Eskalation in der Ostukraine Russlands gefährliche Optionen

Was will Präsident Putin? Angesichts der Eskalation in der Ostukraine sehen russische und ukrainische Analysten drei Szenarien - Anschluss, Einmarsch, Bürgerkrieg.

Von , Moskau

AP

Es ist nicht lange her, da kam Russlands Abgesandten auf diplomatischem Parkett verlässlich die Rolle geachteter Rüpel zu. Sie kritisierten große und kleine Verfehlungen des Westens, die Irak-Invasion der Amerikaner oder die bedingungslose Begeisterung für den Arabischen Frühling.

Sie taten es mit beißendem Zynismus und nicht selten auch mit guten Argumenten. Manch westlicher Politiker schätzte die Kollegen aus Moskau insgeheim für ihre offenen Worte. Das schien die Rollenverteilung zu sein nach dem Ende des Kalten Krieges: Der Westen gestaltete, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und Russland protestierte laut, blieb aber alles in allem ein Partner, dessen Handeln berechenbar war.

Jetzt zeigt sich aber: Moskau hat diese Spielregeln nie akzeptiert. Mit der Krim-Annexion hat Moskau die Ordnung nach dem Kalten Krieg umgestoßen. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat ein Land in Europa wieder gewaltsam Grenzen seines Nachbarn verändert. Noch vor zwei Monaten wäre das undenkbar gewesen.

In gewisser Hinsicht ist die Lage deshalb brisanter, als sie zu Zeiten des Kalten Krieges war. Die Sowjetunion wollte die Weltrevolution exportieren, da wusste der Westen, woran er war. Jetzt rätseln Regierungen und Diplomaten, was der Kreml im Schilde führt - weil sie nicht genau wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Ist Russland eine gekränkte Großmacht, die sich zwar die russisch geprägte Krim gewaltsam wieder einverleibt hat, Blutvergießen und Bürgerkrieg in der Ostukraine aber nicht weniger fürchtet als der Westen? Oder - das glauben viele Anhänger der Maidan-Revolution - hat Wladimir Putin alle Masken fallen lassen und strebt in Wahrheit danach, ein russisches Neoimperium zu errichten, das auch die Ex-Sowjetrepubliken umfassen soll?

Im Fall der Krise im Osten der Ukraine zeichnen sich drei mögliche Szenarien ab, die Putin wählen könnte: eine Annexion von Donezk und Umgebung. Eine breit angelegte Militärintervention im Süden und Osten der Ukraine. Oder begnügt sich der Kreml womöglich damit, in Donezk weiterzuzündeln, um Kiew zu schwächen?

1. Das Krim-Szenario: Anschluss

Prorussische Kräfte stürmen Verwaltungsgebäude und rufen eine autonome Volksrepublik aus: So entwickelten sich die Ereignisse auf der Krim, und diesem Drehbuch scheinen sie auch in der Ostukraine zu folgen. Dennoch stechen auch Unterschiede zwischen der Krim und der Ostukraine ins Auge. "Die Bevölkerung ist ethnisch viel stärker gemischt als auf der Halbinsel", sagt Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Center. Die Donbass-Region habe sich auch nie "ungerecht von Russland getrennt gefühlt". Ganz anders als die 1954 der Ukraine zugeschlagene Krim.

Auch das Tempo ist ein anderes. Auf der Krim schuf Russland innerhalb weniger Tage Fakten. Nach kleineren Demonstrationen übernahmen Einheiten nachts die Kontrolle über Regierungseinrichtungen, tags darauf kontrollierten russische Marineinfanteristen ohne Hoheitsabzeichen bereits die Flughäfen.

In der Ostukraine schwelt der Konflikt dagegen bereits lange. Immer wieder kommt es zu Gebäudebesetzungen, ohne dass Russland erkennbar eingegriffen hat, auch wenn sich unter den bewaffneten Separatisten wohl auch russische Staatsbürger befinden. Reguläre Einheiten aber hat Russland, anders als auf der Krim, nicht entsandt.

Ist das ein Zeichen dafür, dass Moskau in der Ostukraine keine Annexion plant? Oder nur eine andere Strategie, weil die Krim besser zu kontrollieren war und in Sewastopol Soldaten der russischen Schwarzmeerflotte bereitstanden?

