Schlacht um Slowjansk Kriegsszenen in der Ukraine

Die Lage in der Ukraine hat sich nochmals deutlich verschärft: Die Armee meldet Erfolge in der Rebellenhochburg Slowjansk, verliert aber zwei Hubschrauber. Die Unruhen greifen auf den Süden des Landes über, prorussische Kräfte machen in Odessa Jagd auf ihre Gegner.

REUTERS

Von , Moskau


Slowjansk sei "praktisch von Terroristen gesäubert", verkündete Stepan Poltorak, Kommandeur der ukrainischen Nationalgarde. Ukrainische Militärverbände hatten die Rebellenhochburg im Osten des Landes in den vergangenen Tagen bereits umstellt, am Freitag stießen sie dann in Richtung des Zentrums vor. Die Hälfte des Stadtgebietes sei erobert worden, so die Übergangsregierung in Kiew. Die Rebellen allerdings behaupten das Gegenteil: Lediglich über Straßenzüge am Rande der Stadt habe man die Kontrolle verloren.

Die Lage bleibt also nach dem Vorstoß der ukrainischen Sicherheitskräfte unübersichtlich in Slowjansk. Der Einsatz der Truppen war der bislang massivste Versuch, die Kontrolle über die Stadt zurückzugewinnen. Bodentruppen mit gepanzerten Fahrzeugen wurden aus der Luft unterstützt von Kampfhubschraubern, Helikopter setzten Spezialeinheiten im Kampfgebiet ab. Schwer waren allerdings auch die Verluste der Sicherheitskräfte: Bereits in den ersten Stunden der Offensive schossen die Rebellen zwei Mi-24 Kampfhubschrauber hab. Mindestens zwei Besatzungsmitglieder wurden getötet.

Die Offensive stockte schon am Nachmittag

Auch die prorussischen Milizen meldeten Opfer. Wjatscheslaw Ponomarjow, zum Volksbürgermeister ausgerufen, wandte sich in einer Videobotschaft an die Einwohner von Slowjansk. "Unsere Stadt wird gestürmt. Wir haben Verluste. Aber ich denke, wir werden unsere Stadt verteidigen. Wir werden siegen."

Fotostrecke

6  Bilder
Offensive bei Slowjansk: Ukraine meldet "viele Tote"
Kiews Offensive kam denn auch bereits am frühen Nachmittag ins Stocken. An den Ausfallstraßen stellten sich Zivilisten den Kolonnen in den Weg und hinderten die Panzerfahrzeuge an der Weiterfahrt. Am späten Nachmittag räumte auch Übergangspräsident Turtschinow Probleme ein: Der Kampfeinsatz in der Ostukraine gehe "nicht so schnell voran, wie wir uns das wünschen".

Die Übergangsregierung in Kiew steckt in einem Dilemma, aus dem sie sich selbst kaum wird befreien können. Einerseits wettern die Separatisten im Verein mit Moskau und einem erheblichen Teil der Bevölkerung im Osten des Landes gegen die vermeintlich "faschistische Junta". Gleichzeitig tun sie alles, um die für den 25. Mai geplanten Wahlen zu verhindern, bei denen ein demokratisch legitimierter Präsident gewählt werden soll.

Schon jetzt scheint fraglich, ob die Wahlen in Donezk, Slowjansk und anderen besetzten Städten überhaupt stattfinden können. Tun sie es nicht, hätte Moskau einen Vorwand, um auch den neuen Präsidenten als "illegitim" abzulehnen.

Die Regierung stecke "in einer Falle", sagt Premierminister Arsenij Jazenjuk. Einerseits fordere die Mehrheit der Bevölkerung endlich entschlossene Schritte gegen die bewaffneten Rebellen. Andererseits würden Anti-Terror-Operationen fast zwangsläufig zivile Opfer fordern - und Kreml-Chef Wladimir Putin damit "einen idealen Vorwand" geben, so Jazenjuk.

Russland hat zwar im Kampf mit Separatisten in Tschetschenien selbst eher selten auf Verhandlungen gesetzt. Den Vormarsch des "Kiewer Regimes" aber verurteilte der Kreml scharf. Von einer "Strafoperation" sprach gar Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Die Übergangsregierung lasse "friedliche Siedlungen von der Luftwaffe beschießen". Peskow beklagte auch, nun sei die "letzte Hoffnung auf das Genfer Abkommen vernichtet".

