Eskalation in der Ostukraine Die Wut der Volksmilizen

Unabhängigkeit wollen sie gar nicht - trotzdem sympathisieren in der Ostukraine viele Menschen mit den Separatisten. Wut auf die Regierung treibt sie auf die Barrikaden. Die Frage, wer Behörden und Polizeistationen gestürmt hat, will keiner beantworten.

Aus der Ostukraine berichtet

SPIEGEL ONLINE

Eine Lenin-Statue blickt auf die besetzte Polizeistation von Gorlowka. Die Scheiben des Gebäudes sind seit seiner Erstürmung am Montag eingeschlagen. Vor der Station stehen Daniel, 21, Andre, 18, und Juro, 31, mit selbstgebastelten Masken vorm Gesicht und halten Wache. Ihre Nachnamen wollen sie nicht verraten. Juro hat sich eine Wollmütze übergezogen, in die er Löcher geschnitten hat. Andre und Daniel haben sich einen Kunststoff-Mundschutz umgebunden, wie ihn Michael Jackson in seinen letzten Jahren immer trug.

"Wir wollen unsere eigene Republik", sagen sie. "Wir haben die Nase voll von dem, was in Kiew passiert. Vorher gab es wenigstens Stabilität. Nun schulden sie uns seit zwei Monaten den Lohn." Andre und Daniel sind Bergarbeiter in den Kohlebergwerken. Juro ist Schweißer in einer Fabrik.

Ostukrainer wie sie werden derzeit häufig als Separatisten oder prorussische Aktivisten bezeichnet. Doch die Bezeichnungen treffen nicht ganz zu. Viele von ihnen wollen keine Unabhängigkeit, sie fordern lediglich mehr Autonomie für ihre Region innerhalb einer föderalen Ukraine. Nicht wenige sind sich noch unsicher, was sie genau wollen.

Die frisch ausgerufene "Republik Donezk" - manche verstehen darunter einen eigenen Staat, andere eine autonome Provinz der Ukraine und ein paar wenige einen Teil Russlands. Das einzige, was die Unterstützer der Republik Donezk eint, ist ihre Ablehnung der neuen Regierung in Kiew.

Augenzeugen wollen "Profis" gesehen haben - Russen

In neun Städten der Region kontrollieren die Kiew-Gegner inzwischen wichtige Gebäude. In der vergleichsweise reichen Millionenstadt Donezk wirken die Besetzer des regionalen Verwaltungsgebäudes wie ein Kuriosum. Um sie herum geht der Alltag normal weiter. Doch außerhalb von Donezk, in den heruntergekommenen Städten wie Gorlowka oder Slawjansk, sieht die Situation anders aus.

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Konflikt um die Ostukraine: Die Besetzer
Vor der besetzten Polizeistation von Gorlowka schaut eine Mutter mit ihrem Teenager-Sohn vorbei. Sie seien da, um sich das Ganze anzuschauen. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. "Grundsätzlich finde ich die Idee einer Republik Donezk gut, aber ich weiß noch nicht so genau, was und wer dahinter steckt", sagt die Mutter.

Denn wer genau die Besetzungen ausgelöst hat, ist unklar. Es gibt viele Augenzeugenberichte, die Profis - russische Kräfte - bei den Erstürmungen gesehen haben wollen, die sich anschließend diskret in den Hintergrund verzogen haben sollen. Dies werfen Kiew und der Westen der russischen Regierung immer wieder vor. Kein Besetzer will auf die Frage antworten, wer denn nun bei der Erstürmung dabei gewesen war. "Dazu kann ich nichts sagen", lautet die Standardantwort.

Wut über die Regierung in Kiew

Im Donezk-Becken der Ostukraine scheint die Zeit stehen geblieben. Ortschaften tragen Namen wie "Rote Partisanen" oder sind nach dem Gründervater der sowjetischen Sicherheitspolizei benannt. Die Bergwerke waren einst der Jobmotor der Region. Wenn man fragt, was die Donezker auf der Suche nach Arbeit lieber machen würden, nach Kiew ziehen oder nach Russland, lautet die sarkastische Antwort: "Trinken."

