Klitschko in Kiew "Ein Drittel liebt ihn, ein Drittel hasst ihn"

Keine zwei Jahre nach der Maidan-Revolution muss Vitali Klitschko als Bürgermeister von Kiew wieder in den Wahlkampf. Das Heldenimage des Ex-Boxers hat Kratzer bekommen: Klitschko hat sich in undurchsichtige Seilschaften verstrickt.

DPA

Von , Moskau


Er muss jetzt schon wieder Hände schütteln, Schultern klopfen, Schulen eröffnen: Vitali Klitschko, 44, der Politiker, der mal Boxer war, kennt das inzwischen. Die vergangenen drei Jahre hat er im Dauerwahlkampf verbracht: 2012 führte er seine Partei zum ersten Mal ins Parlament, 2013 setzte er sich an die Spitze der Maidan-Proteste. Im Mai 2014 siegte er bei den Bürgermeisterwahlen in Kiew, im Oktober folgten wieder Parlamentswahlen.

Und nun, nach nur anderthalb Jahren als Bürgermeister, geht seine erste Amtszeit schon zu Ende. Die Gepflogenheiten der ukrainischen Politik wollen es so: Weil am Sonntag landesweit Kommunalwahlen anstehen, muss auch Kiew Stadtrat und Bürgermeister neu wählen.

Wahl Nummer 1 war ein Triumph: Klitschko siegte klar, mit 51 Prozent, im ersten Wahlgang. Dieses Mal könnte es enger werden. Klitschko liegt in der Wählergunst klar vor allen Konkurrenten, die absolute Mehrheit aber verfehlt er in allen Umfragen. "Ein Drittel liebt ihn, ein Drittel hasst ihn, der Rest ist unentschlossen", heißt es in Klitschkos Stab.

Kiew steht am Rande des Bankrotts

Das Abschneiden des ehemaligen Box-Weltmeisters bei der Wahl wird Symbolwirkung auch über die Stadtgrenzen Kiews hinaus haben. Seit Kurzem ist Klitschko auch Vorsitzender der Partei des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Klitschkos eigene Partei "Udar" ist im "Block Petro Poroschenko" aufgegangen.

Poroschenkos Lager ist in diesem Jahr in Bedrängnis geraten. Die Popularitätswerte des Staatschefs fallen. Sein Premierminister Arsenij Jazenjuk schneidet in Umfragen sogar so schlecht ab, dass dessen "Volksfront" es vorzieht, bei den Kommunalwahlen erst gar nicht anzutreten.

Vielen Bürgern gehen die Reformen zu langsam voran, sie sind empört über Korruptionsfälle im Umfeld der Führung. 68 Prozent sind der Meinung, dass sich die Dinge in der Ukraine in die falsche Richtung entwickeln, mit der Regierung zufrieden sind 11 Prozent.

Wie Poroschenko hat auch Klitschko die Macht in schwieriger Zeit übernommen. Kaum im Amt, musste er warmes Wasser rationieren - weil zwischenzeitlich kein Gas mehr aus Russland in die Ukraine kam. Die Kassen sind leer, die Hauptstadt balanciert seit anderthalb Jahren am Rande des Bankrotts - so wie der gesamte ukrainische Staat.

Klitschkos Anhänger halten ihm das zugute: Klitschko hat das öffentliche Leben in Kiew vor dem Zusammenbruch bewahrt, obwohl die Ukraine einen Krieg und die schwerste Wirtschaftskrise seit ihrer Unabhängigkeit durchlebt. Klitschko hat der Korruption verdächtigte Beamte ausgetauscht. Eine kostenlose Buslinie wurde eingerichtet, die Behörden funktionieren routiniert, obwohl Klitschko keine Verwaltungserfahrung hatte.

Seine Gegner halten ihm genau das vor: Der Machtwechsel sei allzu reibungslos vonstattengegangen. Tatsächlich hat Klitschko zweifelhafte Figuren in sein Team aufgenommen, Männer mit Seilschaften aus der Zeit vor der Maidan-Revolution.

Klitschkos Stabschef ist ein Baumagnat, der früher schon mal im Parlament saß, und zwar für die "Partei der Regionen" des 2014 gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Den Baulöwen und Multimillionär Igor Nikonow hat Klitschko sogar zum Stellvertreter gemacht.

Zwielichtige Herausforderer

Baufirmen haben traditionell ein Auge auf Kiews Stadtrat und Verwaltung, um Einfluss auf lukrative Bauprojekte in der Hauptstadt zu nehmen. Konflikte um Bauvorhaben werden bis heute ruppig ausgetragen. Im Juli wurde eine Aktivistin krankenhausreif geprügelt. Im März fielen Schüsse bei Streitigkeiten um eine Baustelle. Im April riss ein Mob nahe der Metrostation Osokorki einen illegal errichteten Bauzaun nieder und steckte Bauwagen an. Der Geschäftsmann, der das Areal kontrolliert, sitzt laut ukrainischen Medien für Klitschko im Stadtrat.

