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Ukraine-Wahlkampf: Der Schokoladenzar muss die Separatisten fürchten

Von , Kiew

Wahl in der Ukraine: Poroschenko und seine Rivalen Fotos
AP

Eigentlich sollen die Ukrainer Ende Mai einen neuen Präsidenten wählen. In den Umfragen liegt der Milliardär Poroschenko vorn. Doch durch die Unruhen im Osten des Landes ist die Abstimmung in Gefahr - und damit der Triumph des Unternehmers.

Wenn es nach den meisten Ukrainer geht, ist der Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko der Mann der Stunde. Einer, der die zerrüttete Ukraine retten könnte. Bei der jüngsten Umfrage für die Präsidentschaftswahlen am 25. Mai kam der schwerreiche Unternehmer auf gut 32 Prozent, weit abgeschlagen folgt Julija Tymoschenko mit 9,5 Prozent. Spätestens in der Stichwahl dürfte sich Poroschenko also durchsetzen.

Doch die Unruhen in der Ukraine gefährden Poroschenkos Triumph: Erst am Montag haben nach den Separatistenführern von Donezk auch jene in Luhansk klargestellt, dass es in ihren Regionen keine Präsidentschaftswahlen geben werde - stattdessen wollen sie am kommenden Sonntag über die Abspaltung ihrer "Republiken" von der Ukraine abstimmen. Eine derartige Sabotage könnte die gesamte Durchführung der Wahlen am 25. Mai in Frage stellen.

Zwar gelingt es Spezialeinheiten der ukrainischen Armee immer wieder, in blutigen Kämpfen die Separatisten von einigen Kontrollposten zu vertreiben, etwa am Montag in Slowjansk. Daraufhin zieht sich die Armee jedoch meist wieder zurück, und die Separatisten bauen die Kontrollposten wieder auf. Aus immer neuen Städten im Osten werden in den Tagen vor dem "Tag des Sieges" am 9. Mai und dem Referendum zwei Tage darauf Attacken der Separatisten auf Polizeistationen gemeldet.

Im Wahlkampf in Kiew tritt Poroschenko nichts desto trotz selbstbewusst auf. "Auf neue Weise leben", beginnt er einen Termin in Kiew mit der wichtigsten Message seiner Kampagne. "Das bedeutet eine Modernisierung der Ukraine. Die Assoziierung mit der EU - das ist das Programm der Modernisierung."

Bis zum Jahre 2006 entsprach Poroschenko optisch dem Klischee eines reich gewordenen Osteuropäers: Wenn er lachte, sah man eine Reihe Goldzähne blitzen. 1,3 Milliarden Dollar schwer ist der Oligarch laut "Forbes", Grundlage seines Vermögens ist sein Schokoladenkonzern Roschen.

Klitschkos Partei arbeitet für Poroschenko

Doch inzwischen gibt sich der Schokoladenzar ganz als europäischer Staats- und Geschäftsmann. In Interviews wählt er seine Worte fast schon bedächtig wie ein Diplomat. Solche Vorsicht hat ihn auch als Favoriten aus den Maidan-Protesten hervorgehen lassen: Poroschenko unterstützte zwar die Proteste, gehörte aber nicht zum Triumvirat der Oppositionsführer um Vitali Klitschko, die über Monate versuchten, mit Staatschef Wiktor Janukowytsch einen Kompromiss auszuhandeln. Klitschkos Umfragewerte begannen bald nach dem "Sieg des Maidan" zu fallen - schließlich gab er seine Kandidatur zugunsten von Poroschenko auf. Klitschkos Partei Udar arbeitet jetzt für Poroschenko.

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Gegen den Favoriten Poroschenko treten 23 weitere Kandidaten Dass die Auswahl nicht zu schrill geriet, verhinderte die Wahlkommission. Dem - in entsprechender Verkleidung auftretenden - Kandidaten Darth Vader wurde die Teilnahme verwehrt, er darf aber immerhin bei den Bürgermeisterwahlen in Kiew antreten. Auf dem Wahlzettel werden sich auch Volkstribune wie Oleh Ljaschko, der Führer des "Rechten Sektors" Dmytro Jarosch oder der Chef der rechten Swoboda-Partei Oleh Tjahnybok finden - doch über mehr als ein paar Prozentpunkte kommt in Umfragen keiner von ihnen hinaus.

Tymoschenko ist seine schärfste Rivalin

Auch die Kandidaten des "Ostens" - also der russischsprachigen Ukraine - sind chancenlos: Mychajlo Dobkin, der ehemalige Gouverneur des Gebiets Charkiw, ist der Spitzenkandidat von Janukowytschs ehemaliger Hausmacht Partei der Regionen. Aber gerade aufgrund dieser Verbindung wurde er jüngst mit Flaschenwürfen und wüsten Beschimpfungen aus der von Separatisten kontrollierten Stadt Luhansk vertrieben. Der Milliardär Serhij Tihipko hat ein etwas besseres Image, aber beide Kandidaten liegen bei etwa fünf Prozent. Der Verlust der Krim schwächt die Kandidaten zusätzlich: Etwa 700.000 Wähler, die potentiell für einen Kandidaten des Ostens stimmten, fehlen nun.

