Fall Timoschenko: Die dubiosen Geschäfte des Janukowitsch-Clans

Aus Kiew berichtet

Der Präsident geriert sich als oberster Korruptionswächter, doch nun bringt Wiktor Janukowitsch die Ukrainer selbst mit zwielichtigen Geschäften gegen sich auf: Sein Clan regiert ein Geflecht von Firmen - und er selbst residiert in einem Luxusanwesen, dessen Kauf geschickt verschleiert wurde.

Ukrainisches Staatsoberhaupt Janukowitsch: Immer zum Wohle des Präsidenten Zur Großansicht
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Ukrainisches Staatsoberhaupt Janukowitsch: Immer zum Wohle des Präsidenten

Zu Zeiten, als Wiktor Janukowitsch für manchen in Deutschland noch eine Art Hoffnungsträger war und Julija Timoschenko noch in Freiheit, war der ukrainische Präsident auch selbst noch besser auf Deutschland zu sprechen als zuletzt.

Ende August 2010, Janukowitsch hatte mit seinem Wahlsieg sechs Monate zuvor das Regierungsintermezzo der Helden der Revolution in Orange gerade beendet, reiste Janukowitsch nach Berlin. Dort hoffte man damals insgeheim, der Mann, der 2004 mit Wahlfälschungen an die Macht zu kommen versucht hatte, würde nun mit dem Chaos aufräumen, in das die Zwistigkeiten des orangefarbenen Lagers das Land gestürzt hatten. Er würde Reformen anpacken und Investoren locken.

In Berlin trat Janukowitsch vor Wirtschaftsvertretern auf und kramte etwas stockend nach einem Kompliment für Qualität "Made in Germany". Er kenne deutsche Wertarbeit aus eigener Anschauung, schmeichelte der Präsident. Bei Bauarbeiten habe er mit deutschen Handwerkern sprechen können. "Ich kann sagen, das war die Intelligenzija der Arbeiterschaft", lobte Janukowitsch. Es folgten längliche Ausführungen über Holzarbeiten an einem Landhaus in der Ukraine, "Meschigorja" genannt. In Berlin geriet die Episode bald in Vergessenheit.

Meschigorja. In der Ukraine hat der Zungenbrecher einen Klang ähnlich wie in Amerika Watergate. Es ist die Chiffre für eine Staatsaffäre. Sowjetführer Nikita Chruschtschow residierte einst auf dem Terrain der Staatsresidenz. Nach der Unabhängigkeit 1991 ging das Anwesen in ukrainisches Staatseigentum über.

Bis das Anwesen privatisiert wurde, und zwar über verschlungene Pfade, die über Firmen in Wien und in London führen und an deren Ende offenbar Wiktor Janukowitsch steht: der Mann, der einst versprochen hatte, "nicht nur hart gegen die Korruption zu kämpfen, sondern grausam".

Entscheidungen, die den Wohlstand des Präsidenten mehren

Beim Berlin-Besuch 2010 stichelte Janukowitsch noch, die Vorgängerregierung der Orangenen habe "keine Entscheidung für das Land getroffen". Die Wirtschaft habe "nicht systematisch arbeiten" können. Zwei Jahre später wird deutlich: In Janukowitschs Ukraine werden vor allem systematisch Entscheidungen getroffen, die den Wohlstand des Präsidenten, von Vertrauten und Familienangehörigen mehren.

So tauchte jüngst unter den erfolgreichsten ukrainischen Geschäftsleuten Alexander Janukowitsch, 38, auf. Eigentlich gelernter Zahnarzt lässt der älteste Sohn des Präsidenten im ostukrainischen Donezk Bürogebäude und Hotels bauen. Sein Geschäft hat offenbar Konjunktur: Janukowitsch Juniors "All-Ukrainische Entwicklungsbank" steigerte ihren Gewinn laut ukrainischen Medien in den drei letzten Quartalen des vergangenen Jahres um das Zwanzigfache.

In der Ukraine macht schon der Begriff von der "Familie" die Runde, in Anlehnung an das korrupte Netzwerk aus Verwandten und Vertrauten, das in den neunziger Jahren Russlands Präsident Boris Jelzin umgab.

