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Stimmung vor Wahl in Kiew: "Wir mögen die Russen, aber ihr Präsident ist ein Idiot"

Aus Kiew berichtet  

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Sekretärin Probotjuk: "Ich werde nicht wählen gehen"

Die Ukraine wählt am Sonntag ein neues Parlament. Acht Monate nach dem Sieg der Maidan-Revolution leidet das Land unter Krieg und Krise. Viele Ukrainer wollen Reformen, andere sind verbittert. Eine Umfrage in der Hauptstadt.

Am Sonntag wählt die Ukraine ein neues Parlament, zum ersten Mal nach dem Sieg der Maidan-Revolution. Wie wollen die Ukrainer abstimmen? Wie schwer trifft sie die Wirtschaftskrise? Wie hat sich ihr Blick auf Europa in den vergangenen Monaten verändert, wie das Verhältnis zu Russland? SPIEGEL ONLINE hat sich in Kiew umgehört.

Konstantin Kutscherenko, 30, Investmentbanker

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Ich gehe zur Wahl. Nach allem, was in diesem Jahr passiert ist, muss ich das einfach. Ich stimme für den Block von Präsident Petro Poroschenko. Ich will zwar nicht, dass seine Partei eine absolute Mehrheit bekommt, das wäre schlecht für die Demokratie. Es ist aber wichtig, dass seine Mehrheit solide ist.

Poroschenko ist moderat, kein Kriegstreiber. Er denkt an die Wirtschaft, er ist ein guter Manager. Im Gegensatz zu anderen Oligarchen hat er sich nicht einfach nur Firmen nach dem Ende der Sowjetunion unter den Nagel gerissen. Er hat selbst ein modernes Unternehmen aufgebaut.

Bin ich enttäuscht vom Maidan? Es ist zu früh, um Ergebnisse zu verlangen. Der Krieg hat viele Reformen verlangsamt. Aber wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels.

Irina Probotjuk, 25, Sekretärin

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Ich werde nicht wählen gehen. Ich finde es falsch, dass die Regierung so viel Geld für eine Wahl ausgibt. Eigentlich bin ich nicht politisch. Aber den Maidan haben alle in unserer Firma unterstützt. Viele haben sich damals freigenommen. Wir haben Lebensmittel gekauft und Butterbrote im Büro geschmiert, für die Demonstranten. Ich bin nicht enttäuscht von unserer Revolution, sie war den Einsatz wert. Der ganze Zorn des Volkes hat sich entladen, von Bürgern, die viel zu oft betrogen worden sind.

Mein Verhältnis zu Russland hat sich nicht verändert. Mein Vater ist Ukrainer, meine Mutter kommt aus Russland. Auf der menschlichen Ebene hat sich nichts geändert, nur mit Blick auf die Regierung. Aber wir mögen die Russen. Wir werden uns nicht gegen sie wenden, nur weil ihr Präsident ein Idiot ist.

Olga Kurischko, 28, Journalistin bei "Radio Westi"

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Ich werde nicht zur Wahl gegen. Ich kann keine der Parteien unterstützen, weil auf allen Wahllisten Leute auftauchen, die in der Politik nichts verloren haben. Klar, jetzt kandidieren auch viele Maidan-Aktivisten und Journalisten. Neben ihnen stehen aber auch wieder die alten Verdächtigen, Baulöwen, Geschäftsleute.

Auf den Wahllisten stehen viele Soldaten und Kämpfer von Freiwilligenbataillonen. Ich war früher Parlamentskorrespondentin, ich kann mir nicht vorstellen, was diese Leute beitragen können. Sie sind sicher keine schlechten Menschen, aber kann man von ihnen erwarten, dass sie eine Novelle der Katasterordnung ausarbeiten?

Unser Land hat sich verändert in den letzten Monaten. Das hat auch Auswirkungen auf mich gehabt. Ich habe für die ukrainische Ausgabe der russischen Tageszeitung "Kommersant" gearbeitet. Anfang März hat die Zentrale in Moskau unsere Redaktion einfach zugemacht. Wir wollten eine Titelgeschichte über die Krim machen, das hat Moskau nicht gepasst. Am Morgen danach habe ich einen Anruf von Kollegen bekommen, dass die Zeitung eingestellt wird.

Mykola, 62, Fahrer

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Natürlich gehe ich wählen, ich habe immer die demokratischen Kräfte gewählt. In diesem Jahr werde ich für die Partei "Samopomisch - Selbsthilfe" stimmen. Das ist die Partei des langjährigen Bürgermeisters von Lwiw im Westen. Er hat ein gutes Team und will die Ukraine nach Europa führen. Wir wollen doch alle, dass unser Land ein normaler, europäischer Staat wird.

Natürlich hatten wir uns mehr Hilfe erhofft. Europa sucht die richtige Balance, der Westen hat ja auch geschäftliche Interessen in Russland und will sich nicht anlegen mit einer Nuklearmacht. Gleichzeitig aber helfen sie uns, so gut sie können, vor allem Deutschland. Ich bin zufrieden.