Der Baufilz hat Klitschkos Image angekratzt. Er selbst sagt, es sei unmöglich, "alles sofort zu ändern, aber wir ändern schrittweise und mit konkreten Taten für unsere Stadt".

Sonntag könnte das zu wenig für einen Sieg im ersten Wahlgang sein. Drei Kandidaten werden Chancen eingeräumt, Klitschko in die Stichwahl zu zwingen. Olexander Omeltschenko etwa ist 77 Jahre alt und war bis 2006 schon mal Bürgermeister. Der zweite ist Sergej Dumtschew, eine rätselhafte Figur: Niemand weiß, woher der politische Nobody plötzlich Geld hat, an jeder Straßenecke sein Konterfei plakatieren zu lassen.

Der dritte heißt Borislaw Berjosa und war früher beim nationalistischen "Rechten Sektor". In Umfragen liegt er im Moment auf Rang drei. Der Populist ("Wer mit dem Stehlen nicht aufhört, gehört aufgehängt!") könnte Klitschko noch gefährlich werden - weil er beständig an die gebrochenen Versprechen des Anführers der Maidan-Proteste erinnert. "In Kiew hat man den Eindruck, dass die Revolution noch gar nicht gesiegt hat", sagt er.



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Seite 1
brehn 24.10.2015
1. typisch
irgendwie typisch für vom Westen angestrebte Regime-Changes. Länder in welchen vorher relative Ruhe und Ordnung geherscht hat versinken danach in Chaos und Korruption.
rhodos3000 24.10.2015
2. Ach ja, das Märchenland aus
Bidders Feder, wo "die Reformen zu langsam voran gehen". Reformen, deren Wortbesetzung allein schon eine Lüge ist, weil damit versucht wird, dem Leser unterzuschieben, dass "Reformen" per se irgendeinen positiven Gehalt haben müssten, zumal in der Ukraine. Wo doch in Deutschland jeder weißt, was die Uhr geschlagen hat, wenn immer von "Rentenreform", "Gesundheitsreform" oder von "Hartz-Reformen" die Rede war. Und sollte Klischkos Amtszeit im Märchenland jetzt vorfristig zu Ende gehen, so kann er sich trösten: Vielleicht siegt an seiner Stelle eine Fleisch gewordene Figur aus dem amerikanischen Märchenland: Darth Alexeejewitsch Wader, offizieller Wahlkandidat bei allen Ukraine-Wahlen seit der "Revolution der Würde" 2014. Mit ein klein wenig Glück gelingen in der Restukraine solche "Reformen", dass das Ergebnis die heutigen Flüchtlingsströme nach Europa wie ein Rinnsal aussehen läßt. Dann kann sich Frau Merkel wieder mit Brot und Salz an die Grenze stellen, zusammen mit allen seinerzeitigen Maidanbesuchern aus Deutschland als Begrüßungskomitee.
johannesraabe 24.10.2015
3.
Petro Poroschenko ist genauso eine undurchsichtige Person, wie die Oligarchen vor ihm. Sich ihm unter zu ordnen, war ein massiver politischer Fehler Klitschkos.
sagitta 24.10.2015
4. Hintergrund
Es wäre schön, von Herrn Bidder mit seiner gesammelten Erfahrung und besten Kontakten in der Region, etwas mehr über die Hintergründe des Klitschko Wahlkampfes zu erfahren. Insbesondere interessiert, ob die Konrad Adenauer Gesellschaft Klitschko wie in der Vergangenheit aktiv unterstützt, selbstverständlich nur organisatorisch. Ebenso wäre es hilfreich, etwas zur Wahlkampffinanzierung der jeweiligen Kandidaten zu erfahren, statt diese Frage wie im Falle von Dumchev offen zu lassen. Ukrainische Medien bieten hier schon etwas. Aber das ist erstens alles furchtbar schwierig und undurchsichtig, und zweitens müsste man die Hintergründe dessen, worüber man schreibt, auch kennen.
säkularist 24.10.2015
5.
Klitschko hat einen bekannten Namen und wurde von Westeuropa gepusht. Deswegen wurde er Bürgermeister. Allerdings fehlen ihm offenkundig die handwerklichen Fähigkeiten eine Stadt zu führen. Herausragende intellektuelle Fähigkeiten, mit denen er dieses Defizit ausgleichen kann scheint er auch nicht zu haben. Also kein Wunder, dass er letztendlich enttäuscht hat. Das darf man ihm nicht vorwerfen. Peinlich ist es nur für die Politiker die ihn vor 2 Jahren so gepuscht hatten.
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