Ukrainische Nackt-Protest-Guerilla "Das ganze Land ist ein Bordell"

Facebook blockiert ihre Seiten, der Geheimdienst droht mit Gewalt: Mit einer Mischung aus politischem Protest und Erotik lehren die Frauenrechtler der Gruppe Femen die ukrainische Staatsmacht das Fürchten - mit ihrem Kampf gegen Prostitution und Sextourismus.

Aus Kiew berichtet


"The Rock" ist Neuseelands beliebtester Radiosender, aber nicht unbedingt der anspruchsvollste. "Musik ist das einzige, was wir ernst nehmen", lautet der Wahlspruch des Kanals. Neulich hat der Sender unter seinen männlichen Hörern eine Reise zu einem eher exotisch anmutenden Urlaubsziel verlost, in die Ostukraine. Neben zwölf Übernachtungen lockten zudem 1000 Euro Taschengeld. Den Hauptpreis aber sollte sich der Gewinner selbst vor Ort aussuchen. Eine Frau.

"Win a trip to beautiful Ukraine - Gewinne eine Reise in die schöne Ukraine", pries der Sender das Gewinnspiel im Internet. "Und treffe eine heiße osteuropäische Lady, die dich vielleicht eines Tages heiratet."

Das Logo des Gewinnspiels zeigt das verpixelte Gesicht einer wasserstoffblonden Schönheit. Ein rotes Band schmückt ihr Haar, daran baumelt ein Geschenkanhänger wie bei einem Weihnachtspräsent.

Ein bulliger Mittdreißiger hat die Reise gewonnen. Greg sagt von sich selbst, er suche eine Partnerin, um "alles zu teilen und Intimität zu genießen". Er dusche auch täglich.

Der Neuseeländer soll mit einem Flieger via Moskau in Donezk landen, der Gebietshauptstadt der Ostukraine. Kohlebergwerke und die Schwerindustrie der Region haben ein paar Oligarchen sehr reich gemacht, aber die meisten Menschen sind arm geblieben. Viele junge Frauen hier träumen von einem besseren Leben in Kiew oder im Westen, und viele fallen auf falsche Versprechungen herein und landen als Prostituierte in Bordellen.

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Ukrainische Protest-Guerilla: Politik mit vollem Körpereinsatz

"Topless" gegen Sextourismus und Prostitution

Es gibt Reiseagenturen, die bieten auf Deutsch und Englisch "Romantiktouren" in die Ostukraine an. In Kiew wiederum telefonieren abends Zuhälter die Zimmer ausländischer Gäste ab und bieten "eine angenehme Zeit mit einem Mädchen" feil. Laut einer Umfrage sind 70 Prozent der Studentinnen in der Hauptstadt schon einmal von Ausländern angesprochen worden, die ihnen Geld für Sex boten.

Inna hat sich hübsch gemacht für Greg, den Junggesellen aus Neuseeland. Die Blondine ist in ihre High-Heels aus Krokodillederimitat geschlüpft und in die glänzende Lederhose. Sie hat sich einen Blumenkranz ins Haar geflochten und wartet in der Ankunftshalle des Flughafens Donezk. In der Hand trägt sie ein Schild. "Greg", steht darauf, "komm her."

Aber Greg hätte sie wohl auch so kaum übersehen, ihre Brüste sind nackt.

Inna Schewtschenko, 20, Studentin aus Kiew, ist eine "Topless-Kämpferin". So nennen sich die Aktivistinnen der Frauenrechtsgruppe Femen. Seit zwei Jahren kämpft die Organisation gegen Sextourismus und Prostitution in der Ukraine, einem Land, dass selbst Google automatisch als erstes mit "Partnervermittlung" und "Frauen" assoziiert. Die Annoncen gleich rechts neben den Suchergebnissen werben für "Single Ukranian Ladies", "Ukraine Girls" und die "Partnersuche Ukraine". Zwar zählt die Gruppe nur zwei Dutzend Aktivistinnen wie Inna und 300 Sympathisanten. Die "Oben-Ohne-Proteste" aber haben Femen weltweit bekannt gemacht.

Vor einem Jahr stürmten halb-nackte Aktivistinnen das Wahllokal, in dem Präsidentschaftskandidat Wiktor Janukowitsch seine Stimme abgab, und warnten vor einer "Vergewaltigung der Demokratie". Wahlsieger Janukowitsch ließ tatsächlich die Meinungs- und Pressefreiheit beschneiden und Gegner ins Gefängnis werfen.