Wladimir, 52, Chefkoch eines Kiewer Restaurants

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Ich habe koreanische Wurzeln, lebe seit 1986 in der Ukraine, meine Mutter ist Russin. Ich habe die ukrainische Staatsbürgerschaft, meine Frau ist Ukrainerin, zu Hause sprechen wir russisch mit unseren fünf Söhnen. Warum ich zu den Wahlen gehe? Weil ich noch immer daran glauben will, dass ein Wandel möglich ist. Viele meiner jüngeren Mitarbeiter haben diesen Glauben verloren.

Heute gibt es noch viel zu wenige Veränderungen in unserem Land, aber wir hoffen auf mehr. Deutschland hat es doch auch geschafft, nach all den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs einen neuen Staat zu schaffen. Und wie könnten wir weiterleben ohne diese Hoffnung?

Wir stimmen immer für die Partei von Julija Tymoschenko. Wir glauben, dass sie der einzige Mensch ist, der das Land verändern kann. Deswegen hat sie Präsident Janukowytsch doch auch ins Gefängnis gesteckt.

Tanja, 38, Krankenschwester

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Ich weiß noch nicht, ob ich zur Wahl gehe. Es kandidieren wieder nur die gleichen Leute, die schon vorher an der Macht waren. Ich wüsste nicht, wem ich meine Stimme geben sollte. Es ist ein hartes Jahr gewesen, alles ist sehr instabil geworden.

Ich habe den Maidan unterstützt, die Leute haben ihre Meinung Kund getan, den Wunsch nach Freiheit. Ich bereue das nicht.

Mein Blick auf Russland hat sich nicht verändert. Nicht Russland ist verantwortlich für den Krieg, sondern ein bestimmter Mensch, Präsident Wladimir Putin. Von Europa bin ich enttäuscht. Sie sagen, sie seien unser Partner. Aber sie könnten uns mehr helfen, mit einer Beitrittsperspektive, aber auch mit Training und Waffen für unsere Soldaten.

Ich glaube nicht, dass die Ukrainer diese Krise noch lange so ruhig ertragen werden. Womöglich wird es zu einem weiteren Maidan kommen.

Tatjana, 87, vergleichende Sprachwissenschaftlerin

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Ich bin Bürgerin der Ukraine, ich halte es für meine Pflicht, am Sonntag meine Stimme abzugeben. Ich will, dass mein Land sich entwickelt, die Wirtschaft, die Kultur, auch die Freundschaft zu anderen Staaten in unserer Nachbarschaft.

Ich werde für die Partei von Präsident Poroschenko stimmen. Ich glaube an den Präsidenten, er kann das Land auf den richtigen Weg führen. Ich arbeite immer noch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität. Ich arbeite an einem neuen Buch. Äußerlich hat sich mein Leben nicht verändert, aber in meinem Inneren schon. All diese Erschütterungen, die Sorgen angesichts der Entwicklung.

Wladimir, 37, ehemaliger Bergarbeiter

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Ich bin vor einigen Jahren aus Donezk nach Kiew gezogen, dort habe ich im Tagebau gearbeitet, in Kiew als Wachmann. Ich boykottiere die Wahl. Es kommen die gleichen Leute wieder an die Macht. Ich sehe keine Kandidaten, die es wert wären, für sie zu stimmen. Ich glaube, viele in Kiew teilen meine Meinung.

Präsident Poroschenko setzt keine radikalen Reformen durch. Aber ich sehe, wie unsere Jungs in der Ostukraine getötet werden. Einer meiner Freunde ist von Kämpfern der sogenannten "Volksrepublik Donezk" erschossen worden.

Und Poroschenko? Der setzt sich mit diesen Leuten an einen Tisch. Mit denen darf man nicht verhandeln, man muss das ersticken, ausreißen mit der Wurzel. Für die "Radikale Partei" will ich aber auch nicht stimmen. Ihr Anführer Oleh Ljaschko ist ein Clown.

Aber die Geduld der Ukrainer schwindet. Wenn es nach den Wahlen keine Veränderungen gibt, werden die Leute erneut auf die Straße gehen.

Maria, 35, Blumenverkäuferin am Maidan

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Ich will nicht fotografiert werden. Wir haben mit meinen Kolleginnen diskutiert, wir wollen alle für die Volksfront von Premierminister Arsenij Jazenjuk stimmen. Das ist die einzige Partei, der es wenigstens auch um das einfache Volk geht.

Ich habe einen kleinen Sohn und bekomme 130 Hrywna Kindergeld im Monat. Eine Packung Windeln hat vor einem Jahr 200 Hrywna gekostet, jetzt sind es 300 Hrywna. Wie sollen wir so überleben? Warum hilft uns der Westen nicht? Warum nennt uns Europa einen Partner, tut aber nichts? Früher haben wir auf einen Beitritt zur EU gehofft. Aber inzwischen haben wir verstanden, dass uns dort niemand haben will.

Andrej, 43, Soldat

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Ich habe den Maidan vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht. Ich habe in Slowjansk gekämpft, mich freiwillig gemeldet. Jetzt bin ich auf Heimaturlaub, das Ticket nach Kiew musste ich mir selber kaufen.

