Duell-Forderung des Separatistenführers Und der Sieger bekommt die Ostukraine

Die Idee klingt irre - und ist es auch: Separatistenführer Igor Plotnizkij hat den ukrainischen Präsidenten Poroschenko zum Zweikampf aufgefordert. Was steckt hinter dem skurrilen Vorschlag?

Poroschenko (l.), Plotnizkij (Archivbilder): "Nach altem slawischen Vorbild"
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Poroschenko (l.), Plotnizkij (Archivbilder): "Nach altem slawischen Vorbild"


Moskau - Es ist ein, gelinde gesagt, ungewöhnlicher Lösungsansatz für eine politische Krise im 21. Jahrhundert: Separatistenführer Igor Plotnizkij will die Ostukraine mit einem Zweikampf befrieden, mit einem Duell mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. "Nach altem slawischen Vorbild", wie Plotnizkij sagt. Das ganze auch gerne live im Fernsehen.

Für die heutige Zeit scheint der Vorschlag einigermaßen bizarr - in der Geschichte hat es solche Duelle dagegen durchaus gegeben. So soll im Jahr 1022 Fürst Mstislaw einen der Anführer der Alanen während eines Ringkampfs getötet haben - und konnte so seine Truppen schonen. Seitdem hat er den Beinamen Mstislaw "der Tapfere".

Dazu muss man wissen: In der Geschichte gibt es keine Regeln für solche "slawischen Duelle". Mal wurden sie offenbar mit bloßer Hand ausgetragen, mal mit Waffen. Es waren auch nicht zwangsläufig Fürsten oder Kommandeure, die sich dem Zweikampf stellten. Als 992 das Nomadenvolk der Petschenegen das Reich von Fürst Wladimir angriff, kämpften die beiden vermeintlich stärksten Krieger beider Seiten gegeneinander. Der Russe behielt die Oberhand, die Petschenegen zogen sich zurück.

Der Ausgang des Duells wurde von den Unterlegenen auch deshalb akzeptiert, weil er als Gottesurteil galt. Ein vergleichbares Vorgehen kannte auch das russische Justizwesen im Mittelalter: Mangelte es bei einem Rechtsstreit von zwei Männern (ab 1467: auch Frauen) an Beweisen, fiel die Entscheidung in einem sogenannten Gerichtskampf. Eine ähnliche Praxis gab es auch in Deutschland.

Der Zweikampf wurde also immer dann gesucht, wenn die Lage besonders verfahren schien. Bei Feldzügen war das der Fall, wenn die beiden Lager ähnlich stark erschienen, ein Patt und viele Tote auf beiden Seiten drohten. Darauf spielt auch Rebellenführer Plotnizkij an. Er nimmt Bezug auf ein Interview, dass Petro Poroschenko vor wenigen Tagen der "Bild"-Zeitung gegeben hatte. Seine Armee sei inzwischen viel besser ausgerüstet und "bereit für diesen totalen Krieg", hatte der Präsident dort gesagt.

Plotnizkij warnt, das gleiche könne er "auch über das Volk des Donbass und seine Landwehr sagen". Wenn Poroschenko ein Mann der Ehre sei, werde er sicher "um den Preis seines eigenen Lebens das Tausender retten".

Ein reines Ablenkungsmanöver?

Womöglich treibt Plotnizkij allerdings noch ein zweites, weniger selbstloses Motiv. Sein Luhansk ist mit 500.000 Einwohnern die kleinere der beiden Rebellenhochburgen. Sie steht stets etwas im Schatten der Separatistenregierung in der Millionenstadt Donezk. Womöglich wollte Plotnizkij das gern ändern. Auch ein wenig Ablenkung von den inneren Problemen der "Volksrepublik Luhansk" käme ihm gelegen. Die Versorgungslage ist schlecht, Plotnizkij beklagt, dass die Einwohner "stöhnen", statt sich über die Unabhängigkeit von der Ukraine zu freuen.

Er sagt, sein Entschluss, Poroschenko zum Duell zu fordern sei "kein Impuls, sondern Resultat langen Nachdenkens". Bei genauerem Studium der Geschichtsbücher hätte Plotnizkij allerdings auch erkennen können, dass auch ein Zweikampf nicht jeden Konflikt lösen kann. Als sich im Jahr 1380 große Heere von Russen und Tataren gegenüberstanden, sollen beim Duell gleich beide Auserwählten gestorben sein. Die Schlacht forderte Zehntausende Tote.

beb



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