Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Besuch in Sewastopol: Putins patriotische Krim-Festspiele

Von , Moskau

Russlands Präsident Putin auf der Krim (Archivbild): Territorialen Anspruch bekräftigen Zur Großansicht
AFP

Russlands Präsident Putin auf der Krim (Archivbild): Territorialen Anspruch bekräftigen

Fünf Monate nach der Krim-Annexion lässt Putin sich auf der Schwarzmeerhalbinsel feiern. Zur Unterstützung kommen die komplette Regierung und alle Duma-Mitglieder.

Als Wladimir Putin am frühen Mittwochabend auf dem Militärflughafen Belbek ankommt, ist die Stadt Sewastopol schon im Ausnahmezustand. Seit Mitternacht dürfen keine Autos mehr in die Innenstadt, der Schiffsverkehr in der Hafenstadt ist unterbrochen. Die Spiele können beginnen.

Am 9. Mai, dem Jahrestag des sowjetischen Sieges über das Dritte Reich, war Putin schon einmal kurz hier gewesen. Mit der erneuten, zweitägigen Visite will der Kreml aufs Neue demonstrativ Russlands territorialen Anspruch bekräftigen.

Und die Botschaft ist im Ausland schon angekommen. "Putins Anwesenheit auf der Krim bedeutet, dass die Halbinsel lange in Russland bleibt. Aber das wird sehr teuer," twitterte Marcin Wojciechowski, Sprecher des polnischen Außenministeriums.

Nachdem der Westen unlängst Wirtschaftssanktionen verhängt hat, will Putin noch mehr als zuvor Stärke zeigen. Die Gegensanktionen gegen die Boykotte vieler EU-Länder sollen vor allem der eigenen Bevölkerung deutlich machen: Russland lässt sich nicht in die Knie zwingen. Demonstrativ hat der Kreml in den vergangenen Wochen die Zusammenarbeit mit Ländern wie Iran und Ägypten verstärkt.

Eine weitere Herausforderung für den Westen dürfte Putins Hilfskonvoi in die Ostukraine sein: 2000 Tonnen an Hilfsgütern ließ Putin auf den Weg bringen. Ohne Abstimmung mit dem Roten Kreuz und der Ukraine waren die 287 Lastwagen gestern Morgen von Moskau aus gestartet. Ob und unter welchen Bedingungen der Konvoi über die Grenze gelangen kann, darüber droht Streit.

Aufmarsch der politischen Elite

In Sewastopol ließ der Präsident kurzfristig eine Sitzung des Sicherheitsrates einberufen. Neben Premierminister Dmitrij Medwedew und der kompletten Regierung sind etwa 200 Abgeordnete der Duma auf die Krim gereist. Offiziell heißt es, Putin werde mit ihnen am Donnerstag "aktuelle Fragen" diskutieren, insbesondere bezüglich der "praktischen Parteiarbeit unter den heutigen Konkurrenzbedingungen".

In Wirklichkeit geht es bei dem Aufmarsch der politischen Elite um die Vorbereitung der für den 14. September angesetzten Parlamentswahlen auf der Krim. Die Aufgabe der Abgeordneten ist es, so meint der Politologe Konstantin Kalatschew, "für eine maximale Wahlbeteiligung zu sorgen, um Wahlen mit Modellcharakter durchzuführen, die man dann der Welt vorführen kann". Mit dem Urnengang will Moskau seiner Regierung auf der Halbinsel Legitimität verschaffen: Bisher wird die Krim von einem selbsternannten Übergangskabinett unter Sergej Aksjonow geführt.

Russland will die Krim zu einer Modellregion machen

Das Treffen mit den Parlamentariern findet an einem historischen Ort statt: In Jalta kamen im Februar 1945 Stalin, Roosevelt und Churchill zusammen, um über die Neuordnung der Welt nach dem bevorstehenden Sieg über Deutschland zu beraten. Seinen Sprecher ließ Putin verlautbaren, der Präsident werde in Jalta eine "inhaltlich bedeutende Rede" halten: Putin der Weltenlenker.

Begleitet wird die Reise von patriotischem Wirbel in den Medien. Die populäre "Komsomolskaja Prawda" etwa beschreibt unter der Überschrift "Die Krim - 150 Tage in der Heimat" die Glücksgefühle der nun wieder russischen Bürger.

Putins patriotische Festspiele begannen schon Ende vergangener Woche. Bei Sewastopol startete ein Jugendlager mit mehreren Tausend Teilnehmern. Am Samstag führte der Bikerclub "Nachtwölfe", der sich seit Jahren dem Kreml andient, eine Show auf, in der Tänzer die Ereignisse in der Ukraine nachspielten - und zwar, wie sie russische Nationalisten sehen: Zuerst versammelten sich als Maidan-Demonstranten verkleidete Schauspieler in Hakenkreuz-Formation. Verjagt wurden sie von russischen Freiheitskämpfern auf Panzerfahrzeugen, die Frauen und Kinder vor den "Faschisten" retteten. Das Staatsfernsehen übertrug die Show live. Am Samstag gab als Stargast Steven Seagal, Schauspieler und Putin-Verehrer, ein Konzert in Sewastopol. Unter dem Jubel Tausender Zuschauer probierte er auf der Bühne ein T-Shirt mit dem Konterfei des russischen Präsidenten an.