Janukowitschs Sieg über Julija Timoschenko in der Stichwahl Anfang 2010 war auch ein Sieg der ostukrainischen Oligarchen, die seine Partei der Regionen unterstützten. Diese weiten seither ihren Einfluss weit über die Grenzen ihrer Heimat im Osten des Landes aus. Geschäftsleute in Kiew haben dem Phänomen einen Namen gegeben. Sie nennen es "die Welle aus Donezk".

Sergej Leschtschenko, 31, ist überraschend schmächtig für einen, der sich mit den mächtigsten Männern des Landes anlegt. In einer stillen Seitenstraße der Hauptstadt Kiew beugt sich der schlaksige Journalist über seinen Computer. In einer Altbauwohnung hat die "Ukrainskaja Prawda" eine improvisierte Redaktion eingerichtet, auf Deutsch heißt die Zeitung "Ukrainische Wahrheit". Boxhandschuhe hängen an der Wand. "Bewahrt den Kampfgeist", steht darauf.

"Einen Journalisten töten"

Der Kampf der zwanzig Reporter für die Wahrheit ist gefährlich. Im Jahr 2000 wurde Chefredakteur Georgij Gongadse ermordet, vermutlich von Männern des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Zwölf Jahre nach dem Verbrechen muss auch Sergej Leschtschenko mit kaum verhüllten Todesdrohungen leben. So veröffentlichte die regierungstreue Zeitung "Iswestia" einen Kommentar, der dem Reporter vorwarf, die "Präsidentschaft Janukowitschs zu destabilisieren". Die Überschrift des Artikels lautete: "Einen Journalisten töten".

Leschtschenko hat sich Feinde gemacht, weil er die Geschäftspraktiken des Janukowitsch-Clans genau unter die Lupe nimmt. Vor allem rekonstruierte er die Privatisierung der einstigen Lieblingsresidenz des Präsidenten - von "Meschigorja". Satellitenfotos zeigen ein ausladendes Anwesen mit Gästehaus, Schwimmbad, Yachtclub und eben jenem herrschaftlichen Landhaus, an dem die von Janukowitsch gepriesenen Handwerker aus Deutschland gearbeitet hatten.

Wie aus Dokumenten hervorgeht, die der "Ukrainskaja Prawda" vorliegen, wurde "Meschigorja" nicht verkauft. Der Staat übertrug das Eigentum aber an eine Donezker Firma und erhielt im Zuge eines Tausches zwei baufällige Häuser in Kiew. Der neue Eigentümer wiederum beeilte sich, die Residenz an eine zweite Donezker Firma namens Tantalit weiterzuveräußern, wurde aber trotz des Verkaufs des Luxusanwesens wenig später offiziell für Bankrott erklärt.

Aus Donezk wiederum führt die Spur weit nach Westen: nach Österreich. 99 Prozent der Tantalit gehören nach Erkenntnissen der "Ukrainskaja Prawda" offenbar einer Euro East Beteiligungs GmbH mit Sitz ihn Wien. An dieser hält anscheinend die österreichische Euro Invest Bank 65 Prozent der Anteile, 35 Prozent gehören der Londoner Blythe Europe Ltd.

In der Ukraine fragt man sich nun, was der Zweck solch komplexer Eigentumsstrukturen sein könnte. Wer hat den Ukrainern in der Alpenrepublik geholfen, jenes enge Firmengeflecht zu spinnen? Und soll dadurch etwa verborgen werden, wer der wahre Eigentümer ist?

Präsident Wiktor Janukowitsch wohnt offiziell "zur Miete" in "Meschigorja". Auf Staatskosten hat er sich ein großes Arbeitszimmer auf dem Anwesen einrichten lassen.

Sergej Leschtschenko und die Kollegen der "Ukrainskaja Prawda" aber haben keinen Zweifel, dass er selbst der eigentliche Herr über "Meschigorja" ist.

