Ukrainischer Regierungschef Jazenjuk Triumph des Pragmatikers

Der ukrainische Premier Jazenjuk wird als "Kinderüberraschung" verspottet. Bei den Parlamentswahlen feiert er den größten Erfolg seiner politischen Karriere: ohne viel Pomp, ohne große Gesten. Seinen Aufstieg hat er akribisch geplant.

Aus Kiew berichtet

DPA

Noch läuft die Auszählung der Stimmen in der Ukraine. Aber klar ist, bei der Parlamentswahl liefern sich die Volksfront von Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk und Präsident Petro Poroschenkos Block ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Wahlsieg. Beide liegen bei knapp 22 Prozent. Noch in der Nacht verkündete Jazenjuk, mit Poroschenko eine Koalition bilden zu wollen. Dabei vermied er jede Geste des Triumphs - obwohl er gerade den mit Abstand größten Erfolg seiner politischen Karriere feiert.

Der 40-Jährige ist zwar bereits seit mehr als zehn Jahren eines der bekanntesten Gesichter in der ukrainischen Politik, musste sich aber in der Regel mit Posten in der zweiten Reihe begnügen.

Nach der Orangen Revolution 2005 wurde er Außenminister und bat um die Aufnahme des Landes in die Nato. Den Ton im Regierungslager bestimmten jedoch andere: Präsident Wiktor Juschtschenko und Premierministerin Julija Tymoschenko. Wegen seines jungenhaften Aussehens schmähten Jazenjuks Gegner ihn als politisches Leichtgewicht, den Spitznamen "Kinderüberraschung" ist er seitdem nicht mehr losgeworden.

Dass Jazenjuk von vielen unterschätzt wird, zeigte sich auch während des Maidan-Aufstands. Als die Demonstrationen im Frühjahr außer Kontrolle gerieten, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Medien auf Vitali Klitschko. Der ehemalige Box-Weltmeister war permanent präsent: bei den Ausschreitungen auf der Straße, bei den Verhandlungen mit Ex-Präsident Janukowytsch oder in Talkshows im deutschen Fernsehen. Irgendwann schleppte sich Klitschko nur noch müde von Krisensitzung zu Krisensitzung. Arsenij Jazenjuk dagegen empfing Gesprächspartner mit federndem Gang und festem Händedruck.

Die Rolle des farblosen Platzhalters

Während die Revolution auf der Straße tobte, schuf er auch die Voraussetzungen für seinen späteren Wahlerfolg. Julija Tymoschenko war ein Bündnis mit Jazenjuk eingegangen. Er sollte ihre Vaterlands-Partei während ihrer Haft führen - als eine Art farbloser Platzhalter. Das war zumindest Tymoschenkos Plan.

Die Risse in dieser Allianz wurden bereits im Februar deutlich: Jazenjuk entwickelte eigene Ambitionen. Er wollte als Präsident kandidieren und forderte Tymoschenkos Unterstützung. Die Politikerin reklamierte die Führungsrolle aber für sich. Jazenjuk sei bloß eine Marionette der Oligarchen, ließ Tymoschenko damals über ihre Tochter Jewgenija wissen.

Als es zum Bruch kam, hatte allerdings Tymoschenko das Nachsehen: Große Teile der Vaterlands-Partei kehrten ihr den Rücken und schlossen sich Jazenjuk an - darunter auch Tymoschenkos langjähriger Vertrauter Alexander Turtschynow, der nach der Maidan-Revolution als Übergangspräsident fungierte.

Andere dagegen setzten früh auf Jazenjuk: die Amerikaner. Anfang Februar besprachen Vize-Außenministerin Victoria Nuland und der US-Botschafter in Kiew Varianten für eine Regierungsbeteiligung der Maidan-Koalition. Nuland setzt dabei klar auf Jazenjuk. Von Klitschko, den die Europäische Union favorisierte, hielt sie dagegen wenig. Das Gespräch wurde von einem Geheimdienst abgehört und im Internet veröffentlicht. Bekannt wurde vor allem ein anderer Satz Nulands: "Fuck the EU".

Nach der Revolution startete Jazenjuk im Amt des Regierungschefs mit dem Ruf, ein eher farbloser Technokrat zu sein. Der Internationale Währungsfonds schätzte den promovierten Ökonomen als kompetenten Gesprächspartner. Er zeigte aber auch populistisches Geschick: Auf Auslandsreisen fliegt er demonstrativ Economyclass, das kommt gut an bei vielen Ukrainern.

