Aufstand in der Ostukraine Das undurchsichtige Spiel des Milliardärs Achmetow

Rinat Achmetow ist der Herr über die Kohle in Donezk. Durch seine überraschende Vermittlung zwischen prorussischen Aktivisten in der Ostukraine und der Regierung verhinderte der Oligarch ein Blutvergießen. Jetzt rätselt das Land über seine Motive.

Oligarch Achmetow: Der Industrielle macht Geschäfte mit dem Westen und mit Russland
AFP

Oligarch Achmetow: Der Industrielle macht Geschäfte mit dem Westen und mit Russland

Aus Donezk berichtet


Im 12. Stock der Donezker Gebietsverwaltung geht es hoch her am Dienstagnachmittag. Eng sitzen an die hundert Befürworter der "Republik Donezk" im Versammlungssaal und beraten lautstark ihr weiteres Vorgehen. Seit zwei Tagen halten sie das Gebäude besetzt, am Montag riefen sie die Republik aus. Auch in Lugansk halten prorussische Aktivisten ein Verwaltungsgebäude besetzt, in Charkow dagegen räumten Truppen des Innenministeriums vor Stunden ein besetztes Gebäude.

Die Stimmung hier oben im Donezker Verwaltungsgebäude ist also aufgewühlt. "Schluss mit den Diskussionen!", ruft ein junger Mann namens Wadim Tschernjakow schließlich dazwischen. Er hat sich an die Spitze der Besetzer gestellt. "Wir müssen unsere Republik jetzt schnell rechtlich absichern, sonst können wir keine Unterstützung aus Russland bekommen."

Doch Tschernjakow hat auch unter den eigenen Leuten Gegner. "Verräter", rufen einige. Sie werfen ihm vor, dass er sich in der Nacht zuvor zu Gesprächen mit Vizepremier Vitali Jarema auf den Weg gemacht hat. "Wir haben so die Erstürmung verhindert", rechtfertigt sich Tschernjakow.

Aber die Wut der Menschen hier gilt eigentlich gar nicht dem jungen Mann da vorn - sie gilt dem Milliardär Rinat Achmetow, der die Gespräche vermittelt hat. "Noch vor wenigen Monaten hat Achmetow die Chefs seiner Bergwerke angewiesen, jeden zu entlassen, der auf eine Demonstration geht!", schimpfen zwei ehemalige Bergarbeiter aus der Umgebung von Donezk.

Ein überraschender Auftritt

Der 47-jährige Oligarch Achmetow war überraschend in der Nacht zu Dienstag auf den Platz vor der Regionalverwaltung gekommen und hatte eine mit Schimpfwörtern gespickte Ansprache gehalten. Offenbar unbemerkt von Achmetow wurde sie live auf dem Online-Kanal der Donezker Demonstranten übertragen. "Kämpfen ist nicht die Lösung", rief er. "Verdammte Scheiße ... wenn morgen Blut vergossen wird, wem geht es dadurch besser?", fragte er. "Wir müssen reden. Damit die Stimme des Donbass gehört wird." Anschließend begleitete er eine Gruppe von Emissären zu Vizepremier Jarema, der just zu dieser Zeit über die Erstürmung des besetzten Gebäudes beriet.

Der Milliardär und Unternehmer Achmetow ist eigentlich dafür bekannt, im Hintergrund zu wirken. In den vergangenen Jahren bekam ihn die Öffentlichkeit praktisch nur bei Spielen seines Clubs Schachtjar Donezk zu sehen. Seine Interessen ließ Achmetow lieber von der maßgeblich von ihm finanzierten Partei der Regionen vertreten. Von 2006 bis 2012 war Achmetow sogar selbst Abgeordneter der ukrainischen Rada, dort jedoch praktisch nie anzutreffen.

Seine erste Million verdiente Achmetow eigenen Angaben zufolge Anfang der neunziger Jahre mit dem Kohle-Handel. Immer wieder berichteten Medien über angebliche kriminelle Verbindungen des Mannes, allerdings erzwangen seine Anwälte in solchen Fällen regelmäßig Gegendarstellungen. Inzwischen hat er über 15 Milliarden Dollar angehäuft. Seine Holding System Capital Management umfasst Kohlegruben, Stahlwerke, Fernsehsender und einen Fußballclub, der in der Champions League spielt. In Achmetows Firmenimperium arbeiten 300.000 Menschen, die meisten davon im Donbass.

