Ostukraine Separatistenchef "Motorola" bei Anschlag getötet

Er soll ukrainische Gefangene erschossen haben: Jetzt wurde der führende Separatisten-Kommandeur Arsenij Pawlow von einer Bombe in seinem Haus getötet. War es Vergeltung?

REUTERS

Von , Moskau


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"Wenn ich will, töte ich", prahlte Arsenij Pawlow. Die meisten Russen kannten ihn unter seinem Kampfnamen "Motorola", einer Anspielung auf seine Zeit als Funker in der russischen Armee. Pawlow kommandierte die prorussische Einheit "Sparta" in der Ostukraine. Menschenrechtler beschuldigen sie der Kriegsverbrechen. Die Ukraine ermittelte gegen Pawlow und seine Männer, der Kommandeur stand auf der Sanktionsliste der EU.

Jetzt ist "Motorola" tot. Der 33-Jährige starb am Sonntagabend bei der Explosion eines Sprengsatzes in seinem Wohnhaus in Donezk, wie ukrainische und russische Medien übereinstimmend melden. Er habe sich im Aufzug mit seinem Leibwächter befunden, beide Männer kamen ums Leben, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax. Den Separatisten zufolge ist die Bombe ferngezündet gewesen. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder des zerstörten Treppenhauses von Pawlows Haus und zwei Leichen, die weggetragen werden.

Das abgesperrte Wohnhaus von Arsenij Pawlow in Donezk
imago/ TASS

Das abgesperrte Wohnhaus von Arsenij Pawlow in Donezk

Pawlow war eines der bekanntesten Gesichter des Krieges in der Ostukraine. Der schmale Mann mit rotem Haar besaß die russische Staatsbürgerschaft. Bevor er sich in den Zug setzte, um im Donbass "Russen vor Nazis" zu schützen, lebte er laut Medienberichten im südrussischen Rostow am Don. In den russischen Medien wurde Pawlow als verwegener Krieger präsentiert, der gern für die Kameras posierte. Auch nach der Meldung seines Todes zeigten kremlnahe Medien Bilder des Kommandeurs bei seiner Hochzeit, mit seinem Sohn, mit seinen Männern bei Gefechten und inszenierten ihn als Helden.

Pawlow brüstete sich mit seinen Taten

Doch "Motorola" stand vor allem für die Brutalität des Krieges in der Ostukraine. Für die ukrainische Führung war er ein Verbrecher.Im September hatte Präsident Petro Poroschenko angekündigt, dass Pawlow, der "Unmensch", zur Verantwortung gezogen würde: "Es gibt keine Vergebung", sagte der Staatschef mit Blick auf den getöteten Soldaten Ihor Branowyzky.

Am 20. Januar hatten Pawlows "Sparta"-Kämpfer nach Gefechten um den Flughafen Donezk ukrainische Soldaten, darunter Ihor Branowyzky, gefangen genommen. Später tauchte ein Video auf, in dem Branowyzky mit blutverschmiertem Gesicht gezeigt wird. Einen Tag später war der Mann tot (Lesen Sie hier mehr).

Amnesty International lastet in ihrem Bericht ukrainischen Kämpfern des nationalistischen "Rechten Sektors" und prorussischen Kämpfern des "Sparta"-Bataillons von "Motorola" Kriegsverbrechen an. Die Menschenrechtsorganisation beruft sich auf mehrere Zeugen, die von Exekutionen und Folterungen durch "Sparta"-Kämpfer berichteten. Pawlow soll diese nicht nur verantwortet haben, sondern auch selbst beteiligt gewesen sein. Nach Recherchen von Amnesty soll er dem ukrainischen Soldaten Branowyzky zwei Mal in den Kopf geschossen haben.

"Motorola" brüstete sich mit seinen Taten: "Ich habe 15 Gefangene erschossen", sagte er, als ukrainische Journalisten der Zeitung "Kiew Post" ihn am Telefon mit den Vorwürfen konfrontierten.