Um die nationale Begeisterung dauerhaft instand zu halten, hat der Kreml versprochen, in den nächsten sechs Jahren 680 Milliarden Rubel (etwa 15 Milliarden Euro) auf die Halbinsel fließen zu lassen. Allein ein Drittel davon wird die Brücke über die Meerenge von Kertsch kosten. Derzeit ist die Krim nur per Flugzeug und Fähre zu erreichen.

Die Anreise der russischen Politelite sorgte denn auch für Chaos. Die Wartezeit an der Fährstation auf dem russischen Festland lag am Dienstag bei 20 Stunden. Regierungschef Sergej Aksjonow berichtete, wütende russische Touristen hätten das Auto eines Duma-Abgeordneten umgekippt. Dieser hatte versucht, die Warteschlange zu überholen.

Ostukraine Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Ostukraine

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das geht nicht gut
benbenx 13.08.2014
Was für ein Blödsinn, im 21. Jahrhundert noch Teile anderer Länder zu annektieren. Putin schafft es nicht, mit all den Rohstoff-Milliarden das Land wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial in die Moderne zu führen. Da setzt er lieber auf die nationale Karte, überfällt Nachbarstaaten und schickt sein Land zurück in Richtung Sowjetunion 2.0. was für ein Versagen! Das wird auf Dauer nicht gutgehen, Russland.
2. Totale Gleichschaltung
abc-xyz 13.08.2014
Zitat von sysopAFPFünf Monate nach der Krim-Annexion lässt Putin sich auf der Schwarzmeerhalbinsel feiern. Zur Unterstützung kommen die komplette Regierung und alle Duma-Mitglieder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-russland-krise-praesident-putin-besucht-die-krim-a-985969.html
Es ist äußerst bezeichnend, dass sich der Kreml nicht mal mehr die Mühe gibt, seine Gleichschaltung zu kaschieren. Regierung, Parlament, TV... alles tanzt kommentarlos nach der Pfeife des KGB Agenten und das Volk klatscht. Zumindest wird es so suggeriert. Ich will nicht sagen, dass bei uns alles perfekt ist, aber solche Auswüchse sind die wahren Entwicklungen, die uns Orwell in 1984 mitteilen wollte. Jetzt möchte der Kreml Herrscher seine Spiele, die das Volk um ein Weiteres benebeln soll, während alles andere mit Volldampf den Bach runter geht. Ich gebe dieser Gesellschaft keine 5 Jahre, bis das ganze implodiert.
3. Gut wird es nicht gehen...
maniaci 13.08.2014
..aber es wird gehen, vermutlich eine ganze Weile! Das wird der liebe Putin nicht mehr rückgängig machen (können), der Gesichtsverlust wäre zu groß. Und so wird er, mehr oder weniger zähneknirschend, ordentlich Kohle in die Krim pumpen. Bin nur gespannt, wie lange es dauert, bis unsere Politiker wieder auf den "Normalmodus" umschalten und wieder "Friede, Freude, Eierkuchen ist...
4. Putin neue Rolle
helios2.0 13.08.2014
Putin hat die letzten 14 Jahre damit verbracht sein Land wirtschaftlich und politisch auf Augenhöhe mit Brüssel und Washington zu stellen. Mit der Annexion der Krim hat Wladimir Wladimirowitsch jedoch sämtliches Vertrauen verspielt. Auch ohne Sanktionen steht Russland im politischen Abseits. Das irrationale Verhalten wird sich auch ökonomisch bemerkbar machen. Abgeschnitten von den beiden mit Abstand größten Handelsmärkten findet sich Russland nun zwischen ebenfalls sanktionierten Ländern wie Iran, Simbabwe oder Kuba wieder. Egal wie der Konflikt in der Ukraine ausgehen wird - Russland mag die Krim gewonnen haben, jedoch zu einem hohen Preis. Schade, dass Konkurrenz für Russlands Politiker derzeit attraktiver erscheint als Kooperation.
5. Ostukraine
luutzi 13.08.2014
Warum sollte Putin mit der Ostukraine anders verfahren? Dumm nur, dass sich die Ukraine an den Westen binden will. Da kann er nicht so einfach annektieren. Also muß ein anderer Grund zum Einfallen her. Vielleicht wird dieser "Hilfskonvoi" ja beschossen. Wenn nicht, dann könnte er die Rebellen den Konvoi beschießen lassen und könnte dann behaupten zum Schutz dieses Konvois einmarschieren zu müssen. Dem KGB-Mann traue ich alles zu!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Russischer Konvoi für Ukraine: 280 Lastwagen, keine Durchfahrt

Fotostrecke
Fotostrecke: "Bomben und Wodka vertragen sich nicht"

Einfluss der Separatisten Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Einfluss der Separatisten

Mehr dazu im SPIEGEL

Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Russland-Reiseseite

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: