Möglicher russischer Aufmarsch Nato meldet Truppenkonzentration an ukrainischer Ostgrenze

Hat Moskau schwer bewaffnete Truppenverbände in die Ukraine verlegt? Das behauptet Kiew - und auch die Nato meldet eine erhöhte Präsenz der russischen Armee an der Grenze beider Länder. Kanzlerin Merkel ist alarmiert.

Russischer Soldat in der Nähe von Donezk (Archivbild): Neue Provokationen?
AFP

Russischer Soldat in der Nähe von Donezk (Archivbild): Neue Provokationen?


Kiew - Die Nato meldet eine verstärkte Konzentration von russischen Armeeverbänden und Militärgeräten an der Grenze zur Ukraine. Das teilte ein Sprecher des westlichen Verteidigungsbündnisses laut der Nachrichtenagentur Reuters mit.

Zuvor hatte Kiew mitgeteilt, Dutzende Panzer und weitere Militärfahrzeuge seien in den von Separatisten kontrollieren Osten des Landes eingedrungen. Unter anderem sollen 32 Panzer, 16 Artilleriesysteme sowie 30 Lastwagen mit Munition und Kämpfern die Grenze zur Region Luhansk überquert haben. An dem von Rebellen kontrollierten Grenzübergang Iswarine sei zudem eine weitere Kolonne mit Lastwagen und drei mobilen Radarstationen eingedrungen. Der Nato-Sprecher sagte dazu: "Sollten sich diese Berichte bestätigen, wäre es ein weiterer Beleg für Russlands Aggression und direkte Beteiligung an der Destabilisierung der Ukraine."

Auch die Nato schaltet sich in dem Konflikt jedoch immer wieder mit provokanten Vorstößen ein. Zuletzt wurde bekannt, dass das Bündnis ein großangelegtes Militärmanöver in Osteuropa erwägt - in direkter Nähe zur Grenze zwischen den osteuropäischen Nato-Ländern und Russland.

Die Krise war auch Thema eines Telefonats zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. "Die Bundeskanzlerin drückte ihre ernste Besorgnis über jüngste Meldungen aus, die von erneuten russischen Truppenbewegungen auf ukrainischem Gebiet sprechen", sagte ihr Sprecher. Beide Gesprächspartner hätten die Notwendigkeit bekräftigt, eine umfassende Waffenruhe und alle weiteren Punkte der Vereinbarung von Minsk umgehend umzusetzen.

Fünf Tote in 24 Stunden

Russland sicherte unterdessen zu, sich an das Minsker Abkommen zu halten, mit dem der Konflikt entschärft werden sollte. Es müsse weitere Gespräche unter Beteiligung von Regierung und Separatisten geben, sagte ein außenpolitischer Berater von Präsident Wladimir Putin. In der weißrussischen Hauptstadt hatten sich Vertreter der ukrainischen Regierung und der Rebellen im September unter anderem auf mehr Autonomie für die Ostukraine, aber auch auf die Wahrung der territorialen Einheit des Landes verständigt.

Die Spannungen in den beiden abtrünnigen Regionen Luhansk und Donezk hatten sich zuletzt weiter verschärft. Fünf Menschen wurden laut dem ukrainischen Militärsprecher Andrej Lyssenko bei den jüngsten Kämpfen binnen 24 Stunden getötet und zahlreiche weitere verletzt. In den umkämpften Regionen hatten die Separatisten am Sonntag Wahlen abgehalten - die Abstimmungen wurden international jedoch lediglich von Russland anerkannt.

Schon am vergangenen Wochenende hatte die ukrainische Armee intensive Truppenbewegungen aus Russland in die Ostukraine gemeldet. Militärausrüstung und Mannschaften "des Feindes" würden über die russisch-ukrainische Grenze in das Separatistengebiet verlegt, hatte Lyssenko am Sonntag gesagt. Militärbeobachter in Kiew hatten zudem zuletzt von 25.000 Söldnern und russischen Soldaten gesprochen, die auf ukrainischem Gebiet seien oder sich auf die Grenze zubewegten.

"Russische Kolonne auf dem Weg nach Donezk"

Er antwortete damit auf eine Frage nach Videoaufnahmen, die in ukrainischen Medien zu sehen waren. Diese zeigten Dutzende ungekennzeichnete Militärtransporter. Die Rede war von einer "russischen Kolonne auf dem Weg nach Donezk". Zwei ausländische Journalisten hatten zudem per Twitter über militärische Konvois in der Ostukraine berichtet.

Kiew, die EU und die USA werfen Russland vor, die Separatisten in der Ostukraine seit Monaten militärisch zu unterstützen. Moskau hat diese Vorwürfe nun erneut als "Provokation" zurückgewiesen. Solche Behauptungen würden in Kiew auf Grundlage von Gerüchten im Internet aufgestellt, sagte ein Sprecher des Moskauer Verteidigungsministeriums der Agentur Interfax. Er warnte davor, den ohnehin aufgeheizten Konflikt im Südosten der Ukraine weiter durch "provozierende Mitteilungen" zu befeuern.

Putin hatte sich zuletzt besorgt gezeigt über den "Bürgerkrieg" in der Ostukraine. Die Situation sei am Donnerstag auch Thema bei einer Sitzung des russischen Sicherheitsrats gewesen, sagte ein Kreml-Sprecher. Ungeachtet einer vereinbarten Waffenruhe werde von ukrainischer Seite weiter geschossen. Das ukrainische Militär schießt nach eigenen Angaben hingegen nur bei Angriffen zurück.

mxw/Reuters/dpa

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