Krieg in der Ukraine "Herr Präsident, bringen Sie unsere Kinder nach Hause"

Immer offener mischt sich Moskau in den Bürgerkrieg in der Ukraine ein. Soldatenmütter fordern jetzt den Kreml heraus: Sie wollen wissen, was aus ihren Söhnen geworden ist.

Von , Moskau

Russische Armeefahrzeuge nahe Rostow: Inzwischen gibt es klare Hinweise auf eine Invasion
REUTERS

Russische Armeefahrzeuge nahe Rostow: Inzwischen gibt es klare Hinweise auf eine Invasion


Das "Komitee der Soldatenmütter" war eine der bekanntesten Nichtregierungsorganisationen in Russland in den Neunzigerjahren. Moskau führte damals zwei verlustreiche Kriege in Tschetschenien, und die "Soldatenmütter" kritisierten den Kreml dafür, handelten mit den Tschetschenen die Freilassung russischer Gefangener aus. Die Menschenrechtler machten öffentlich, was der Kreml damals gern verschwiegen hätte: Informationen über russische Gefallene.

Jetzt sind die "Soldatenmütter" wieder da, und viel spricht dafür, dass Moskau wieder Krieg führt - erst heimlich, jetzt immer offener in der Ukraine, wo mindestens tausend russische Soldaten kämpfen sollen.

Walentina Melnikowa ist 68 Jahre alt, resolut, eine Dame mit rot gefärbtem Haar. Melnikowa steht dem "Komitee der Soldatenmütter" vor. Ihr Handy klingelt dieser Tage pausenlos. Es melden sich besorgte Eltern russischer Wehrpflichtiger. Sie fürchten, dass Moskau ihre Söhne in den Kampf schickt, in den Krieg in der Ostukraine. Vor anderthalb Monaten hätten die Anrufe begonnen, sagt sie.

Wenn die Eltern über ihre Söhne sprechen, nennen sie Orte wie Kostroma, Rjasan, Pskow - das sind die Namen der Garnisonen von Russlands Luftlandetruppen. Dann fällt immer wieder der Name Rostow, eine Stadt im Süden Russlands, nahe der Grenze zur Ukraine. Viele Angehörige berichten, dass die Einheiten ihrer Kinder dorthin verlegt wurden. Angeblich zu "Manövern". Manche der Soldaten rufen ihre Eltern aus Rostow an. Von anderen fehlt seit Tagen jede Nachricht.

"Herr Präsident, bringen Sie uns unsere Kinder lebendig zurück"

"Schließen Sie sich mit anderen Eltern zusammen", rät die Aktivistin Melnikowa den Anrufern. "Gehen Sie zur Staatsanwaltschaft!" Russische Medien berichten von bis zu mehreren Hundert Eltern, die den Kontakt zu ihren Wehrdienst leistenden Söhnen verloren haben. Angehörige der zehn auf ukrainischem Territorium gefangen genommenen russischen Soldaten aus der Stadt Kostroma wendeten sich mit einem verzweifelten Appell an Russlands Präsident Wladimir Putin: "Herr Präsident, bringen Sie uns unsere Kinder lebendig zurück."

Auch in russischen Medien werden die Indizien, dass Moskau Soldaten in die Ukraine entsandt hat, immer öfter registriert. Beim Radiosender Echo Moskaus kam die Ehefrau eines Soldaten zu Wort, deren Mann verschollen ist. Seine Einheit wurde am 18. August verlegt. Bei seinem letzten Anruf sagte er seiner Frau, die Einheit sei unterwegs, aber er wisse nicht wo, und dass man "in einer halben Stunde unsere Telefone einsammelt".

Nahe der Stadt Pskow unweit der estnischen Grenze wurden Anfang der Woche Soldaten der dortigen Garnison beigesetzt. Der Name von wenigstens einem Toten taucht auch in Militärunterlagen der Separatisten auf, die den Ukrainern in die Hände gefallen waren. Reporter der Kreml-kritischen Zeitung "Nowaja Gaseta" zitieren Angehörige der Toten: Die Soldaten seien in der Ukraine unter Artilleriefeuer geraten und "hatten keine Chance".

Moskau bestreitet den Einsatz russischer Soldaten

Liberale Intellektuelle in Russland greifen den Kreml inzwischen scharf an. Putin habe ein "Verbrechen gegen die Verfassung" verübt, warnt der Politologe Georgij Satarow, er war in den Neunzigerjahren Berater des damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Am schlimmsten aber sei nun, "dass unsere getöteten, verletzten, verschollenen Jungs vollkommen rechtlos sind", so Satarow.

Moskaus Verteidigungsministerium bestreitet offiziell den Einsatz russischer Soldaten in der Ukraine. Der Wahrheit dürften aber Äußerungen von Alexander Sachartschenko näher liegen: Der Oberkommandeur der Separatisten sprach im russischen Staatsfernsehen von "drei- bis viertausend" Kämpfern aus Russland, die seine Verbände unterstützen würden. Darunter befänden sich nicht nur Freischärler und Ex-Soldaten, sondern auch "aktive Militärs", gab Sachartschenko zu. Sie befänden sich offiziell aber im Urlaub.

Einfluss der Separatisten in der Ostukraine (Stand: 12. August)
SPIEGEL ONLINE

Einfluss der Separatisten in der Ostukraine (Stand: 12. August)

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tolate 28.08.2014
1.
Nur gut, dass es im Bereich der Nato keine Soldatenmütter gibt
behr22 28.08.2014
2.
Wer braucht schon Urlaub am Strand, wenn man noch schnell ins Nachbarland einmarschieren kann? Und den Panzer borgt man sich dann auch noch schnell aus
Leser1000 28.08.2014
3. Gefahr für Putin
..und traurige Gemeinsamkeit. Den ukrainischen Familien geht es keinen Deut besser. Nur wissen die wohl wo ihre Angehörigen sind und wofür sie kämpfen. Putin scheint diese Info sogar seiner Bevölkerung vorzuenthalten. Er weiss warum! Sieht man das Ganze menschlich und nicht politisch , so bleibt nur ein Wort: traurige Ohnmacht!
saaman 28.08.2014
4. Die Lage
Die Formel ist einfach: Putin ist ein hinterhältiger Kriegstreiber, wir im Westen zu dämlich, angemessen darauf zu reagieren. Anstatt ihm die Zähne zu zeigen halten wir ihm unser Ohr zum Empfang der nächsten Lüge hin. Seine Strategie ist simpel zu durchschauen. Unsere Reaktion darauf geradezu dümmlich. Wir lassen uns von Putin erpressen weil wir zu feige sind, konsequent aus allen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland auszusteigen.
rkinfo 28.08.2014
5. Recht- und ehrlose Soldaten
Putin schickt Jungs in die Ukraine zum morden denn juristisch sind sie keine Soldaten gemäß Haager Landkriegsordnung. Diese menschenverachtende Putin - Diktatur können vielleicht die Mütter der entehrten Soldaten bekämpfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.