Unsere Politiker haben auf dem Maidan gesprochen, aber keiner hat sich an der Front sehen lassen. Die haben sich hinter unseren Rücken versteckt. Unsere Politiker schicken ihre Kinder doch alle ins Ausland, während unsere im Osten kämpfen.

Es gibt keinen Politiker, dem ich meine Stimme geben würde. Irgendwann wird der Krieg im Osten enden, und wir werden siegen, so oder so. Dann werden wir nach Kiew kommen und hier die Drecksäcke aufknüpfen. Auch den Präsidenten, weil er die Versprechen nicht hält, die er auf dem Maidan gegeben hat.

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1.
mmaier 25.10.2014
...welcher anscheinend einem der zahlreichen Söldnertruppen (Bataillione) der ukrainischen Oligarchen zuzurechnen ist. Das diese Truppen siegen werden erscheint aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich, dass sie zurück nach Kiew kommen werden und ihre etwas sonderbare Vorstellung von Demokratie zumindest versuchen werden durchzusetzen darf als gesichert gelten. Der endlose Krieg hat mit dem Umsturz in der Ukraine eine hässliche Schwester bekommen. Die endlose Revolution oder dies was dafür in diesen Kreisen gehalten wird.
2. Wahl zwischen Pest und Cholera
PFitch 25.10.2014
Keine der mir bekannten Parteien und Wählervereinigungen bekennt sich zum Ende des Konfliktes, zur sachlichen Aufarbeitung und Losung der aktuellen Probleme in Wirtschaft und Leben, alle träumen lediglich von Europa, Reisefreiheit etc. Ich bin sicher mit einer Aufhebung der Visafreiheit fur die Ukraine werden sofort 15% der Bevölkerung das Land verlassen,. Wahrscheinlich mehr, Wer soll die dann bitte aufnehmen? Die Eu vielleicht?. Unsere Politiker insbesondere die liebe Frau Merkel und auch Herr Steinmeier und Frau Beck, Herr Brok Und viele andere verkennen einfach die Situation, Die Ukrainer sind arm dran daran wird auch diese Wahl nichts ändern, schuld daran sind aber nicht die Russen sondern der Westen
3. Wahlbeteiligung schon EU maesig
winkler00 25.10.2014
Die Wahlbeteiligung ist schon vergleichbar mit der EU Wahl. Das sie den Versprechen der EU auf den Leim gegangen sind, haben sie auch schon mitbekommen. Das sich auch nach der Wahl nichts aendern wird ist auch allen klar. Ich wundere mich nur ueber die Weitsicht der UA und das man aber auch gar nichts daran aendern will. Wenn ich mir mein Absatzmarkt freiwillig zerstoere und hoffe auf ein Wunder, bin ich verblendet oder bestochen. Was helfen die Toten, wenn sich sowiso nichts aendert.
4. Welche Zukunftsperspektiven ?
ichsagwas 25.10.2014
Nach dem Durchlesen dieser 10 Statements kann man eigentlich nur zum Schluss kommen, dass der Ukraine schwerste Zeiten bevorstehen. Niemand hat wirklich den Durchblick, niemand hat ein tragfähiges Konzept. Egal, wie die Leute wählen, das gesellschaftliche Klima wird sich weiter verschlechtern und wirtschaftlich kann es eigentlich nur schlimmer werden. Dauerhafte Armut und Instabilität. Keine Ahnung, woher diese Menschen immer noch ihre Hoffnung schöpfen. Sie machen halt irgendwie weiter, zumindest Rentner und Arme müssen weiterleben in diesem kaputten Land. Und über die EU sehen viele eine Möglichkeit, auszuwandern. Hätte man Russland und die EU mittels Visafreiheit und einer echten, auf Vertrauen und Gegenseitigkeit basierenden Wirtschaftspartnerschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammengeführt, dann wäre die aktuelle, katastrophale Lage gar nicht eingetreten. Wie sagte mal Gorbatschow ? Gemeinsames Haus Europa. Inzwischen werden von unseren Politikern und Medien Europa und EU aber immer mehr gleichgesetzt. Da hat sich eine enorme Arroganz und Selbstüberschätzung aufgebaut im neuen Machtzentrum in Brüssel. Nicht nur Putin ist der Idiot, sondern fast ausnahmslos alle ukrainischen Politiker und die der EU dazu. Sie haben Hoffnungen geweckt, die mittelfristig niemand einlösen kann. Dass diese ganzen Idioten es in all den vielen Jahren nicht fertiggebracht haben, ein vernünftiges Konzept umzusetzen, das die Ukraine als ein Bindeglied zwischen Ost und West verankert - das ist schon ein großes politisches Armutszeugnis.
5. Die Leute denen es gut geht wählen Poroschenko
specialsymbol 25.10.2014
Wie immer: es sind immer die gleichen die wollen dass sich nichts ändert, dass alles beim alten bleibt. Klar, es ist nicht alles gut, aber Hauptsache ihnen geht es gut. Das ist doch bei uns nicht anders.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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