Timoschenko und die Revolution Die Rückkehr der Füchsin

Zehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergießen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen.

Von , Kiew


Das Gespür für die richtige Geste hat Julija Wladimirowna Timoschenko auch im Gefängnis nicht verloren. Bevor sie sich nach ihrer Freilassung von Zehntausenden auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew feiern ließ, fuhr sie zur Gruschewski-Straße - zu den Barrikaden, an denen Mitte der Woche noch Scharfschützen des Geheimdienstes Jagd gemacht hatten auf die Demonstranten. Dort ehrte Timoschenko die Helden des Aufstands, an deren Spitze sie sich nun setzen will.

Auf dem Maidan nahmen sie Abschied von den Toten. In einem offenen Sarg trugen sie einen der Erschossenen zur Bühne: Alexej war erst vor wenigen Tagen Vater geworden. Dann schoben Helfer den Rollstuhl der 53-jährigen Politikerin zum Mikrofon. Die Haare trug sie zum Zopf geflochten, ihrem Markenzeichen. "Helden sterben nie", rief Timoschenko, und die Menschenmenge jubelte ihr zu, fast wie in alten Zeiten.

Auch Buh-Rufe waren zu hören, doch seit Wochen ist kein Berufspolitiker auf dem Maidan mehr so freundlich empfangen worden. Je länger sich der Aufstand seit November hinzog, desto mehr litt das Ansehen der Anführer der Opposition. Ex-Box-Weltmeister Vitali Klitschko, Nationalistenführer Oleg Tjagnibok und Timoschenkos Statthalter Arsenij Jazenjuk hatten zwar das Abkommen mit ausgehandelt, das am Freitag den Durchbruch brachte. Der Maidan aber pfiff sie aus, weil Klitschko Präsident Wiktor Janukowitsch bei der Unterzeichnung kurz die Hand geschüttelt hatte.

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Ukraine: Timoschenko auf dem Maidan
Timoschenko hat alle überrumpelt

Alle drei hatten sich Hoffnungen gemacht, als Kandidat der vereinten Opposition bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Timoschenko hat sie alle überrumpelt: Kaum hatte sie das Krankenhaus in Charkow verlassen, kündigte sie auch schon ihre Kandidatur bei den für Mai angesetzten Neuwahlen an. Timoschenko versprach auf dem Maidan, sie "werde Garantin dafür sein, dass euch niemand verrät und niemand Absprachen im Hinterzimmer trifft."

Ausgerechnet Timoschenko. In den neunziger Jahren hatte sie mit Gasgeschäften ein Vermögen verdient. Dann ging sie in die Opposition und zwischenzeitlich auch in Haft. Mit Wiktor Juschtschenko, später Präsident, war sie 2004/2005 das Duumvirat der Revolution in Orange. Sie vereitelten Janukowitschs Plan, mit Wahlmanipulationen an die Macht zu kommen. Nur leiden konnten sie sich nie.

Bald rangen Präsident und Premier nicht mehr nur gegen Janukowitschs Partei der Regionen, sondern kämpften auch erbittert gegeneinander. Juschtschenko wechselte Timoschenko als Regierungschefin zwischenzeitlich sogar gegen Janukowitsch aus. Im Gegenzug stand auch Timoschenko zwischenzeitlich kurz vor der Bildung einer "Großen Koalition" mit der Partei der Regionen.

Juschtschenko, der Verbündete, der zum Feind wurde, hat Timoschenko einmal mit einem Fuchs verglichen. In einer Sitzung kritzelte er sie als wildes Tier auf ein Blatt Papier, mit rotem Fell und buschigem Schwanz. Die Füchsin lächelte und zeigte ihre scharfen Zähne.

Das war die Zeit, in der für viele Ukrainer der Begriff "Politiker" zum Schimpfwort wurde. Die Quittung präsentierten ihnen die Wähler. Amtsinhaber Juschtschenko verlor die Präsidentschaftswahl 2010 krachend mit nur noch 5,5 Prozent. Timoschenko erreichte den zweiten Wahlgang, unterlag aber Janukowitsch. Das lag nicht an Wahlfälschungen, wie Timoschenko beteuerte. Internationale Beobachter erklärten die Abstimmung für weitgehend frei und fair. Der Grund für die Niederlage war simpler: Eine knappe Mehrheit der Wähler hielt Janukowitsch für das kleinere Übel.

Neben Janukowitschs Sünden aber verblassen Timoschenkos Fehler. Der Maidan applaudiert ihr wieder. Nach dem Sieg der Revolution 2005 war der Unabhängigkeitsplatz ein fröhliches Fahnenmeer. 2014 gleicht er einem Schlachtfeld, schwarz vom Ruß und rot vom Blut der Opfer. Um aus der Krise herauszufinden sehnt sich so mancher wieder nach einem Politiker, der erfahren ist, stark - und wenn es sein muss auch gerissen.