2. Das Worst-Case-Szenario: Einmarsch

Das in der Ukraine beliebte Nachrichtenportal "Ukrainska Prawda" hat das Worst-Case-Szenario skizziert: die Teilung der Ukraine nach einem russischen Einmarsch. Putins Truppen würden bis zum Dnjepr vorstoßen, womöglich auch die Hauptstadt Kiew einnehmen. Im Süden ließe Moskau seine Panzer sogar bis Odessa und die Südwestgrenze zu Moldau und dem EU-Mitglied Rumänien vorstoßen. Es gehe um einen "Korridor" zu Russlands Protektorat Transnistrien.

Mit einem Schlag würde sich Moskau auch die verbliebenen Schwarzmeerhäfen der Ukraine sichern. Das sei "klar Putins Ziel", schreibt Starautor Pawel Scheremet.

Auch die Nato hatte gewarnt, Russland könnte die Ukraine innerhalb von wenigen Tagen militärisch besetzen. Militärisch sei das machbar, sagt auch Ruslan Puchow, Militäranalytiker des Moskauer Think-Tanks "Cast": "Allerdings nur, wenn man einen Bogen um Kiew macht." Die ukrainische Armee sei erkennbar schwach, schlecht organisiert und demoralisiert. Die wenigen verbleibenden kampffähigen Verbände würden sich im Falle eines russischen Angriffs allerdings an den Dnjepr zurückziehen, zur Verteidigung der Hauptstadt Kiew.

Die Antwort des Westens werde vom Tempo der Operation abhängen. Führe Russland den Angriff schnell zu Ende, werde "die Reaktion relativ schlaff ausfallen und sich auf etwas Lärm und neue Sanktionen beschränken". Allerdings glaubt Puchow nicht, dass sich "Putin auf ein so riskantes Vorhaben einlässt".

Die Wahrscheinlichkeit einer Militäroperation sei gering: "Wenn der Kreml hätte einmarschieren wollen, er hätte es längst getan."

3. Das Zündel-Szenario: Bürgerkrieg

Puchow hält ein anderes Szenario für wahrscheinlicher: Russland werde die Konflikte in Donezk am Köcheln halten, ohne aber selbst unmittelbar in den Konflikt einzugreifen. Moskau wolle der neuen Regierung in Kiew so Zugeständnisse abpressen: die umstrittene Föderalisierung, auch den Verzicht auf einen Beitritt zur Nato.

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch Mark Galeotti, Russland-Experte von der New York University. Die Idee, russisch geprägte Territorien zu vereinen, "mag Putin emotional reizen, ist aber nicht sehr wahrscheinlich sein bevorzugtes Ziel". Womöglich wolle der Kreml so lange im Osten des Landes zündeln, bis alle Beteiligten der von Russland präferierten Föderalisierung doch zustimmen - weil sie neben einem von Moskau geschürten Bürgerkrieg das kleinere Übel darstellen.

Der Autor auf Facebook



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
butalive76 14.04.2014
1. Russland will Einfluss nicht verlieren
Das am wahrschl. Szenario 4: Russland will, dass die Ukraine neutral bleibt oder enger mit Russland kooperiert, aber keinesfalls Mitglied der Nato wird. Auch hier Parallelen zu 2008 - Georgien, welches Gebiete durch Annexion (Pseudoreferenden) an Russland verlor.
micromiller 14.04.2014
2. Die Politstatisten der verfeindeten Oligarchen sind
überfordert, die über Jahrzehnte von der Elite missbrauchten Buerger der Ukraine sind die einzig leidtragenden. Es würde Sinn machen wenn die Armee fuer eine Zeit die Macht übernimmt, bis sich unabhängige, wählbare Parteien formiert haben, die vorrangig die Interessen der Bueger vertreten.
elchjr 14.04.2014
3. ...
Hallo Herr Bidder, ---Zitat--- Der Westen gestaltete, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und Russland protestierte laut, blieb aber alles in allem ein Partner, dessen Handeln berechenbar war. ---Zitatende--- Russland gestaltete, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und der Westen protestierte laut, blieb aber alles in allem ein Partner, dessen Handeln berechenbar war. Und nun?
tangomaler 14.04.2014
4. Geschichte
Irgendwie erinnert mich das Verhalten der einen Seite an die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts und das Verhalten der anderen Seite an die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.
i325 14.04.2014
5. 4. Nato, EU und USA mischen sich weiterhin ein...
Die Lage eskaliert und alle die den Umsturz des Präsidenten bejubelten, können die Waffen testen die sie selbst produzieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.