Ukraine vor der Präsidentschaftswahl Das Zittern hört nur auf, wenn er Puppen baut

Erst der Maidan, dann die Krim-Annexion und der Krieg im Donbass, der fast fünf Jahre dauert. Vor der Wahl gewähren Ukrainer Einblick in ihr Land. Heute: Veteran Serhij, der in Luhansk schwer verletzt wurde - und nun Puppenmacher ist.

Serhij Bondar
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Serhij Bondar

Aus Kiew berichten und (Fotos)


Wie Serhij Bondar sich beruhigen kann, weiß er inzwischen. Der 35-Jährige legt dann behutsam ein Puppenköpfchen auf seine Knie, sticht mit einer Nadel Härchen um Härchen in das Silikon. Am Ende werden es Tausende feine braune Fuseln sein, die den Kopf bedecken.

Serhijs Hände, die sonst zittern, sind plötzlich ruhig - als wäre nichts geschehen im August 2014.

Serhijs Bondar im Donbass und auf Heimaturlaub
Privat

Serhijs Bondar im Donbass und auf Heimaturlaub

Damals fährt der ukrainische Unteroffizier nahe dem Dorf Metalist bei Luhansk mit seinem Panzer vom Typ "Bulat" auf eine Mine. Serhij wird bei der Explosion schwer an Kopf und Rücken verletzt.

Er sitzt mit zwei Kameraden in dem beschädigten Fahrzeug fest, der Panzer ist nicht mehr manövrierfähig. Sie müssen ausharren, stundenlang, werden beschossen. Erst am nächsten Tag kommt Hilfe, die den Panzer aus dem Schussfeld der prorussischen Kämpfer zieht. Es ist die Zeit im Donbass, als sich fast jeden Tag die Frontverläufe verschieben, und man nicht genau weiß, welcher Ort noch unter wessen Kontrolle steht.

Wenn Serhij über seinen Einsatz in der Ostukraine spricht, redet er ruhig, fällt vom Russischen ins Ukrainische, die Sprache, in der er denkt. Er stammt aus Oster, einer Kleinstadt nördlich von Kiew. Seine großen Augen blicken geradeaus, sein Blick aber ist unscharf. Irgendwann schaut er auf seine Puppen.


DIE UKRAINE VOR DER PRÄSIDENTSCHAFTSWAHL
Vor fünf Jahren demonstrierten Hunderttausende in der Ukraine erst für einen westeuropäischen Kurs ihres Landes, dann gegen die korrupte Regierung. Der Maidan brachte dem Land mehr Freiheit, aber nahm Frieden. Die Ukraine befindet sich im Dauerkonflikt mit dem Nachbarn Russland, der die Krim annektierte und im Donbass Krieg führt. Ende März wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten - Begegnungen in einem zerrissenen Land.

Serhij ist einer von offiziell 354.977 Veteranen in der Ukraine. Die Zahl gibt das Veteranenministerium an, das nun nach einem Beschluss der Regierung aufgebaut wird. Darunter befinden sich nach Angaben von NGOs viele junge Männer wie Serhij, die oft traumatisiert aus dem Donbass zurückkehren. Es ist eine Generation, die eigentlich arbeiten und die wirtschaftlich angeschlagene Ukraine voranbringen soll.

Von Hunderten Selbstmorden unter den Veteranen ist die Rede, niemand kann aber sagen, wie verlässlich solche Zahlen sind. Was nach wie vor fehlt, ist eine gute psychologische Betreuung, sagt Lessia Vassylenko. Sie leitet die NGO "The Legal Hundred", die Soldaten rechtlich berät.

Auch nach fast fünf Jahren wird immer noch im Donbass gekämpft, ukrainische Soldaten und prorussische Kämpfer liefern sich jeden Tag Gefechte, dem Minsker Abkommen zum Trotz. Russland lässt noch immer schwere Waffen über die Grenze schaffen. Das hatte im Herbst eine Drohne der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa dokumentiert.

Schätzungen der Uno zufolge sind bis Ende vergangenen Jahres rund 13.000 Menschen in diesem Krieg getötet worden, darunter auch 3300 Zivilisten.

Der Krieg ist eines der zentralen Themen, das den Präsidentschaftswahlkampf in der Ukraine beherrscht. Am 31. März wählt das Land einen neuen Staatschef. Der jetzige, Petro Poroschenko, versucht, sich als Verteidiger der Ukraine zu inszenieren. "Alle Kandidaten geben sich patriotisch, versprechen, den Krieg zu beenden", sagt Serhij. Was sie später wirklich machen, sei eine andere Sache. "Haben wir ja gesehen." Er meint damit Poroschenko, der einst zugesagt hatte, den Krieg im Donbass innerhalb von zwei Wochen zu stoppen. Inzwischen hat er sich dafür entschuldigt, dass ihm dies nicht gelungen ist.

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Serhij wurde als einer der Ersten im März 2014 eingezogen, kurz nachdem auf der Krim Bewaffnete in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen auftauchten. Es sind russische Spezialeinheiten. Er wird mit der Ersten Sonderpanzerbrigade in den Osten geschickt. Stolz sei er damals gewesen, schon als Junge hat er von der Armee geträumt, sein Vater war beim Militär.

Zehn Tage hieß es erst, sollte Serhij bei Luhansk bleiben, dann werden es Monate. Als er sieht, wem er gegenübersteht, ist er nicht sicher, ob er überleben wird. Dort kämpften voll ausgestattete, russische Offiziere, erzählt er. "Wir waren Automechaniker, Schlosser und Schuster." Sie bekamen Panzer und Waffen, die es eben gab, "neu waren die nicht". Uniformen mussten sich die Männer selbst kaufen.