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1.
Nachtheinigte 12.05.2012
Zitat von sysopDer Präsident geriert sich als oberster Korruptionswächter, doch nun bringt Wiktor Janukowitsch die Ukrainer selbst mit zwielichtigen Geschäften gegen sich auf: Sein Clan regiert ein Geflecht von Firmen - und er selbst residiert in einem Luxusanwesen, dessen Kauf geschickt verschleiert wurde. Ukraine: Undurchsichtige Geschäfte von Präsident Wiktor Janukowitsch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832317,00.html)
Komisch nur, dass die Herkunft der 2 Milliarden von Frau Timoschenko, in Ihrem Magazin noch nie eine Rolle gespielt hat, aber das passt genau in die Linie !
2. Sage mir mit wem du umgehst und ich sage mir wer du bist!
chrimirk 12.05.2012
Zitat von sysopDer Präsident geriert sich als oberster Korruptionswächter, doch nun bringt Wiktor Janukowitsch die Ukrainer selbst mit zwielichtigen Geschäften gegen sich auf: Sein Clan regiert ein Geflecht von Firmen - und er selbst residiert in einem Luxusanwesen, dessen Kauf geschickt verschleiert wurde. Ukraine: Undurchsichtige Geschäfte von Präsident Wiktor Janukowitsch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832317,00.html)
Deswegen darf diese Macht-Mafia niemals in die EU! Denen soll W. Putin erst mal Manieren und Demut beibringen, bevor die ihr Haupt anheben. Ekelhaft. Und die DFB-Sportler/Aktive müssen dort hin und dem Menschen möglicherweise noch die Hand reichen! Alles gut sichern, Sagrotan nicht vergessen.
3. Also mal ehrlich ...
prospektor 12.05.2012
Das ist ja nun etwas dürftig. Wem gehört diese Residenz, und wurde sie eventuell zu billig innerhalb dieser Firmen verkauft? Tja, keine richtige Antwort. Und offiziell wohnt Janukowitsch zur Miete da, also was soll das Ganze? Er hat sich ein Arbeitszimmer auf Staatskosten einrichten lassen, oha. Seit wann steht denn einem Staatsoberhaupt ein Arbeitszimmer zu? Da muß Korruption im Spiel sein. In Deutschland arbeitet der Präsident im Kinderzimmer seiner Doppelhaushälfte. Und wehe, da wird ein Schreibtisch von der Steuer abgesetzt, das geht ja zu Lasten des Steuerzahlers. Sorry, aber das ist zu dürftig. Ich bin sicher, daß Janukowitsch irgendwo Dreck am Strecken hat, aber im Vergleich zu Frau Timoschenko ist das lächerlich. Die hat immerhin ganz unverhohlen Milliarden gescheffelt, in Zusammenarbeit mit Pavlo Lazarenko, auf Platz acht der korruptesten Politiker der Neuzeit. DAS wäre doch mal eine Verflechtung, die man ... ach so, verstehe. Frau Timoschenko ist ja die Gute. Gerade hatte ich gehofft, der Spiegel würde langsam etwas kritischer werden. Immerhin hat mittlerweile auch die FAZ mal den Hintergrund der Gasprinzessin näher beleuchtet. ich bin mal gespannt, wie der Spiegel die Verfahren wegen Mordes und Steuerhinterziehung kommentieren möchte, ohne die dubiose Vergangenheit zu erwähnen, UESU, UEIL, Somolli, Lazarenko, Kirichenko ... Drahtseilakt, vorsicht, vorsicht! Dubiose Geschäfte, verdächtige Firmengeflechte und so weiter. Wenn man da nicht ganz genau verschweigt und verfälscht, leidet das Bild der "schönen Freiheitskämpferin" vielleicht etwas.
4. Hallo SPON
Andreas58 12.05.2012
Dass in der Ukraine massiv Korruption läuft, habt Ihr aber unter Timoschenkos Ära nicht bemerkt ! Immer schön auf dem einem Auge blind sein !
5.
biobanane 12.05.2012
Zitat von NachtheinigteKomisch nur, dass die Herkunft der 2 Milliarden von Frau Timoschenko, in Ihrem Magazin noch nie eine Rolle gespielt hat, aber das passt genau in die Linie !
Immer die gleichen Reflexe. Das Vermögen der ehemaligen Videoverkäuferin wurde natürlich schon thematisiert, wobei es nicht wirklich Vorwürfe gab, dass sie sich im Amt bereichert habe. Aber wenn sie hierzu Fakten haben, es wird bestimmt einige interessieren. ganauso wie die jetzigen Geschäfte ihres Nachfolgers.
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Fläche: 603.700 km²

Bevölkerung: 45,553 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef einer Übergangsregierung: Arsenij Jazenjuk (zurückgetreten); Volodymyr Hroisman (amtierend)

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