In Slawjansk haben die Kiew-Gegner derzeit sogar komplett die Kontrolle übernommen. Der 67-jährige Ewgeni Iraklijewitsch steht dort an einem der unzähligen Checkpoints, die die Stadt zerstückeln. "Wir wollen die neue Regierung in Kiew nicht", sagt er. "Seitdem sie an der Macht ist, steigen die Preise nur. Alles wird teurer - Strom, Wasser, Gas. Aber meine Rente, die steigt nicht."

Richtig in Rage kann sich der Rentner reden: "Die EU hat uns Geld gegeben? Bei mir ist davon nichts angekommen. Dafür werden wohl meine Enkel noch den Kredit zurückzahlen müssen", wettert er.

Unabhängigkeit fordert auch er nicht. Er will ein Referendum in der Donezk-Region über größere Autonomie. "Wenn Kiew nicht bereit ist, uns das zu geben", sagt er trotzig, "dann werden wir von mir aus ein Teil von Russland.


Unterdessen meldet der ukrainische Übergangspräsident Turtschinow Erfolge beim Vorgehen des Militärs im Osten des Landes: Der von prorussischen Aktivisten besetzte Flughafen von Kramatorsk sei zurückerobert worden.

Doch solche Meldungen sind mit Vorsicht zu genießen: Die SPIEGEL-ONLINE-Reporterin, die sich auf dem Flughafen aufhielt, konnte zwar beobachten, dass rund 30 Mitglieder von ukrainischen Sondereinheiten auf dem Flughafen landeten. Vor dem Flughafen demonstrierten ein paar Hundert einheimische Zivilisten gegen die Aktion. Von einer Zurückeroberung des Airports könne keine Rede sein.

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insgesamt 320 Beiträge
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gmbr 15.04.2014
1. Auf welche Regierung sind sie wütend?
Wie immer gehen grosse Namen schnell weg und der Konflikt wird auf Schultern des Volkes getragen. Sie bezahlen mit dem Leben davon und dann kommen die Politiker mit grossen Namen wieder und sehen sehr sauber aus!
Krakz 15.04.2014
2. Hurrah jemand vor Ort
Klasse in der deutschen Medienlandschaft fast einzig. An anderen Stellen tippen nur Schreibtisch-Reporter - mit ganz viel Meinung und null eigenen Erkenntnissen. Typisch Medien die sich eine Recherche leisten, sind immer viel vorsichtiger in ihren Deutungen Also Danke
Nemetz 15.04.2014
3. Wut der Volksmilizen
Liste gefaellig, wer alles den Judenvernichtern + Neonazis auf dem Maidan die Hand reichte? Dass der Normalo-Ukrainer mit diesem aus der Zeit gefallenen braunen Pack nichts zu schaffen haben will, klaro. Die wahre Gefahr schlummert allerdings in Russland, der Lupenreine muss schon von Verfassungs wegen ethnische Russen schuetzen: WANN muss Putin eingreifen? Bei 2.000 ermordeten ethnischen Russen? Bei 20.000? Ist Hitler etwa schon vergessen? Ich schaeme mich heute, eine Deutsche zu sein.
mtm-marketing-münchen 15.04.2014
4. Chaotische Ukraine
Sollen wir die saure Suppe dieser Chaoten auslöffeln? Wenn es für Europa nicht so gefährlich wäre, hätte ich nichts dagegen, wenn die sogenannten Demonstranten sich gegenseitig die tumben Schädel einschlagen. Mit den Demos wäre es ganz schnell Schluss - zumindest so lange das Geld reicht - wenn die schwerreichen Oligarchen dem notleidenden Volk ein paar Scheine zukommen lassen würden. Matteuss aus München
Pfaffenwinkel 15.04.2014
5. Die Ukrainer
wollen wohl vor allem eines: Dass es ihnen besser geht wie bisher. Stattdessen werden sie zum Spielball der Mächte mit ihren egoistischen Interessen.
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