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Konflikt mit Russland: Drei Szenarien für die Ukraine

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Militärfahrzeuge auf der Krim: Russische Truppen sind seit mehreren Tagen auf der ukrainischen Halbinsel Zur Großansicht
REUTERS

Militärfahrzeuge auf der Krim: Russische Truppen sind seit mehreren Tagen auf der ukrainischen Halbinsel

Russland schickt offenbar immer mehr Truppen auf die Krim, die ukrainische Zentralregierung macht mobil. Auf der Halbinsel droht die Lage weiter zu eskalieren. So könnte es weitergehen - drei Krisen-Szenarien.

Für Großbritanniens Außenminister William Hague ist es die größte Krise in Europa im 21. Jahrhundert: Auf der Krim erhöht Russland den militärischen Druck. Die Ukraine berichtet, dass weitere gepanzerte Fahrzeuge an der russischen Küste gegenüber der Halbinsel aufgefahren seien. Übergangspremier Arsenij Jazenjuk sprach am Sonntag von einer Kriegserklärung Russlands an sein Land. (Die aktuelle Nachrichtenentwicklung, Fotos und Tweets finden Sie im Liveticker hier.)

Kann eine Auseinandersetzung zwischen ukrainischen und russischen Soldaten noch verhindert werden? Hans-Henning Schröder, Russland- und Osteuropa-Experte von der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, hält die folgenden drei Szenarien für denkbar:

1. Krieg zwischen Russland und der Ukraine

Im schlimmsten Fall mobilisiert die Ukraine gegen die russischen Soldaten. Es kommt an den Grenzen zur Krim oder auf der Halbinsel selbst zu tödlichen Gefechten. Russland lässt die Situation weiter eskalieren und marschiert mit noch mehr Soldaten ein. Möglicherweise erfassen die Kämpfe auch andere Teile der Ukraine. Der Westen wird wohl nicht eingreifen, sondern Sanktionen gegen Moskau erlassen. Bisher wurde Präsident Putin mit einer Aufhebung der G8-Mitgliedschaft gedroht.

2. Verhandlungen mit der Entsendung von Beobachtern

Ukrainische Vertreter und die russische Regierung setzen sich an einen Tisch und verhandeln. Dies könnte unter dem Vorsitz der Vereinten Nationen geschehen oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), denn auch in ihr sind alle wichtigen Akteure wie Russland, die USA, europäische Länder und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion vertreten. Die OSZE berät derzeit in Wien über die Entsendung einer Beobachtergruppe in die Ukraine.

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Krise auf der Krim: Der Tag in Bildern
Als Kompromiss könnten alle Akteure die territoriale Integrität der Ukraine anerkennen. Gleichzeitig müsste Kiew den verschiedenen ethnischen Gruppen in der Ukraine - vor allem den Russen und den Krim-Tataren - Rechte zusichern und Garantien machen. Beobachter der OSZE könnten sicherstellen, dass sich alle an die Vereinbarungen halten. Diese sind auch in Georgien im Einsatz, wo es 2008 zum Konflikt zwischen der Regierung und Russland kam.

Diese Variante wird von der deutschen Regierung unterstützt: Statt sofort auf harte Sanktionen gegen Russland zu setzen, soll zunächst miteinander gesprochen werden. Russen und Ukrainer könnten sich in einer Kontaktgruppe zusammensetzen. In den nächsten Wochen werden möglicherweise OSZE-Beobachter entsandt, um eine Eskalation zu verhindern. Möglicherweise könnte auch die Uno zum Einsatz kommen.

3. Zerfall der Ukraine

Der neuen ukrainischen Übergangsregierung gelingt es nicht, die Kontrolle über das Land zu erlangen. Nicht nur auf der Krim, auch in anderen Teilen im Osten des Landes kommt es zu Abspaltungsbestrebungen. Auf der Krim und im Osten des Landes wenden sich die regionalen Anführer an Russland und bitten um Unterstützung. Es entstehen russische Protektorate, in denen die Regierung in Kiew nichts mehr zu sagen hat. Die Ukraine wird dadurch deutlich verkleinert.

Welches Szenario am wahrscheinlichsten ist, lässt sich noch nicht absehen. "Der Westen und Russland sind relativ berechenbar", sagt Hans-Henning Schröder. Doch unklar sei es, ob die ukrainische Regierung es schafft, halbwegs die Kontrolle über ihr Staatsgebiet herzustellen. "Das ist noch das große Fragezeichen", so Schröder.

Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.

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insgesamt 215 Beiträge
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1. optional
thomas_gr 03.03.2014
Szenario 3 wäre doch super. Dann hat jeder der Zündler sein Stück vom Kuchen und die Ukrainer schauen in die Röhre. Selbst Schuld, wenn sie sich vom Westen so aufstacheln lassne.
2. Nach einigem hin und her dürfte
oneworldnow 03.03.2014
nur noch die dritte Lösung am wahrscheinlichsten sein.Einen neuen Staat im Ostteil und die Krim.Die Ukraine sollte dann versuchen,ihren Anschluß ans Schwarze Meer nicht zu verlieren.
3. Die vierte Variante
rolandjulius 03.03.2014
War der Frieden, ehe der Westen den Krieg anstachelte.
4. Ukraine links und rechst des Dnepr
rgryf 03.03.2014
Szenario 3 ist immer wahrscheinlicher. Wenn ein Akteur in dieser Krise locker 15 Millarden verleihen kann und ein anderer für 600 Mio. nur zu sendungsbewußten Bedingungen verleihen will, dann wird klar, dass die Putin hier einfach mal etwas mehr Spielraum hat. Es wirkt mir sogar so, als ob Janukowitsch seinen Zweck erfüllt hat. Er hat den ukrainischen Staat ausgeplündert wie keiner vor ihm und die aktuelle Kräfte in Kiew stehen da und flehen orientierungslos nach Hilfe. Die EU schaut nicht einfach mal auf ihr EU-Land Zypern, was da für steuererleichterte Vermögen aus der Region lagern und hält Russland damit den Faustpfand für die Krimaktion vor die Nase. Russland ist eindeutig viele Schritte weiter und ich nehme an, dass wird auch in den kommenden Jahren so bleiben.
5. Ukraine links und rechst des Dnepr
rgryf 03.03.2014
Szenario 3 ist immer wahrscheinlicher. Wenn ein Akteur in dieser Krise locker 15 Millarden verleihen kann und ein anderer für 600 Mio. nur zu sendungsbewußten Bedingungen verleihen will, dann wird klar, dass die Putin hier einfach mal etwas mehr Spielraum hat. Es wirkt mir sogar so, als ob Janukowitsch seinen Zweck erfüllt hat. Er hat den ukrainischen Staat ausgeplündert wie keiner vor ihm und die aktuelle Kräfte in Kiew stehen da und flehen orientierungslos nach Hilfe. Die EU schaut nicht einfach mal auf ihr EU-Land Zypern, was da für steuererleichterte Vermögen aus der Region lagern und hält Russland damit den Faustpfand für die Krimaktion vor die Nase. Russland ist eindeutig viele Schritte weiter und ich nehme an, dass wird auch in den kommenden Jahren so bleiben.
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Krim-Krise: Milizen unterm orthodoxen Kreuz


Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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