Gerüchte über den Oligarchen

Seit dem nächtlichen Auftritt als Retter in der Not wabern Gerüchte durch die Stadt: Schürt Achmetow womöglich selbst die Proteste, um sich dann als derjenige zu präsentieren, der die Lage beruhigen kann? Will er so vielleicht seine Position gegenüber Kiew festigen? Und: Wird Achmetow dabei gar von Moskau unterstützt?

Der Industrielle machte jedoch deutlich, dass er von einem Anschluss der Ostukraine an Russland nichts hält. Denn seine Geschäfte sind von Europa ebenso wie von Russland abhängig: Die Bergbaumaschinen seiner Firma Mining Machines verkauft er vor allem nach Russland, sein Stahlkonzern Metinvest ist dagegen auf Europa ausgerichtet.

Der Politologe Andrej Jermolajew vertrat am Mittag im ukrainischen Hromadske TV die Ansicht, dass das Szenario zwischen Achmetow und der Präsidentschaftskandidatin Julija Timoschenko abgestimmt sei. "Uns wird hier eine Komödie vorgespielt", glaubt Jermolajew. Achmetow präsentiere sich als Beschützer der einfachen Menschen in der Ostukraine, und Timoschenko als jene Präsidentschaftskandidatin, die mit Verhandlungsgeschick den drohenden Zerfall des Landes abwenden, aber wenn es sein muss, auch Härte zeigen kann.

Am Dienstag stimmte die von der Timoschenko-Partei kontrollierte Rada für eine Verschärfung des Gesetzes über Angriffe auf die Integrität des Landes: Den Separatisten drohen nun bis zu 15 Jahre Haft.

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mcvitus 08.04.2014
1. Zuallerst interessieren mich
die Fakten und nicht Spekulationen über die möglichen Interessen. Zumindest ist die akute Gefahr von Gewalt beseitigt. Das ist doch auch schon was in diesem Pulverfass.
abcstudent 08.04.2014
2. die Überschrift ist schlecht
finde das ist nicht gut formuliert. Er verhindert ein Blutbad und jetzt Rätselt man über die Motive. hört sich an als ob er es hätte sein lassen sollen und ein Blutbad nicht verhindern sollen. übrigens die Russen machen das gleiche jetzt wie diese "Koalition" mit US Unterstützung. deshalb sollte man beide Seiten kritisieren. USA und Russland bzw unsere Politiker die sich um die Bevölkerung einen Dreck schert. Hauptsache Macht.
global player 08.04.2014
3. Rinat Achmetow
Zitat von sysopAFPRinat Achmetow ist der Herr über die Kohle in Donezk. Durch seine überraschende Vermittlung zwischen prorussischen Aktivisten in der Ostukraine und der Regierung verhinderte der Oligarch ein Blutvergießen. Jetzt rätselt das Land über seine Motive. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-welche-rolle-spielt-der-oligarch-rinat-achmetow-a-963297.html
Zu seiner Vergangenheit: http://en.wikipedia.org/wiki/Rinat_Akhmetov Mit solchen Personen und Strukturen wird die EU zu tun haben, wenn sie die Ukraine als Mitglied aufnimmt oder ihr Milliardenhilfen überweist.
bene_lava 08.04.2014
4. Achmetow weiß was er tut....
Zitat von sysopAFPRinat Achmetow ist der Herr über die Kohle in Donezk. Durch seine überraschende Vermittlung zwischen prorussischen Aktivisten in der Ostukraine und der Regierung verhinderte der Oligarch ein Blutvergießen. Jetzt rätselt das Land über seine Motive. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-welche-rolle-spielt-der-oligarch-rinat-achmetow-a-963297.html
Achmetow wird einer der ganz wenigen Oligarchen sein, die die Krimkrise in der Ukraine überleben. Er hat verstanden, dass er sich nicht gegen den Westen stellen darf. Die Verhaftung von Firtasch in Wien war ein deutliches und gezieltes Signal der USA und der EU an Achmetow. Achmetov macht sehr gute Geschäfte mit deutschen Firmen und deutschen Banken weltweit. Deutschland hat also ein gewissen Einfluss auf Achmetow und wird diesen auch ausüben. Achmetow wird daher eine Schlüsselrolle in der künftigen Entwicklung der Ukraine spielen und er wird die radikalen Kräfte mäßigen.
bumminrum 08.04.2014
5. und die Menschen
der EU sollen 150 Mrd. Steuergelder geben, damit die Mrd. schweren Oligarchen keine Einbußen bei ihren zusammengeklauten Vermögen erleiden. Super System!!
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