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Zivile Opfer in der Ostukraine: Tod am Checkpoint

Von , Moskau

Zerstörter Bus nahe Donezk: Checkpoint mit Grad-Raketen beschossen Zur Großansicht
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Zerstörter Bus nahe Donezk: Checkpoint mit Grad-Raketen beschossen

Zwölf Zivilisten wurden in einem Reisebus in der Ostukraine getötet - die Umstände bleiben rätselhaft. Beide Kriegsparteien tragen wenig zur Aufklärung bei. Sie nutzen den tödlichen Vorfall lieber für Propagandazwecke.

Wolnowacha liegt im Osten der Ukraine, zwischen der Rebellenhochburg Donezk und der Hafenstadt Mariupol, die von Truppen Kiews kontrolliert wird. Außerhalb der Stadt haben ukrainische Einheiten einen Kontrollpunkt errichtet. Wer von der ukrainischen Seite der Front weiter will nach Donezk, zu Angehörigen im Kriegsgebiet etwa, muss ihn passieren. Durch Wolnowacha führt die letzte Straße, die Donezk mit dem Rest des Landes verbindet.

Inzwischen markiert Wolnowacha aber auch eine Front im Kampf um die Deutungshoheit in dem Konflikt: Für viele Ukrainer steht der Name der Ortschaft für ein Kriegsverbrechen, begangen von den Rebellen. Die Unterstützer der Aufständischen wiederum - in Donezk, Russland, aber auch im Westen - sehen Wolnowacha als Beweis für die These, Kiew führe einen "Vernichtungskrieg" gegen die Bevölkerung in der Ostukraine.

Der Hintergrund: Am Mittag des 13. Januar warteten mehrere Fahrzeuge am Checkpoint Wolnowacha auf die Weiterfahrt Richtung Donezk, darunter ein gelber Kleinbus, besetzt mit zwei Dutzend Passagieren. Das Video einer Überwachungskamera zeigt die Szene an der Straßensperre. Explosionen peitschen im Schnee auf den Feldern vor dem Kontrollpunkt, Geschosse schlagen ein. Der Bus ist zunächst nicht zu sehen.

Die Menschen am Checkpoint suchen Deckung. Autos kehren um, rasen davon. Den gelben Bus zeigt das Video erst nach dem Ende des Angriffs und einem Schwenk der Kamera, er wartete in der Schlange hinter dem Checkpoint.

Als er ins Bild kommt, zeigt sich eine erschütternde Szene. Der Schnee am Straßenrand ist schwarz verrußt, der Bus durchlöchert. 17 Reisende werden schwer verletzt, zwölf Zivilisten sterben, ihre Körper sind in den Sitzen zusammengesunken. Die Medien im Westen berichten über den Vorfall , zumeist knapp und nachrichtlich im Ton.

Vielen ist das zu wenig - in Russland wie der Ukraine. Sie schreiben E-Mails, Nachrichten bei Twitter und Facebook. Warum der Vorfall in den westlichen Medien kaum aufgegriffen werde? "Ihr habt euch von den Russen kaufen lassen", glauben Unterstützer der Ukrainer. "Ihr ignoriert Kiews Terror gegen die eigene Bevölkerung", schimpft ein Russe. Sie haben eine feste Vorstellung von Gut und Böse in diesem Konflikt, die wollen sie bestätigt sehen.

Die russische Wahrheit

Nach der verheerenden Attacke gehen die Konfliktparteien schnell dazu über, sie auszuschlachten. Das russische Millionenblatt "Komsomolskaja prawda" erklärt, die Schäden am Bus zeigten Einschläge von Maschinengewehrfeuer: Kiew habe bewusst seine eigenen Bürger erschossen, um die Schuld den Separatisten in die Schuhe zu schieben.

Kaputter Bus: Umstände bleiben rätselhaft Zur Großansicht
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Kaputter Bus: Umstände bleiben rätselhaft

Die kremltreue Webseite "Lifenews" meldet, der ukrainische Geheimdienst SBU stecke hinter der Attacke. Einziger Beleg: Angeblich von "CyberBerkut"-Hackern erbeutete Geheimdokumente. Auch der deutschsprachige Ableger der Kremlpropaganda, "RT deutsch", spricht von einer "gezielten Provokation".

Die ukrainische Wahrheit

Die Gegenseite hält sich ebenfalls nicht mit Zweifeln auf. Mary Harf, Sprecherin des US-Außenministeriums, verurteilt umgehend den "Artilleriebeschuss eines Busses" durch die Separatisten. In ukrainischen Städten gedenken Zehntausende der Toten. In Kiew setzt sich Präsident Petro Poroschenko an die Spitze des Demonstrationszugs. Er hält dabei ein Plakat in den Händen, auf dem "Je suis Volnovakha" steht, in Anlehnung an "Je suis Charlie".

Poroschenko, bislang oft besonnen im Ton, nutzt den Auftritt beim "Marsch für den Frieden" für eine Rede, die nach Krieg klingt und nicht nach Versöhnung. Man wolle "nicht einen Fetzen ukrainischer Erde" preisgeben, den Osten zurückerobern und dort "das Ukrainertum erneuern".

Es ist wie oft in diesem Konflikt: An einer nüchternen Aufarbeitung zeigen die Konfliktparteien wenig Interesse. Stattdessen drehen sie die Propaganda lauter. So war es schon im Mai, bei der Brandkatastrophe von Odessa. Weder Kiew noch Moskau setzten sich damals für eine internationale Untersuchung ein.

Die Suche nach der Wahrheit

Im Internet haben sich Aktivisten selbst auf die Suche nach der Wahrheit gemacht. Sie haben eine Twitter-Meldung ausgegraben, auf der sich die Separatisten kurz nach dem Angriff mit der Zerstörung des ukrainischen Checkpoints brüsteten. Später wurde der Tweet gelöscht.

Andere Blogger haben eine weitere Theorie entwickelt. Ein Artilleriegeschoss hätte den Bus viel stärker zerstören müssen. Das spreche dafür, dass neben dem Fahrzeug eine am Straßenrand platzierte Mine explodiert sei. Als Beleg kursiert im Internet ein weiteres Video. Es zeigt wartende Autos am Checkpoint und weiter vorn schemenhaft einen gelben Bus. Als der Beschuss beginnt, wirkt es so, als liefe mindestens eine Person von der Fahrbahn zum Straßenrand. Dort könnte dann die Mine detoniert sein.

Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) haben den Ort des Angriffs in Augenschein genommen. Der Checkpoint sei mit Grad-Raketen sowjetischer Herstellung beschossen worden, vermuten sie. Doch es sind noch Fragen offen: Könnte der Artilleriebeschuss eine Landmine am Checkpoint ausgelöst haben? War der Checkpoint überhaupt vermint? Hätte eine Grad-Explosion direkt neben dem Bus das Fahrzeug nicht in Stücke gerissen?

Eine Antwort auf die Anfrage gibt es nicht, stattdessen eine weitere dürre Pressemitteilung: "Alle untersuchten Krater wurden durch Raketen verursacht, die aus nordnordöstlicher Richtung abgefeuert wurden". Die OSZE erwähnt nicht, dass dort die Separatisten stehen. Sie bemüht sich um Neutralität und will nicht zwischen die Fronten geraten.

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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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