Poroschenkos wichtigste Konkurrentin ist die Vollblutpolitikerin Tymoschenko: So sehr fürchtete Janukowytsch seine Konkurrentin, dass er sie nach seinem Wahlsieg 2010 ins Gefängnis werfen ließ. Nach der Flucht des Präsidenten im Februar wurde die Führerin der Vaterlandspartei aus dem Gefängnis befreit, aber schnell wurde klar, dass die Ukrainer ihrer müde sind. Die Menschen erinnern sich an ihre Schlammschlachten mit Wiktor Juschtschenko nach der Orange Revolution, die letztendlich die Rückkehr von Janukowytsch möglich machten.

Tymoschenko versuchte es mit einem Imagewechsel - und ersetzte im März ihren geflochtenen Haarkranz mit einem locker gebundenen Zopf. Seit Mitte April trägt sie nun plötzlich wieder den Haarkranz. Daraus spricht vor allem eines: Verzweiflung angesichts der nicht steigenden Umfragewerte. Tymoschenko macht deshalb das, was sie besonders gut kann: attackieren. In der bekanntesten Talkshow des Landes "Schuster Live" nahm sie einen Kandidaten nach dem anderen auseinander und kündigt einen Kampf gegen die Macht der Oligarchen an. Zielscheibe: Poroschenko. Vor einigen Tagen erklärte sie, Poroschenko sei der "gemeinsame Kandidat der Oligarchen" und aufgrund seiner Geschäftsinteressen abhängig von Russland.

In den ukrainischen sozialen Netzwerken blühen angesichts der halbherzigen Aktionen der von Tymoschenkos Partei geführten Regierung auf die Besetzungen im Osten bereits Verschwörungstheorien. Eine ist besonders populär: Dahinter stehe in Wirklichkeit der Plan, die Sicherheitslage immer weiter zu destabilisieren - und dadurch am Ende die Wahlen zu verhindern.

Das gäbe Tymoschenko mehr Zeit für einen neuen Anlauf - und die Macht im Lande bliebe in den Händen ihrer Partei.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Umfrage im US Senat?
det70 06.05.2014
Zitat von sysopAPEigentlich sollen die Ukrainer Ende Mai einen neuen Präsidenten wählen. In den Umfragen liegt der Milliardär Poroschenko vorn. Doch durch die Unruhen im Osten des Landes ist die Abstimmung in Gefahr - und damit der Triumph des Unternehmers. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-wahlen-durch-unruhen-in-gefahr-poroschenko-fuehrt-a-966944.html
Was wollt ihr uns denn erzählen? Poroschenko ist der Lieblinskandidat der US Administration, nicht mehr und auch nicht weniger.
2. Na endlich mal die Wahrheit
wieerfährtmandiewahrheit 06.05.2014
Wie vielen Bürgern bei uns klar ist: Es ist der Kampf der Oligarchen, genau die wollten die demonstrierenden Būrger los werden. Ihre Vermõgen bunkern die im westlichen Ausland, das Volk wurde årmer u. årmer u. als die Gefahr am Horizont hochzog, dass das Volk sie rausschmeisst, haben diese Herrschaften gezündelt, die Rechten an die Macht gebracht u. warten nun auf unsere Kohle. Wann sind Parlamentswahlen ...da sitzen nach wie vir die Oligarchentreuen ..nur das wåre eine wichtige Wahl. Liebe Politiker, nehmt unsere Steuern u. helft weiter den Oligarchen.
3. optional
christian0061 06.05.2014
die absicht der regierungspartei, durch die angriffe im osten, die wahlen zu verhindern und ihre wahlniederlage abzuwenden scheint mir auch logisch. wenigstens logischer als das " morden für freie wahlen" von dem die westallianz ständig schwafelt.
4. Das Volk hat keine Chance
huberwin 06.05.2014
in der Ukraine herrschen die Oligarchen und auf der anderen Seite die Russen mit Putin. Beides ist vom Volk nicht gewünscht. Diesem Land fehlen die demokratisch legitimierten Parteien. Doch wie sollen diese in diesem Wirrwar sich etablieren können. Wer hilft dem Volk?
5. Plump
taglöhner 06.05.2014
Zitat von det70Was wollt ihr uns denn erzählen? Poroschenko ist der Lieblinskandidat der US Administration, nicht mehr und auch nicht weniger.
"Der Großunternehmer und Parlamentsabgeordnete Poroschenko ist laut Umfragen der Favorit des Wahlrennens in der Ukraine: Laut einer April-Umfrage wären 32,9 Prozent der Befragten und 48,4 Prozent derjenigen, die am 25. Mai wählen gehen wollen, bereit, für ihn zu stimmen. Timoschenko kam laut dieser Umfrage auf 9,5 beziehungsweise 14 Prozent und der Ex-Gouverneur von Charkow, Michail Dobkin, auf 4,2 beziehungsweise sechs Prozent." RiaNovosti (http://de.ria.ru/politics/20140506/268425295.html)
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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