Russischer Kriegsgefangener in Ostukraine Der Soldat, den es nicht gibt

Russland ist offiziell keine Kriegspartei im Donbass. Soldaten wie Viktor Ageew existieren also eigentlich nicht. Nun wurde er von der ukrainischen Armee gefangen genommen - und äußert sich das erste Mal.

Viktor Ageew, Bild veröffentlicht auf seiner "V-Kontakte"-Seite
privat

Viktor Ageew, Bild veröffentlicht auf seiner "V-Kontakte"-Seite

Von , Moskau


Sie sind die Geiseln des Krieges in der Ostukraine: Hunderte Kämpfer und Zivilisten sitzen in den Gefängnissen des ukrainischen Geheimdienstes SBU und der sogenannten prorussischen Volksrepubliken von Luhansk und Donezk. Über ihren Austausch gibt es zähe politische Verhandlungen.

Nun geht es um Viktor Ageew.

Der 21-Jährige wurde am 24. Juni im Gebiet Luhansk von ukrainischen Truppen gefangen genommen, er kämpfte in einer Brigade der Separatisten. Bilder des ukrainischen Fernsehens zeigen einen Mann, auf dem Boden sitzend, die Augen mit gelbem Klebeband verbunden.

Für Kiew ist Ageew ein weiterer Beweis, dass Russland direkt im Krieg im Osten der Ukraine mitmischt - und den Separatisten nicht nur mit Waffen hilft, sondern auch Soldaten schickt. Auch die Nato und der Westen gehen von Hunderten, wenn nicht Tausenden russischen Soldaten in der Region aus - was der Kreml dementiert.

Häufig bleiben die Männer namenlos, offiziell gibt es Soldaten wie Ageew nicht. Auch wenn ihre Angehörigen anderes erzählen, so wie Mutter Swetlana Ageewa, Freunde und ehemalige Kameraden. Diese behaupten, dass Ageew einen Vertrag beim russischen Militär hat. Das Verteidigungsministerium in Moskau bestreitet das: Ageew sei nach seinem Wehrdienst im Mai 2016 entlassen worden, heißt es offiziell.

"Ja, ich habe einen Vertrag"

Swetlana Ageewa
Pavel Kanygin/ Novaya Gazeta

Swetlana Ageewa

Jetzt hat sich der junge Mann das erste Mal selbst geäußert, er antwortete auf Fragen eines Reporters des ukrainischen Nachrichtensender TSN. Wie das Interview zustande kam, ist nicht klar. Ageew antwortet auf viele Fragen nur kurz. Der Sender sagt, der russische Gefreite habe eingewilligt, weil er glaube, dass Russland ihn verraten habe. Selbst sagt Ageew dies allerdings nicht.

"Ja, ich habe einen Vertrag", bestätigt Ageew in dem Gespräch. Er habe ihn für ein Jahr abgeschlossen, von einem Einsatz in der Ukraine sei darin keine Rede gewesen. Die Nummer seiner Einheit sei 65246. Dies ist eine Luftabwehr-Einheit, stationiert in Nowotscherkassk in Südrussland. Die Nummer der Ageew-Einheit hatte BBC bereits bekannt gegeben, zwei seiner ehemaligen Wehrdienst-Kameraden hatten sie genannt.

"Dienst ist Dienst"

Nach nur vier Tagen sei er aus Nowotscherkassk erst nach Luhansk und dann in den Südwesten der Ukraine nach Altschewsk gebracht worden, berichtet Ageew. Er habe sich freiwillig für den Einsatz in der Ostukraine gemeldet. Warum er so schnell dorthin gebracht wurde, wisse er nicht. "Ich habe nicht nachgefragt. Dienst ist Dienst."

Und warum gerade in den Osten der Ukraine? "Ich wollte in der 'Luhansker Volksrepublik' helfen", sagt Ageew. Er habe sich nicht nur wegen des Geldes, sondern auch aus Patriotismus für den Einsatz entschieden, sagt Ageew. "Sie sagten, Faschisten bombardieren die örtliche Bevölkerung." Damit bezieht sich der junge Mann auf die Propaganda des russischen Staatsfernsehens. Diese wird nicht müde, Regierung und Armee in Kiew als faschistische Junta zu diskreditieren.

Ageew, Bild veröffentlicht auf seiner VKontakte-Seite
privat

Ageew, Bild veröffentlicht auf seiner VKontakte-Seite

Nach Luhansk sei er mit seinem Kommandeur gefahren. Wie sie dorthin gelangt sind, sagt Ageew nicht. Er spricht von Rejss, ein Wort, das mit Route übersetzt werden kann, im Russischen vor allem im Zusammenhang mit Flügen verwendet wird. Für seinen Militärdienst habe er 23.000 Rubel (etwa 330 Euro) plus 15.000 Rubel (rund 215 Euro) bar für den Einsatz im Gebiet Luhansk bekommen.

Seine Schilderungen legen nahe, dass er zwei Verträge hatte: einen in Nowotscherkassk bei der russischen Armee, einen in der sogenannten Volksrepubliken von Luhansk.

Hilferuf der Mutter

Swetlana Ageewa hatte SPIEGEL ONLINE erzählt (Lesen Sie hier das ganze Gespräch), dass ihr Sohn sich einmal im Monat kurz per Telefon gemeldet habe, aber nie über die Details seines Militäreinsatzes gesprochen hatte. Ageew, der sich bei V-Kontakte, dem russischen Facebook, anders nennt, sei im März nach Rostow am Don gefahren, um einen Vertrag bei der Armee zu unterschreiben. Die Familie lebt in einem Dorf nahe Barnaul im Gebiet Altai, etwa 3600 Kilometer Luftlinie von Luhansk entfernt. "Ich habe nie gedacht, dass mein Sohn in der Ukraine ist", sagt die Englischlehrerin.

Sie hatte sich an Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Außenminister Sergej Lawrow mit der Bitte um Hilfe gewandt: "Bis heute hat sich niemand gemeldet", sagt sie. Allerdings hatte Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow am 29. Juni angekündigt, Russland werde Maßnahmen ergreifen, um die Rechte Ageews zu verteidigen. Auf den Status des jungen Mannes ging Peskow nicht ein.

Das ukrainische Fernsehen meldete nun, dass Swetlana Ageewa ihren Sohn in der Ukraine besuchen wolle. "Ich weiß es nicht. Ich überlege, ob und wenn ja, wie ich dahin reise", sagte sie am Montag. Als erstes müsse sie sich einen Anwalt nehmen.

Alexander Gontscharenko, Menschenrechtler und Politiker der Oppositionspartei Jabloko, unterstützt die Mutter. Sie seien dabei, einen Kommunikationskanal zu Viktor Ageew aufzubauen. Wie, will er nicht sagen. "Wir werden alles dafür tun, dass er ausgetauscht wird oder der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ihn begnadigt."

Mitarbeit: Tatiana Chukhlomina



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