Festgesetzte OSZE-Inspekteure Separatisten führen deutsche Militärbeobachter vor

Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine haben die festgenommenen Militärbeobachter der OSZE der Presse präsentiert. Gesundheitlich sind sie offenbar in gutem Zustand. Die Milizionäre wollen die Männer gegen Gefangene in Kiew austauschen.


Slowjansk/Hamburg - Prorussische Milizionäre haben am Sonntag die gefangenen Militärbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vorgeführt. Acht Männer, die alle offenbar unverletzt waren, wurden bei einer Pressekonferenz in einen Saal des besetzten Verwaltungsgebäudes der Stadt Slowjansk geführt. Dort waren rund 60 Journalisten versammelt. (Verfolgen Sie die aktuelle Entwicklung im Liveticker.)

Die OSZE-Inspekteure waren am Freitag mit fünf ukrainischen Soldaten gefangen genommen worden. Zur Gruppe gehören drei Bundeswehroffiziere und ein deutscher Dolmetscher. Zudem halten die Milizen je einen militärischen Beobachter aus Tschechien, Schweden, Dänemark und Polen fest. Der Fahrer der Gruppe soll nach Angaben der Separatisten inzwischen freigelassen worden sein.

Der deutsche Leiter der Inspektorengruppe, Oberst Axel Schneider, sagte, die Männer seien bei guter Gesundheit. Er sei nicht angerührt worden, und es habe keine körperlichen Misshandlungen gegeben. "Alle europäischen Offiziere der Gruppe sind in guter Verfassung, und niemand ist krank", erklärte er. "Wir haben keinen Hinweis darauf, wann wir in unsere Heimatländer zurückgeschickt werden."

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Machtdemonstration: Separatisten führen OSZE-Geiseln vor
Das festgesetzte OSZE-Team sei am Freitag zunächst in Slowjansk in einem Keller untergebracht gewesen, berichtete der Oberst. "Dort mussten wir uns zunächst selbst einrichten. Seit gestern sind wir in einem komfortableren Aufenthaltsraum, der beheizt ist, untergebracht." In dem Raum gebe es "Tageslicht und eine Klimaanlage". Russische Internetportale übertrugen Teile der Pressekonferenz direkt.

"Wie Spione"

Schneider betonte: "Wir sind Gäste von Ponomarjow. Wir sind keine Kriegsgefangene." OSZE-Unterhändler wollten noch am Sonntag vor Ort mit den Separatisten über die Freilassung sprechen. Wann dies passiert, ist unklar. Für den Mittag angekündigte Gespräche zum Thema fanden offenbar nicht statt.

Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow nannte die Militärbeobachter dagegen "Kriegsgefangene". Er sagte, dass die Separatisten die OSZE-Militärbeobachter nicht freilassen werden. "Wir sind in einem Kriegsgebiet." Er werde aber für die Sicherheit der Männer garantieren.

Ponomarjow fordert, dass im Gegenzug für die Freisetzung der OSZE-Inspekteure inhaftierte Separatisten von der Kiewer Regierung freigelassen werden. Er hatte bereits am Morgen betont, dass es den Gefangenen gutgehe. Ein Mann leide zwar unter Diabetes, werde aber versorgt. Ponomarjow wiederholte seine Vorwürfe gegen die Gruppe, mit denen die prorussische Miliz deren Festsetzung begründet. "Sie haben gesagt, sie wollten sich Sehenswürdigkeiten anschauen, dabei hatten sie Kartenmaterial dabei - wie eben Spione." Ponomarjow bezeichnete die Männer wörtlich als "Kriegsgefangene".

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Der selbsternannte Bürgermeister der Stadt hatte am Morgen erklärt, dass eine OSZE-Delegation zu Gesprächen über die Freilassung der Militärbeobachter in Slowjansk erwartet werde. OSZE-Sprecherin Tatyana Baeva hatte das vor der Pressekonferenz, auf der die Geiseln vorgeführt wurden, bestätigt: Die Verhandler würden "im Laufe des Sonntags" erwartet. Sie trafen mit rund zwei Stunden Verspätung kurz nach 14 Uhr ein. Ponomarjow ließ kurz darauf mitteilen, umgehend Gespräche mit den Verhandlern beginnen zu wollen.

Zur Frage, ob sich Russland für die Freilassung der OSZE-Gruppe engagiere, sagte Ponomarjow zuvor auf der Pressekonferenz, er habe "keinen direkten Kontakt mit Moskau". Er ergänzte, seine Truppe habe drei weitere ukrainische Offiziere in Slowjansk gefangen genommen, die auf einer "Spionagemission" gewesen seien. Sie seien in dem nahe gelegenen Ort Horliwka an einem Einsatz gegen die Separatisten beteiligt gewesen.

Auch diese drei Männer wurden am Sonntagmorgen Medienvertretern vorgeführt. Sie waren mit Unterhosen und Hemden bekleidet, an ihnen waren Blutspuren zu sehen, die Augen waren mit Klebeband verbunden. Im Geheimdienst-Hauptquartier von Slowjansk wurden sie kurz mit Journalisten zusammen gebracht. Die Männer saßen mit gesenkten Köpfen und äußerten sich selbst nicht.

Die festgehaltene Militärbeobachter gehören laut OSZE nicht zur zivilen Beobachtermission, die wegen der Krise Ende März in die Ukraine entsandt wurde, sondern zu einer separaten Militärbeobachtermission unter deutscher Leitung.

pat/heb/AFP/AP/Reuters

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Seite 1
kramola 27.04.2014
1.
Was haben NATO-Soldaten auf dem Territorium von einem nicht Mitglied-Staat verlore? Würden wir russische Soldaten hier nicht auch festnehmen?
Mr.GeldSchein 27.04.2014
2. Was nun?
Sind es jetzt OSZE "Beobachter" oder nicht? Oder sind es vielleicht doch ausländische (deutsche) Militärs auf geheimer Aufklärungmission? Betieligt sich Deutschland vielleicht schon am Krieg? Welche legitimiation gäbe es dafür? Richtig: keine.
egyptwoman 27.04.2014
3. optional
Zitat: "Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow nannte die Militärbeobachter dagegen "Kriegsgefangene". Er sagte, dass die Separatisten die OSZE-Militärbeobachter nicht freilassen werden. "Wir sind in einem Kriegsgebiet." Er werde aber für die Sicherheit der Männer garantieren." Zitat: "Zur Frage, ob sich Russland für die Freilassung der OSZE-Gruppe engagiere, sagte Ponomarjow, er habe "keinen direkten Kontakt mit Moskau". Zitatende - Wie kann er dann für die Sicherheit dieser Leute garantieren??
f-rust 27.04.2014
4. OSZE ... oder nicht?
mir ist uinklar geblieben, in welchem auftrag bzw. mit welchem mandat die 3 deutschen u.a. in der ostukraine unterwegs waren. sollte die aussage "sehenwürdigkeiten anschauen" stimmen (???), dann wäre das mehr als merkwürdig. nach all dem russland und "separatisten"-bashing (nicht etwa "freiheitskämpfer" wie bei den auch mega-rechten maidan-leuten) weiß man nicht mehr, welchen beteiligten-aussagen und welchen journalisten-berichten man trauen kann und welchen nicht ...
anatoly 27.04.2014
5. Interessant
wie die deutschen Medien die Propaganda-Sprache Kiews übernehmen und die Leute als "Separatisten" bezeichnen, wohl wissend dass die Menschen im Süd-Osten dies als beleidigend empfinden. Warum hat man damals nicht von Putschisten gesprochen.
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