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Donezk unter Beschuss: Überleben in der Frontstadt

Von , Donezk

Es gibt kein Geld mehr, Einkaufszentren schließen, Zeitungen werden eingestellt - in der umkämpften ostukrainischen Stadt Donezk gibt es keinen Alltag mehr. Nur die Separatisten spielen noch Normalität.

Die Blumenverkäuferin im Kiosk am Komsomolsky Prospekt ist noch da. Jeden Morgen um neun sperrt sie ihren Laden auf und sortiert frische Blumen in die Vasen. Zwei Sorten hat sie noch im Angebot: Rosen und Gladiolen. Die Rosen kommen aus Ecuador, die Gladiolen aus der Gegend von Donezk. Was denn, die Stadt wird bombardiert, aber irgendjemand liefert noch Blumen aus Ecuador? "Ja", sagt Irina, "die werden mit dem Auto aus Dnipropetrowsk durch die Frontlinien gebracht. Es sind zwar nicht mehr viele Leute in der Stadt, aber ihre Geburtstage feiern sie noch. Wollen Sie die auch noch absagen?"

Exakt drei Monate war es gestern her, dass sich die Donezker Volksrepublik in einem Referendum für unabhängig erklärte. Aber nun herrscht Krieg, die einst so stolze Stadt ist nicht wiederzuerkennen, mit jedem Tag stirbt sie ein bisschen mehr. Kiews Armeesprecher hat die Bevölkerung gestern dazu aufgefordert, die Stadt zu verlassen - der Angriff stehe unmittelbar bevor. Für die Flüchtenden stünden Transportmittel bereit, humanitäre Korridore seien eingerichtet. Wo? Darüber schwieg er sich aus.

Jetzt hat auch noch das "Internationale Business-Zentrum" mit seiner Shoppingmall dichtgemacht, über Nacht sind dort ebenfalls alle Schaufenster mit Spanplatten zugenagelt worden. Das dreistöckige Gebäude war eine der letzten Lebensadern für die Donezker: Im Atrium gab es eine Filiale der Ersten Ukrainischen Internationalen Bank, die zum Imperium des Oligarchen Rinat Achmetow gehört. Deren Automaten gaben bis zum Wochenende noch Bargeld aus. Aber auch damit ist es nun vorbei. In Donezk jetzt noch an Geld zu kommen, ist fast unmöglich. Die Nationalbank in Kiew hat mitgeteilt, sie stelle alle Bankoperationen im Osten ein - so lange, bis die betreffenden Städte von den Rebellen befreit seien.

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Fotostrecke: "Bomben und Wodka vertragen sich nicht"
Aber auf eine ganz eigenartige Weise funktioniert die Frontstadt Donezk noch immer. In den Bussen fahren noch ein paar Leute zur Arbeit, ein Teil der Bergwerke fördert noch Kohle. Im Zeitungskiosk an der Uliza Universitetskaya sitzt die Verkäuferin, sie ist um die 60 Jahre alt und zuckt nicht mal, wenn irgendwo Artillerieeinschläge zu hören sind. Es gibt sogar noch eine Tageszeitung in ihren Auslagen: die "Komsomolskaya prawda" aus Kiew, die hier mit einem Donezker Lokalteil erscheint. Sie wird in der Donezker Druckerei "Neue Welt" gedruckt. Normalerweise. Aber die Druckerei hat seit Montag keinen Strom, sie befindet sich im Bahnhofsviertel, das fast regelmäßig unter Artilleriefeuer liegt. Gleich mehrere Trafo-Stationen sind ausgefallen. "Vielleicht erscheint sie morgen wieder", sagt die Frau lächelnd. Die Zeitung ist ihr im Grunde egal, es kauft ohnehin kaum noch jemand bei ihr. Aber sie klammert sich an die Normalität, sie will, dass zumindest einiges noch so weitergeht wie bisher.