Pawlow ist nicht der erste Kommandeur, der bei einem Attentat gestorben ist - die prorussischen Separatisten verloren im vergangenen Jahr im Osten der Ukraine bereits mehrere führende Köpfe:

  • Im Dezember 2015 kam Pawel Dremow, Kommandeur des Kosaken-Schützenregiments "Ataman Platow" der selbsterklärten Luhansker Volksrepublik bei einem Autobombenanschlag ums Leben.
  • Im Mai 2015 wurde Alexej Mosgowoi, Kommandeur eines Polizeibataillons in der selbst ernannten Republik Luhansk, in seinem Auto attackiert und getötet.
  • Im Januar 2015 wurde der Kommandeur des "Eingreif-Bataillons" Alexander Bednow ("Batman") in einem Hinterhalt getötet.

Bisher sind die Hintergründe der Taten nicht aufgeklärt, dienen aber als Anlass für gegenseitige Beschuldigungen. Die ukrainische Seite wirft den Separatisten vor, selbst dafür verantwortlich zu sein; Grund seien interne Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen. Der Sprecher des ukrainischen Innenministeriums sprach am Montag von den eigenen Leuten, "Komplizen", die den Kommandeur vernichtet hätten. Allerdings merkte die Zeitung "Kommersant" an, dass "Motorola", anders als Separatistenführer in Luhansk, keine politischen Ambitionen gehabt habe. Er sei in den Donbass gekommen, um zu kämpfen, nicht um Politik zu machen. Er habe einigen Einfluss gehabt, weil er bei seinen Anhängern sehr beliebt gewesen sei.

"Es wird keine Gnade geben"

Der Chef der selbsterklärten Donezker Volksrepublik Alexander Sachartschenko sieht die Ukraine als Drahtzieher der Attentate. Angeblich soll eine Gruppe mit dem Namen "Misanthropische Division", deren Mitglieder auch in dem rechtsextremen, nationalistischen Freiwilligenbataillon "Asow" gekämpft haben sollen, sich zu dem Anschlag bekannt haben. Der Reporter Aleksander Kots, der für das für das dem Kreml nahestehende Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda" arbeitet, verbreitete über Twitter ein Video der Gruppe, das vier maskierte Männer zeigt. Inzwischen hat er den Tweet gelöscht, die Gruppe nannte das Video in den ukrainischen Medien einen "Fake" und wies eine Verantwortung für den Anschlag zurück.

Auch auf Sachartschenko hatte es bereits einige Attentatsversuche gegeben. Die kremlnahe Zeitung "Iswestija" schrieb vor einigen Monaten von einem Kopfgeld, das angeblich auf den Chef ausgesetzt worden sei.

Sachartschenko nannte Pawlow "meinen engen Freund" und kündigte am Montag Vergeltung an. Man habe den Namen des Auftraggebers und der Attentäter bereits ermittelt. "Es wird keine Gnade geben", sagte er, was als Antwort auf Poroschenkos Ankündigung von September zu deuten ist - und nichts Gutes für die ohnehin verfahrenen Friedensgespräche bedeutet. Poroschenko habe das Minsker Friedensabkommen gebrochen, sagte Sachartschenko. Der Mord an Pawlow sei eine Kriegserklärung.


Zusammengefasst: Ein führender Kommandeur der prorussischen Separatisten in der Ostukraine ist bei einer Bombenexplosion getötet worden. Der Russe Arsenij Pawlow starb im Aufzug seines Wohnhauses in Donezk. Die Ukraine fahndete nach ihm wegen der Erschießung von Gefangenen. Es ist nicht der erste Anschlag auf einen Rebellenführer.


Anmerkung: Die Gruppe "Misanthropische Division" hat die Vorwürfe zurückgewiesen, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Wir haben die entsprechende Textstelle ergänzt.

Mitarbeit: Makar Butkow, Tatjana Chukhlomina



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