Dutzende Brandopfer in Odessa Tödlicher Hass

Die Polizei sah tatenlos zu, als im südukrainischen Odessa ein Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde. Dutzende prorussische Aktivisten kamen ums Leben. Der Gouverneur lobt die Brandstifter: "Sie haben Terroristen neutralisiert."

Von , Moskau


Die Videos, die am frühen Morgen auf YouTube hochgeladen wurden, geben einen Eindruck von den Schrecken der Nacht. Bergungsmannschaften und Schaulustige steigen durch die Treppenhäuser des Gewerkschaftshauses in Odessa. Die Kamera streift die von Ruß geschwärzten Gesichter der Toten. Einer trägt das schwarz-orange Georgsband, es erinnert eigentlich an den Sieg im Zweiten Weltkrieg und ist zum Erkennungszeichen russischer Patrioten und Nationalisten geworden. "Sieben, acht, neun Leichen hier", klingt eine Stimme aus dem Off.

Die genaue Zahl der Todesopfer steigt noch immer, inzwischen sprechen die Behörden von 40 Menschen, die am Freitag in der ukrainischen Schwarzmeerstadt Odessa ums Leben kamen. Die meisten starben, als das von prorussischen Separatisten besetzte Gebäude mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt wurde.

Odessa ist eine Hafenstadt, strategisch und wirtschaftlich wichtig. Sie liegt im Süden der Ukraine, hat rund eine Million Einwohner. Die meisten davon sprechen im Alltag Russisch, von Moskau wird Odessa deshalb dem "prorussischen Südosten" der Ukraine zugerechnet.

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Gewalt in Odessa: Tödlicher Brand im Gewerkschaftshaus
Gewalt zwischen Fußballfans und prorussischen Aktivisten

"Das ist Neurussland", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin jüngst bei einer TV-Sprechstunde und gebrauchte damit die alte Bezeichnung der Region, als der Süden und Osten der Ukraine von Odessa aus von einem Generalgouverneur des russischen Zaren verwaltet wurden.

Im Unterschied zum Donezker Becken im Osten sind in Odessa aber auch ukrainische Nationalisten und andere Gegner einer Annäherung an Russland stark. Am Freitag marschierten sie mit ukrainischen Fahnen durch die Straßen der Schwarzmeerstadt. Unter den Demonstranten waren viele Anhänger des örtlichen Fußballclubs Tschjornomorez. Der Verein empfing am Freitag die Mannschaft von Metallist Charkiw. Die Fanszene in der Ukraine, vor allem die der Ultras, ist stark nationalistisch geprägt.

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In der Innenstadt von Odessa griffen prorussische Aktivisten den Demonstrationszug an. Videoaufnahmen zeigen, wie Vermummte eine Polizeikette durchbrechen. Sie schlugen mit Knüppeln auf Demonstranten ein, die ukrainische Fahnen schwenkten. Die Angreifer trugen Helme und Schilde.

Aber auch ihre Gegner sind bereit zu Gewalt. Der Reporter Howard Amos berichtet, beide Seiten seien bewaffnet gewesen mit "Baseballschlägern, Steinen, Molotow-Cocktails, selbstgemachten Granaten und Gaspistolen". Amos ist für den britischen "Guardian" in Odessa im Einsatz.

Die Polizei tut nichts gegen den Hass

Dutzende erleiden Platzwunden, vor allem am Kopf. Mindestens ein Mann wird bei den Straßenschlachten getötet. Wie genau es zu der dramatischen Eskalation kam, lässt sich nur schwer vollständig rekonstruieren. Am Nachmittag ging ein Zeltlager der prorussischen Kräfte vor dem Gewerkschaftshaus in Flammen auf, die Aktivisten verschanzten sich in dem umstellten Gebäude.

Laut ukrainischen Medien wurde von prorussischen Besetzern aus den Fenstern und vom Dach aus geschossen. Aus der Menge vor dem Gebäude flogen Steine und Molotow-Cocktails. An mehreren Stellen im Gewerkschaftshaus brach Feuer aus. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich wohl mehrere hundert Menschen im Inneren. Manche versuchten, sich mit einem Sprung aus dem Fenster zu retten. Videoaufnahmen zeigen einen Überlebenden der Katastrophe, der auf allen vieren aus der Ruine kriecht. Er wird von seinen Widersachern mit Knüppeln und Fußtritten traktiert.