Der Lebensmittelladen der Kette Brusnitschka gegenüber ist noch immer gut versorgt. Aber auch er hat kaum Kundschaft - woher auch, es gibt ja kaum noch Geld. An der Eingangstür klebt ein halbes Dutzend Zettel mit amtlichen Mitteilungen. Auf ihnen wird mitgeteilt, dass sich die nächstgelegenen Bombenschutzkeller in der Universitetskaya 37 und am Theater-Prospekt 24 befinden. Seit Montag hängt dort auch die neueste Verfügung der Rebellenbehörden: "Es wird kein Alkohol mehr verkauft." "Die meinen, Bomben und Wodka - das vertrage sich nicht", brummelt eine Verkäuferin.

"Die" - das ist die Regierung der "Donezker Volksrepublik". Sie ist besonders eifrig dabei, Normalität zu demonstrieren, obwohl sie wahrscheinlich selbst nicht weiß, ob sie nächste Wochen noch im Amt sein wird. Montag Nachmittag führte sie am Puschkin-Boulevard ihre turnusmäßige Sitzung durch, der letzte Teil war sogar öffentlich. 22 Minister waren da, nur der berühmte Oberst Strelkow, der Chef des Verteidigungsressorts, fehlte. Vorn am Tisch saß Alexander Sachartschenko, der Premier. An seiner Felduniform trug er das russische Georgskreuz 4. Klasse, das für besondere militärische Leistungen bei der Verteidigung des Vaterlands oder bei Kampfeinsätzen auf dem Territorium anderer Staaten verliehen wird.

In der Stadt hat niemand mehr Geld

Das Kabinett der Aufständischen debattierte über das neue Schuljahr, das am 1. September beginnt. Darüber, welche Schulen durch Artilleriebeschuss beschädigt seien und dringend instandgesetzt werden müssten, wie die Rentner nun an ihre Renten kämen und welche Beihilfen man den Angehörigen getöteter Zivilisten zahlen solle. Die Minister beschlossen, die Preise für kommunale Dienstleistungen einzufrieren und Strafen für säumige Kreditzahler auszusetzen. Aber dieses Beschlusses hätte es eigentlich nicht bedurft, es hat ja niemand mehr Geld in der Stadt. 1500 Abiturienten seien zum Studium an russische Hochschulen entsandt worden, teilte der Bildungsminister noch mit.

Eines der Hauptthemen war der Ausbruch von 106 Schwerverbrechern aus dem Hochsicherheitsgefängnis Nr. 124. Dort waren in der Nacht zuvor Granaten eingeschlagen, es hatte einen Toten und mehrere Verletzte gegeben. Unter den Gefangenen brach Tumult aus, sie flüchteten. Etwa 30 seien inzwischen freiwillig zurückgekehrt, berichtete der Premier. Die meisten anderen hätten sich telefonisch bei der Lagerleitung gemeldet und ebenfalls ihre Rückkehr in die Haftanstalt versprochen - sobald sich die Lage in Donezk "stabilisiere". Fünf der Geflohenen aber hätten sich an die Rebellen gewandt und um Aufnahme als Kämpfer in die Reihen der Volkswehr gebeten. Man werde den Hintergrund ihrer Strafen prüfen und dann über die Bitten entscheiden, so der Premier.

"Von einem generellen Waffenstillstand kann keine Rede sein"

Sachartschenko gab sich gestern trotziger als in den letzten Tagen. Dass die ukrainische Armee auf dem Vormarsch sei, wollte er nicht gelten lassen. Sie selbst bereiteten für die nächsten Tage einen Großangriff gegen die Ukrainer vor, kündigte er an, "der Kampfgeist unserer Leute ist hoch". Und dann präzisierte er Meldungen vom Wochenende, wonach die Separatisten zu einem Waffenstillstand bereit seien. Da habe man ihn missverstanden, so Sachartschenko. Dieser Vorschlag habe sich lediglich darauf bezogen, dass die Volksrepublik die Waffen dort ruhen lassen werde, wo humanitäre Korridore zur Versorgung der notleidenden Bevölkerung eingerichtet würden. "Von einem generellen Waffenstillstand kann keine Rede sein - (die Niederlagen von) Slowjansk und Kramatorsk, das verzeihen wir dem Kiewer Regime nicht."