Straßenschlachten in Odessa

In Genf hatten sich Ukrainer, Russen, Europäer und Amerikaner auf eine beiderseitige Entwaffnung verständigt. Dazu aber kam es auch deshalb nie, weil keine der beiden Konfliktparteien ein Interesse daran hat, die Waffen niederzulegen. Die Separatisten haben in Slowjansk und anderswo die Staatsmacht an sich gerissen. Je länger sie durchhalten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Kreml doch zu einem Einmarsch entschließt. Moskau wiederum will die neue Regierung in Kiew schwach halten und die Ukraine außerhalb der Nato, der schwelende Konflikt im Osten spielt Russland da in die Hände. Schließlich mag auch Kiew die Nationalgarde nicht entwaffnen, die sich größtenteils aus Nationalisten rekrutiert: Die Maidan-Kämpfer sind loyal und kampfbereit, anders als weite Teile von Armee und Polizei.

Nach dem Scheitern von Genf wird der Spielraum für eine diplomatische Lösung der Krise immer kleiner. "Das Vertrauen zwischen den Verhandlungspartnern ist extrem gering",sagt der Moskauer Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow. Die Sichtweise Russlands und des Westens auf die Ukraine sei konträr, praktisch unvereinbar: "Moskau sieht in den Ereignissen der vergangenen Monate für die Zerstörung des ukrainischen Staates. Der Westen dagegen sieht nur einen Machtwechsel." Die neue Regierung sei schwach, aber gerade deshalb müsse man sie unterstützen.

In weiteren Landesteilen droht unterdessen eine Destabilisierung: In Odessa am Schwarzen Meer kam es am Freitag zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten mit ukrainischen Fahnen und prorussischen Kräften. Bei den Auseinandersetzungen wurde mindestens eine Person getötet.

Schließlich meldete sich auch eine Region zu Wort, die laut eigenem Bekunden eigentlich gar keinen Anteil mehr nehmen wollte am Schicksal der Ukraine: die Krim. Die selbsternannte "Volkslandwehr" der Halbinsel hat auf YouTube ein Video veröffentlicht, darauf zu sehen sind Dutzende Bewaffnete in Tarnfleck, manche tragen Gewehre. Man werde "zwei Bataillone" entsenden als Unterstützung für die Kampfgenossen im Süden uns Osten des Landes. "Wir machen keine Gefangenen, wir vernichten", heißt es weiter.

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 337 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Az. 02.05.2014
1. War doch klar
Dass das Pack vom rechten Sektor bzw. "Nationalgarde" Slawjansk umstellt hat. Na warten wir ab, bis die Russen ihre Truppen hinschicken. Mal sehen, was von dieser "Nationalgarde" dann noch übrig bleibt.
donnerfalke 02.05.2014
2. Der Westen hat sein Ziel erreicht
Der Westen wollte Ukraine destabilisieren und ins Chaos stürzen. Nun hat er sein Ziel erreicht: Bürgerkrieg. Vielen Dank an USA und Deutschland die an ihren Händen nun auch ukrainisches Blut haben werden.
DJ Doena 02.05.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSKriegsszenen in der Ukraine: Die Armee meldet Erfolge in der Rebellenhochburg Slowjansk, verliert aber zwei Hubschrauber. Die Unruhen greifen auf den Süden des Landes über, pro-russische Kräfte machen in Odessa Jagd auf ihre Gegner. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-schlacht-um-slowjansk-verstaerkt-krise-a-967315.html
Schönes Doppelsprech: "Die Armee meldet Erfolge" vs. "pro-russische Kräfte machen Jagd auf ihre Gegner".
Az. 02.05.2014
4. Was werden ständig
diese Wahlen erwähnt? Da wird nur der Präsident neu gewählt. Als ob das etwas ändern würde. Das ganze rechte Pack in der Regierung bleibt, wo es ist.
terminator_666 02.05.2014
5. Putins Schatten-Armee
Das ukrainische Militär kämpft so gut es kann gegen die "Separatisten". Es ist zu hoffen, dass der Kampf erfolgreich ausgeht. Aber dann stellt sich die Frage, ob Putin mit seinen regulären Truppen eingreift. Bisher lässt Putin mit seinen Söldnern gegen die Ukraine. Perfide und feige ist das. Putin scheint bislang vor einem offenen Krieg gegen die Ukraine wegen der drohenden Sanktionen gegen sein Land zurückzuschrecken. Aber es ist zu befürchten, dass er mal wieder Fakten schaffen will und offiziell in die Ukraine einmarschiert...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.