Das muss er nun alles irgendwie verarbeiten. Ruhe in seinen Kopf bekommen.

Serhij setzt Haare
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Serhij setzt Haare

Ein Jahr ist er in der Reha, monatelang im Krankenhaus. Unterstützung bekommen er und seine Familie nicht vom Staat, der ist damals dazu nicht in der Lage. Spender zahlen die medizinische Versorgung, auch die psychologische Therapie. Die hilft Serhij bis heute, und anders als viele Soldaten spricht er darüber. "Wir sind noch zu sowjetischen Zeiten geboren, Psychologen waren nicht Teil unseres Alltags, auch ich musste erst einmal lernen, das anzunehmen."

Wenn Serhjj einen guten Monat hat, verkündet er gleich mehrere Geburten: Im Februar sind Sofia, Mischoju, Michelle und Marta zur Welt gekommen, schreibt er bei Facebook. Er ist wohl der einzige männliche Puppenmacher der Ukraine, sagt er.

Serhij zeigt seine erste Puppe Weronika auf dem Smartphone
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Serhij zeigt seine erste Puppe Weronika auf dem Smartphone

Am Anfang wollte er nicht so recht, als seine Frau Oksana, eine energisch-herzliche Mittvierzigerin, ihm von einer Kundin im Handarbeitsladen erzählte, in dem sie damals arbeitete. Die Frau stellt Reborn-Puppen her, die echten Babys zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie bot Serhij an, dass er für sie die Haare befestigen könnte. Oft sind das Ziegenhärchen, manchmal echte menschliche Haare, je nach Wunsch des Kunden. Für Serhij, der von seiner Mutter Nähen gelernt und vor seinem Einsatz im Donbass jahrelang als Schuster gearbeitet hatte, ist das eine Chance.

Farben in der Wohnung des Puppenmachers
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Farben in der Wohnung des Puppenmachers

Er braucht dringend Arbeit, um seine Familie zu ernähren. Die 2500 Hrywnja, heute umgerechnet rund 80 Euro, Invalidenrente reichen nicht, um seine Frau und die zwei Kinder Aleksej und Dima zu ernähren. Er hat es als Wachmann und als Fahrer versucht, nichts ist von Dauer. Als Schuster kann er nicht arbeiten. "Ich konnte keine Naht mehr gerade setzen, meine Hände zitterten so sehr."

Der junge Mann ist überrascht, als er bemerkt, dass das aufhört, wenn er die Härchen an Puppenköpfen befestigt. "Das lenkt mich irgendwie ab, ich beruhige mich dann, ich kann das gar nicht richtig erklären", versucht er seine Gefühle zu beschreiben. Inzwischen baut er seine eigenen Puppen.

Er setzt sie aus einzelnen Gummiteilen zusammen. Am Schreibtisch seiner Kiewer Wohnung betupft er stundenlang Beine und Arme, bemalt Gesichter, sucht Kleidung aus. Seine Frau hilft ihm, kauft die Materialien ein, vieles kommt aus dem Ausland. Es ist eine tagelange Aufgabe, vor allem das Haaresetzen kostet Geduld.

Silikonteile für die Puppen, das spezielle Silikon ist der menschlichen Haut nachempfunden
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Silikonteile für die Puppen, das spezielle Silikon ist der menschlichen Haut nachempfunden

Jede Puppe wird zum Einzelstück. Sofia ist zum Beispiel eine Bestellung einer Kundin in Greifswald, sie hat lange braune Haare, ein dunkelrotes Kleid. Andere Puppen verschickt Serhij in die USA, nach Polen, Thailand und Singapur. Sammler kaufen sie, Eltern für ihre Kinder, manchmal auch kinderlose Paare. Sie kosten ab 200 Dollar aufwärts, je nach Aufwand und Ausstattung. Das sei für ihn mehr, als nur Geld zu verdienen, "es macht mich zufrieden, was ich tue", sagt Serhij.

Er unterstützt heute selbst Soldaten, die verwundet aus dem Donbass zurückkehren. Er hofft, dass die Arbeit des neuen Veteranenministeriums die Lage der Soldaten endlich verbessern wird. Dass sie dann nicht mehr von Behörde zu Behörde laufen müssen, um Anträge auf Unterstützung zu stellen.

Serhij mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel
Maxim Sergienko/ SPIEGEL ONLINE

Serhij mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel

Für wen der Veteran bei der Wahl stimmen wird, weiß er nicht, auch wenn Poroschenko Milliarden Hrywnja mit ausländischer Hilfe in die Armee investiert hat. Seine Frau wird auf jeden Fall für den Komiker Wolodymyr Selensky stimmen, Serhij will erst kurz vor der Wahl entscheiden. Am Ende könnte sich eh nicht viel ändern, der alte wohl auch der neue Staatschef sein, meint er. Was das für den Frieden bedeutet, er weiß es nicht.

Natürlich hoffe er, dass dieser endlich einkehre, sagt Serhij. "Aber wir müssen uns doch verteidigen, das ist unser Land." Noch immer kämpfen Freunde von ihm im Donbass.

Nur noch selten zieht er die Uniform mit seinen Orden an, zum Beispiel am Ehrentag der Panzersoldaten, am zweiten Sonntag im September. Serhij legt dann Blumen für all jene nieder, die es nicht zurück nach Hause geschafft haben.

Mitarbeit: Katja Lutska

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