Jazenjuk kann nun aus einer Position der Stärke verhandeln

Gegenüber Russland gibt sich Jazenjuk unversöhnlich. Putins Ziel sei die "Wiedererrichtung der Sowjetunion", sagte Jazenjuk. Der Kreml-Chef wolle "die ganze Ukraine einnehmen". Die Separatisten bezeichnete er im Juni als Unmenschen, die es auszulöschen gelte.

Jazenjuks Volksfront hat damit auch nationalistischen Kräften bei der Wahl das Wasser abgegraben. Auf Jazenjuks Wahlliste kandidierten einige Frontkämpfer. Durch Jazenjuks Erfolg dürften sich dadurch die Gewichte in der pro-europäischen Koalition verschieben.

Präsident Poroschenko hatte gegenüber Moskau einen gemäßigteren Ton angeschlagen. Das Lager des Staatschefs ist über den Wahlausgang nicht glücklich. Der Präsident hatte darauf gehofft, selbst die deutlich stärkste Fraktion stellen zu können. Die Koalition sollte ein Juniorpartner komplettieren. Nun kann Jazenjuk aus einer Position der Stärke verhandeln.

In Kiew werden Befürchtungen laut, mittelfristig könnte sich das Schicksal des "Orangen Lagers" wiederholen. Der damalige Präsident Wiktor Juschtschenko war auf Tymoschenkos Partei als starken Koalitionspartner angewiesen. Beide überwarfen sich wenig später, weil Tymoschenko selbst Ambitionen auf das Präsidentenamt hegte.

Vitali Klitschko warnte bereits am Wahlabend, die demokratischen Kräfte müssten nun "alles tun, um eine Wiederholung von 2005 zu vermeiden".

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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insgesamt 122 Beiträge
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pauli96 27.10.2014
1. Alles in allem ein Mann der Amerikaner
Proschenko hat trotz martialischer Flecktarnjacke doch den Ausgleich angestrebt. Denn der leigt zweifelos im Interesse der Ukrainer. Fragt sich, was im Interesse der amerikanischen Strategen liegt...
bibabuzelmann 27.10.2014
2. Betreff:
Naja, also seine Rede über eine >1000km Mauer würde ich schon pompös nennen. Wenn das noch reicht ...
koepi71 27.10.2014
3. Der entscheidende Absatz!
Andere dagegen setzten früh auf Jazenjuk: die Amerikaner. Anfang Februar besprachen Vize-Außenministerin Victoria Nuland und der US-Botschafter in Kiew Varianten für eine Regierungsbeteiligung der Maidan-Koalition. Nuland setzt dabei klar auf Jazenjuk. Von Klitschko, den die Europäische Union favorisierte, hielt sie dagegen wenig. Das Gespräch wurde von einem Geheimdienst abgehört und im Internet veröffentlicht. Bekannt wurde vor allem ein anderer Satz Nulands: "Fuck the EU". Hier werden wie immer Spielchen gespielt. Jazenjuk ist da nur eine kleine Figur, die zu gegebener Zeit gegen eine andere ausgetauscht werden wird. Dass sich eine ganze Reihe von Nationalisten faschistischer Prägung hinter Jazenjuk geschart haben ist dabei nicht relevant. Bin gespannt auf die zukünftige Politik.
jagunceiro 27.10.2014
4. Triumph ?
ich sehe keinen Pragmatiker, eher vorerst einen wichtigen Konfliktbeschleuniger der Region. Unverändert stehen in der Ukraine, wie in all den letzten Jahrzehnten, Demokratie und Menschenrechte im Oligarchengebilde "Raub der Milliarden" ganz weit hinten an. Interessiert dies Jazenjuks Quarterback ? Oder uns ?
l-39guru 27.10.2014
5. Unmenschen....
....hat der smarte Typ nicht gesagt. SPON sollte hier doch bei der Originalvariante bleiben. Er hat Untermenschen gesagt. (Sub-humans) . Das hat er wohl aus dem dritten Reich. Im Nachhinein wurde das mit viel Mühe versucht zu korrigieren. Der Herr Jazenjuk passt damit in die Reihe von Timoschenko und Co. Unser Außenminister findet seine Reden übrigens eloquent!
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