Der Chef vom Rechten Sektor wird noch mehr gefeiert

Mitte Februar spekulierten ukrainische Medien über einen prominenten Besucher in Timoschenkos Gefängnis. Die Rede war von Andrej Klujew, dem mächtigen Chef von Janukowitschs Präsidialamt. Er soll mit Timoschenko über ihre Freilassung verhandelt haben. Das kann eine Falschmeldung gewesen sein - oder eine Kostprobe von Timoschenkos Fähigkeiten. Dem Maidan dürfte sie allerdings nicht schmecken: Klujew gilt vielen als einer der Verantwortlichen für die Polizeigewalt gegen Demonstranten.

Sollte Timoschenko tatsächlich das Präsidentenamt anstreben oder den Posten des Premierministers, steht sie vor großen Herausforderungen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat nach den Unruhen die Bonitätsnote der Ukraine gesenkt. Das Land steht aber nicht nur kurz vor dem Bankrott, es taumelt auch in Richtung Bürgerkrieg. Auf der russisch geprägten Halbinsel Krim wollen lokale Abgeordnete gegen die Revolution ins Feld ziehen und "die verfassungsmäßige Ordnung" in Kiew wiederherstellen. Und Moskau reagiert eisig, Außenminister Sergej Lawrow wirft der Opposition den Bruch des Abkommens mit dem Regierungslager vor.

Nach Timoschenko trat ein Mann auf, der noch frenetischer gefeiert wurde als die ehemalige Premierministern. Sein Name ist Dimitrij Jarusch, er ist Anführer des Rechten Sektors. Die Nationalisten haben sich schon am Freitag Scharmützel mit Timoschenkos Partei geliefert. Das Parlament hat Timoschenkos Vertrauten Alexander Turtschinow zum Parlamentpräsidenten ernannt. Der forderte die Demonstranten vom Maidan daraufhin auf, nach Hause zu gehen.

Aber der Rechte Sektor ist nicht daran gewöhnt, Befehlen von Politikern zu gehorchen. "Wir werden nicht auseinandergehen", verkündete die Gruppierung. Die Aktivisten haben einen alten Schützenpanzer zum Chreschatik gebracht, der Flaniermeile am Maidan. Davor steht Andrej, 21, schwarze Maske, ballt die Faust, wenn er den Namen Timoschenko hört. "Wir haben die nationale Revolution verteidigt gegen Janukowitsch", sagt er. "Wenn uns Timoschenko enttäuscht, verteidigen wir sie auch gegen Timoschenko."

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Seite 1
dreamsleep 23.02.2014
1.
Zitat von sysopZehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergießen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-timoschenkos-rueckkehr-a-955123.html
Es ist einfach nur noch traurig, was da drüben passiert. Man wählt also wieder einmal das "kleinere Übel" und wird der korrupten Oligarchin wohl eine erneute Möglichkeit geben ihr Vermögen zu mehren. Dass der rechte Sektor am meisten Beifall bekommt sollte uns auch zu denken geben. Politikverdrossenheit kann auch ganz schnell in eben das münden, von dem die Ukrainer meinen sich gerade befreit zu haben: Autokratie - Diktatur. Ein wirklicher Sieg für die Demokratie war das zumindest nicht. Eher für Anarchie und Faschismus..
missing_link 23.02.2014
2. Kriegsgewinnlerin
Der brave Klitschko wird von der gerissenen Timoschenko skrupellos an die Wand gespielt. Dafür haben die Ukrainer so viel riskiert?
longjohnblues 23.02.2014
3. Bitte nicht DIE jetzt pushen!!
Zitat von sysopZehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergießen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-timoschenkos-rueckkehr-a-955123.html
Herr Bidder. Immerhin scheint sie ja kerngesund zu sein (und voller Haß) Sie hat sich absolut nicht geändert. Und das ist kein Kompliment!
haltetdendieb 23.02.2014
4. Oh Gott sage, dass das nicht wahr ist
Zitat von sysopZehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergießen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-timoschenkos-rueckkehr-a-955123.html
Wenn das passiert, hauen sich die Ukrainer in zwei Jahren wieder gegenseitig auf die Glocke. Amerikanisches Geld hin oder her! Das ist viel zu gefährlich. Lass diesen Kelch an der Ukraine vorbei gehen. Dann, ähm räusper, schon lieber Klitschko! Und bitte, nicht wie der HSV, drei Trainer in einem Jahr. Timoschenko ist die schlechteste aller Lösungen, deshalb wird sie wohl auch gewählt, die Füchsin. Schade um dieses schöne Land.
IsaDellaBaviera 23.02.2014
5. Vor einer Frau, die die Kraft hat, nach über 2 Jahren Haft & nach einer 450 KM-Reise
Zitat von sysopZehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergießen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-timoschenkos-rueckkehr-a-955123.html
nach Kiew zu kommen und mitten in der Nacht noch zu den frierenden, hoffenden und abwartenden Menschen zu sprechen, sollten wir einfach nur den Hut ziehen...
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