer schwangen sich über die Mauern des Partei-Hauptquartiers und stürmten das Gebäude. Sie traten Türen ein und beschlagnahmten Computer und Server. Die offizielle Begründung für den Zugriff war am Abend unklar: Womöglich steht er aber in Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Hochverrats gegen Arsenij Jazenjuk. Der Ex-Außenminister ist Chef der Timoschenko-Partei und einer der Anführer der Proteste in der Ukraine. Aus Furcht vor einem Sturm räumte Vitali Klitschkos Partei Udar ihre Parteizentrale.

"Wir koordinieren uns schlecht, wir haben kein Zentrum", sagt Sergej in der Kiewer Stadtverwaltung. Dann und wann laufen Boten über die dunklen Gänge des Gebäudes. Sie verkünden Neues von der Machtprobe mit der Polizei. Die Frontabschnitte in diesem Kampf tragen die Namen von Straßen im Zentrum von Kiew. Auf der Institutsstraße am Hotel Ukraina ist die Polizei um 600 Meter näher an den Maidan vorgerückt. An der Schowkowytschna-Straße im Regierungsgebiet setzt die Staatsmacht einen Traktor ein, Vitali Klitschkos Bruder Wladimir hat sich ihm entgegengestellt.

"Die Berkut greifen an"

Am kritischsten aber ist die Lage in der Ljuteranska-Straße, gleich neben der lutherisch-evangelischen Kirche. "Die Berkut greifen an", schallt es weit nach Mitternacht durch die Gänge der Stadtverwaltung. Sergej klopft den Schnee vom Bein und läuft mit zwei Freunden los.

Sie erreichen die Ljuteranska gerade zur rechten Zeit. Demonstranten blockieren den Vormarsch der Berkut-Einheit. Zwei Polizisten haben den Anschluss an ihre Truppe verloren. Man hat sie eingekreist, einer verliert sein Schutzschild, Fäuste fliegen. "Hört auf, die Polizei zu schlagen" ruft Sergej. Mit Kollegen bildet er schnell einen Ring um die Beamten und eskortiert sie zur nächsten Polizei-Absperrung. Solche Angriffe, sagt er, gingen auf das Konto von Provokateuren der Regierung.

Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Viele der Demonstranten auf der Ljuteranska-Straße sind vermummt, einige tragen Eisenstäbe. Am Nachmittag war die Lage vor der Kirche schon einmal fast eskaliert, als 300 Anhänger der der Nationalisten-Partei "Swoboda - Freiheit" mit Knüppeln auf die Polizei losgehen wollten. Sie zogen erst wieder ab, nachdem Swoboda-Chef Oleg Tjagnibok interveniert hatte.

"Eure Opposition streitet doch nur"

In der Nacht aber bleibt es weitgehend friedlich vor der Kirche. Über mehrere Stunden stehen sie sich Auge in Auge gegenüber: Demonstranten und die Berkut. Hin und wieder lassen die Polizisten ihre silbernen Schilder etwas sinken. Die Aktivisten versuchen dann, mit ihnen zu diskutieren. Ob sie sich denn nicht auch wünschten, dass ihre Kinder eines Tages in einer europäischen Ukraine aufwachsen.

"Und was schlagt ihr vor?", stößt einer der Männer plötzlich hervor.

"Vorgezogene Neuwahlen", skandieren die Demonstranten.

"Eure Opposition streitet doch nur", sagt der Polizist, bevor er das Schild wieder anhebt. Ende der Debatte. Nur so viel lässt er noch wissen: Den Klitschko, den würde er auch wählen.

Dann rückt seine Einheit vor, Schild an Schild. Erst fällt das Zelt, das die Janukowitsch-Gegner mitten auf der Straße aufgeschlagen hatten. Dann auch die Barrikade, die sie nach der Massenkundgebung am Sonntag errichtet hatten. Doch dabei bleibt es in dieser Nacht: Ein paar Meter Geländegewinne für die Behörden, doch die zentrale Zeltstadt auf dem Maidan bleibt unangetastet. Janukowitsch hat Verhandlungen mit der Opposition angekündigt. Die Rede ist von einem Runden Tisch.

Vor der Kirche zupft ein Demonstrant Akkorde auf seiner Gitarre und singt ein Lied des russischen Rockstars Juri Schewtschuk: "Ne strelai - Schieß nicht". Drinnen im Gotteshaus wärmen sich Aktivisten auf. Ein orthodoxer Priester trinkt heißen Tee. Er steht Rücken an Rücken mit einem radikalen Kirchengegner, Pjotr Wersilow, dem aus Moskau angereisten Mann der inhaftierten Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa.

Hausrecht hat in der Kirche ein Deutscher. Pfarrer Ralf Haska beobachtet seit Ende November schon den Stellungskrieg, den sich Polizei und Demonstranten vor den Toren seiner Kirche liefern. Polizeieinsätze könnten die Krise nicht beenden, sondern einzig vorgezogene Neuwahlen. Die Wut der Menschen werde nicht einfach verfliegen. Oder wie Haska es ausdrückt: "Die Barrikade ist weg, mal sehen, wann sie wieder steht."

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