Seit seinem Amtsantritt versucht auch der Geheimdienst SBU die Femen-Aktivistinnen einzuschüchtern und droht schon mal damit, der Chefin der Bewegung "die Beine zu brechen", sollte sie nicht die Attacken gegen die Regierung stoppen. "Die Staatsmacht fürchtet sie, weil Femen immer häufiger die Regierung Janukowitsch aufs Korn nimmt", sagt der unabhängige Parlamentsabgeordnete Taras Tschornowil.

Anna Hutsol kommandiert die Oben-Ohne-Truppe

"Wir haben verstanden, dass die Ursachen für viele Probleme in der Ukraine sehr tief liegen", sagt Wiktor, eines der wenigen männlichen Femen-Mitglieder. "Wir fassen den Begriff der Prostitution deshalb weiter: Die ganze Ukraine ist ein Bordell."

Das Herz von Femen schlägt in einer schummrigen Kellerbar im Zentrum von Kiew. Das "Café Cupidon" trägt den Namen des römischen Gottes der Begierde, Sohn von Liebesgöttin Venus und Kriegsgott Mars. Es ist ein passendes Hauptquartier für die feministische Protestguerilla: Es gibt kostenloses Internet, ein Postfach für Femen und zehn Prozent Rabatt auf den Kaffee.

Anna Hutsol, zierliche Figur, kurze, rot gefärbte Haare, ist der Kopf der Bewegung. Die 26-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin sitzt vor ihrem Laptop, mit zwei Mobiltelefonen dirigiert sie ihre Oben-Ohne-Kämpferinnen. Olga hat sie vor dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft postiert, sie soll dort auf Leonid Kutschma warten. Die ukrainische Justiz hat ein Verfahren gegen den Ex-Präsidenten eröffnet, weil er in den Mord an den Journalisten Georgi Gongadse verwickelt sein soll. Gongadses Körper war im November 2000 enthauptet in einem Wald gefunden worden. Kutschma steht seit langem im Verdacht, Anweisungen für den Mord gegeben zu haben. Nun soll er verhört werden.

Olga, die Femen-Aktivistin, entblößt ihre Brüste vor den Objektiven Dutzender Fotografen, die eigentlich auf Kutschma warten. Sie hält ein Plakat hoch. "Lauf weg, Ljonja, ich geb' dir Deckung", steht darauf, eine Anspielung auf Befürchtungen, die von Janukowitsch kontrollierte Justiz habe das Verfahren nur aus PR-taktischen Gründen eröffnet. "Es ist eine Farce: Die Verjährungsfrist ist abgelaufen", sagt Anna Hutsol im Cupidon. "In Wahrheit wollen sie nur die Akten schließen."



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Seite 1
wasikowski 03.05.2011
1. Gute Sache
Eine sehr gute Idee, meiner Meinung nach. Aufmerksamkeit ist den Damen gewiss.
Andreas Rolfes 03.05.2011
2. Frauenbewegung
Zitat von wasikowskiEine sehr gute Idee, meiner Meinung nach. Aufmerksamkeit ist den Damen gewiss.
Natürlich. Sie sind nackt. Ansonsten interessieren Frauenbewegungen den Mann nur, wenn die Frauenbewegung nackt auf seinem Körper stattfindet. Davon mal ganz abgesehen: Die feministisch verkürzte Weltsicht auf die Unterscheidung Mann/Frau trägt nicht dazu bei, Probleme zu lösen.
recardo, 03.05.2011
3. .
Es ist Kunst, was die Frauen dort tun und so wie die Regierung dort reagiert beweisst nur: die Regierung der Ukraine ist kunstfeindlich. Befreiung fängt mit Distanzierung an, mit Sicherheit muss man sich von der vorherrschenden Politik distanzieren. Sie kämpfen für ihre Freiheit, diese Damen, die Freiheit sich ausdrücken zu können wie sie wollen und das hat eben kaum was mit irgendwelchen Regeln zu tun, muss geradezu in so einem Übergangsstaat provozieren, sonst giebt es die Befreihung von Macht und Vormundschaft der eigenen Ausdrucksweise einfach nicht.
Achim 04.05.2011
4. Lennon/McCartney
wussten es schon vor 40 Jahren: Well the Ukraine girls really knock me out They leave the west behind.
Porgy, 04.05.2011
5. Protest mit nackten Brüsten
Zitat von sysopFacebook blockiert ihre Seiten, der Geheimdienst droht mit Gewalt: Mit einer Mischung aus politischem Protest*und Erotik lehren die Frauenrechtler der Gruppe "Femen" die ukrainische Staatsmacht das Fürchten - mit ihrem Kampf gegen Prostitution und Sextourismus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760332,00.html
So sollten die Frauen in der islamischen Welt auch protestieren.
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