Die Polizei tat nichts, um den Hass zu bremsen. Die Sicherheitskräfte sahen weitgehend tatenlos zu, wie sich die Gewalt in Odessa durchsetzte. Als die Einheiten der Sonderpolizei doch noch zum Gewerkschaftshaus vorrückten, brannte das Gebäude bereits lichterloh.

"Terroristen neutralisieren"

Verstörend ist die Sprache, die Behörden und Medien angesichts der Katastrophe wählen. Während in Odessa Menschen verbrannten, meldeten ukrainische Medien geradezu triumphierend, "Patrioten" hätten die "Separatisten zurückgeschlagen". Man sei dabei, sie erfolgreich "auszuräuchern".

Die Führung in Kiew hat eine Untersuchung angekündigt, eine von der Regierung eingesetzte Kommission ist laut Innenminister Arsen Awakow bereits auf dem Weg nach Odessa.

Der Gouverneur des Gebiets, Wladimir Nemirowsky, gab der Polizei die Verantwortung für die Toten. Die Sicherheitskräfte hätten Anweisungen der Verwaltung keine Folge geleistet. Sie hätten "so wie auch schon früher nicht an das Land gedacht, sondern nur an den eigenen Komfort".

Nemirowsky hat drei Tage Trauer in Odessa angeordnet. Versöhnlich aber war er nicht. Ausgerechnet die Brandstifter, deren Feuer Dutzende Menschen das Leben gekostet hat, nahm der Gouverneur ausdrücklich in Schutz: Um "bewaffnete Terroristen zu neutralisieren" sei das Vorgehen "legal" gewesen.

Mittlerweile ist die Polizei aktiv geworden. Laut Nachrichtenagentur Reuters sind mehr als 130 Menschen festgenommen worden. Ihnen drohen Anklagen wegen Beteiligung an einem Aufruhr und vorsätzlichem Mord, teilte der örtliche Polizeichef Petro Luziuk am Samstag mit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 611 Beiträge
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Seite 1
Waldpinguie 03.05.2014
1.
Die Frage ist nicht wer die beiderseitige Gewalt entfachte. Wohl mehr wer den Verstand hat diese zu beenden.
schlob 03.05.2014
2.
Zitat von sysopREUTERSDie Polizei sah tatenlos zu, als im südukrainischen Odessa ein Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde. Dutzende prorussische Aktivisten kamen ums Leben. Der Gouverneur lobt die Brandstifter: "Sie haben Terroristen neutralisiert." http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-tote-bei-feuer-in-odessa-nach-brandstiftung-a-967340.html
versagt haben die ordnungdmächte usa,eu,russland - jedermann wusste ,dass es so kommen kann. wenn da nicht NEUTRALE truppen für ordnung sorgen...
m.montag 03.05.2014
3. Es ist beschämend
Diese Typen sind auch mit unseren Steuergeldern an die Macht gekommen. Die Pro-Russen hatten das Gebäude nicht besetzt, sie wurden dort hineingetrieben und verbrannt.
hador2 03.05.2014
4.
Falls die Regierung in Kiew vorhatte Russland einen weiteren Vorwand für ein militärisches Eingreifen in der Ukraine zu liefern: Glückwunsch! Das hat man damit wohl erreicht. Ich hoffe sowohl der Westen als auch Russland verstehen endlich, dass es (wie in jeder Krise) auf beiden Seiten Idioten gibt und dass eine einseitige Unterstützung einer der Parteien die Situation nur verschlimmert.
newsoholic 03.05.2014
5. Russen?
Bestimmt kommt hier im Forum bald jemand auf die Idee, dass die Toten eigentlich eingeschleuste russische Agenten sind. Wacht auf, Leute! Hier findet ein Bürgerkrieg statt, weil die sogenannte Regierung in Kiew sich einen Dreck um die russisch-stämmige Bevölkerung im eigenen Land schert. Kein Wunder, dass die Menschen im Osten mit Kiew nichts zu tun haben wollen und sich eher zu Russland als zur EU zugehörig fühlen. Die EU sollte Sanktionen gegen Kiew verhängen, nicht gegen Russland. Aber nein, immer ist Russland Schuld. Am Putsch in Kiew genauso wie an der Osterweiterung der NATO.
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