Schließlich verabschiedete das Kabinett - einstimmig - einen mit dem Parlament der "Volksrepublik" abgestimmten Beschluss, der die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung und ziviler Objekte durch das "faschistische Regime in Kiew" aufs Schärfste verurteilt. Das Vorgehen der ukrainischen Armee stehe im Widerspruch zu sämtlichen internationalen Normen - eine Katastrophe sei nur zu verhindern, wenn die Zivilbevölkerung endlich humanitäre Hilfe bekomme. "Mit Unterstützung Russlands", fügte der Vizepremier hinzu.

Eine Stunde später war von dort zu hören, Wladimir Putin werde "einen humanitären Konvoi" in die Ukraine entsenden. Bereits Dienstagfrüh haben sich 287 Lastwagen von Moskau aus auf den Weg gemacht - sie sollen nach Charkiw und dann weiter in das besonders leidende Luhansk fahren. Bei den Ukrainern herrscht Alarmstimmung.

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Christian Neef, 62, schreibt seit 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.

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1. ...Nur die Separatisten spielen noch Normalität...
thomas_potsdam 12.08.2014
...und die Regierung schießt auf unschuldige Zivilisten, Kinder und Frauen - und vertreibt eine ganze Bevölkerungsgruppe - wenn das juristisch nicht als ethnische Säuberung, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten ist - jedoch Den Haag scheint da blind zu sein - wundert mich nicht - ist leider wieder ein Beispiel, wohin Nationalismus als Folge der segensreichen franz. Revolution führen kann. Die Russen "spinnen" und die machtbewußte Elite in der "Ukraine" noch mehr!
2. Putis Anti-Imperium
Aron2201Sperber 12.08.2014
Selbst das Schicksal von Hunderttausenden Russen, die heute in der Ost-Ukraine eingekesselt oder auf der Flucht sind, ist für Putin weniger wichtig als sein Pseudo-Imperium von Anti-Westlern. http://aron2201sperber.wordpress.com/2014/08/09/in-russlands-oder-putins-interesse/ Hätte Schröders “lupenreiner Demokrat” nicht ständig künstliche Gegensätze zwischen dem Westen und Russland gezüchtet, wäre eine Entwicklung wie in der Ukraine nicht notwendig gewesen.
3. Falls
jber 12.08.2014
die Russen wirklich die Grenze überschreiten wäre dies die lange befürchtete Invasion.
4. Humanitäter Konvoi?
dēmosthénēs 12.08.2014
An Zynismus nicht zu überbieten, erst Waffen und Soldaten schicken, die Ukraine mit Artillerie beschießen und dann "Hilfsgüter" senden... Wer glaubt Putin handelt aus Nächstenliebe der irrt. Es wird Zeit dass diesem Kriminellen Einhalt geboten wird.
5. Auslandseinsätze
Teile1977 12.08.2014
"Vorn am Tisch saß Alexander Sachartschenko, der Premier. An seiner Felduniform trug er das russische Georgs-Kreuz 4. Stufe, das für besondere militärische Leistungen bei der Verteidigung des Vaterlands oder bei Kampfeinsätzen auf dem Territorium anderer Staaten verliehen wird." Hmm, hat er diesen Orden schon länger, oder erst seit dem er in der Ukraine Aktiv ist? Im übrigen: Ist es nicht ein wenig bizarr, das Russland erst diesen Krieg fürdert, um dann als Retter mit Hilfsgütern aufzutauchen? Nicht das ich Hilfe für die Menschen dort ablehnen würde, aber ein "gschmäckle" hat das schon.
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Einflussgebiete der Separatisten


Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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Kämpfe in Donezk: Beten und schießen

Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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