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Ultraorthodoxe in Israel: Frauen müssen im Bus zur Klagemauer hinten sitzen

Von Ulrike Putz

Sängerinnen bei Stadtfesten sind verboten, unkoschere Schokoriegel auch, und "unzüchtige" Frauen werden drangsaliert: Ultrareligiöse Juden bestimmen zunehmend das öffentliche Leben in Jerusalem. Neueste Einrichtung: die Geschlechtertrennung im Bus. Säkulare Israelis sind empört.

Frauen müssen an den hinteren Türen einsteigen, sitzen dürfen sie nur im rückwärtigen Teil des Busses: Eine am vergangenen Donnerstag in Jerusalem eingerichtete Buslinie mit strikter Geschlechtertrennung hat den Zorn des Verkehrsministeriums provoziert. Säkulare Israelis schütteln nur den Kopf.

Israelis an einer Bushaltestelle nahe Tel Aviv: Frauen nach hinten?
REUTERS

Israelis an einer Bushaltestelle nahe Tel Aviv: Frauen nach hinten?

Die neue Linie, die vornehmlich das von ultraorthodoxen Juden bewohnte Stadtviertel mit der Klagemauer in der Altstadt verbindet, wurde von einer Privatfirma in Betrieb genommen. Der Auftrag kam vom "Rabbiner-Komittee für Transportfragen": Die Religiösen halten es für sittenwidrig, wenn sich nicht verwandte Männer und Frauen im Bus nahekommen. Die staatliche Buslinie Egged hatte sich geweigert, die Busse der viel genutzten Linie 2 nach dem Willen der Ultraorthodoxen in Bereiche für Männer rund Frauen zu unterteilen.

Auf weniger frequentierten Linien, die nicht durch das touristische Zentrum Jerusalems führen, hat sich Egged bereits vor Jahren darauf eingelassen, Sitzplätze im hinteren Teil der Busse für Frauen zu reservieren. Ob sie diese nutzten, blieb den weiblichen Fahrgästen jedoch selbst überlassen. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen, bei denen Frauen, die es nicht hinnehmen wollten, in den hinteren Teil der Fahrzeuge verbannt zu werden, von religiösen Fanatikern beleidigt und angegriffen wurden. Bei den nun auf der Linie 2 verkehrenden Alternativ-Bussen ist Trennung obligatorisch - und die Fahrt gratis.

Für Egged sind die Privattransporte damit unerwünschte Konkurrenz. "Es ist unglaublich, dass diese aggressiven Piraten-Linien in Jerusalem operieren", klagte ein Sprecher des Transportunternehmens am Montag. Das entspreche nicht dem Anspruch eines wohlorganisierten, westlichen Landes.

Die säkulare Mehrheit machte derweil in Internet-Foren und in Fernsehsendungen ihrem Zorn über den Vorstoß der Ultraorthodoxen Luft, die im hebräischen "Haredim" genannt werden. Die Verhältnisse in Jerusalem glichen immer mehr denen in Saudi-Arabien und Iran, so der Tenor der Kritiker.

Dauerkonflikt um Sitten und Normen

Die Bus-Debatte ist ein neuer Höhepunkt im Streit zwischen Israels frommer Bevölkerung und denen, die den religiösen Normen nicht folgen wollen. Vor allem die hedonistische Jugend in Tel Aviv würde gern in einem säkularen Staat leben, in dem das Standesamt und nicht das Rabbinat die Oberhoheit über alle Fragen des Familienrechts hat. Doch Israel definiert sich als jüdischer Staat, in dem am Sabbat der öffentliche Nahverkehr stillsteht und Fahrstühle in Hotels auf jedem Stockwerk halten: So müssen fromme Gäste keinen Knopf drücken. Das Auslösen eines elektrischen Impulses gilt nach religiösem Recht als Arbeit, und die ist am Sabbat verboten.

Besonders auffällig ist der Dauerkonflikt in Jerusalem: Die ultraorthodoxe Bevölkerung in der Heiligen Stadt nimmt jedes Jahr weiter zu, ihre Normen und Sitten dominieren zunehmend das öffentliche Leben. Säkulare Israelis fühlen sich ausgegrenzt und bevormundet. Der Supermarkt an der Ecke führe keine säkularen Zeitungen mehr und habe Schokoladenriegel aus dem Programm genommen, weil sie nicht koscher seien, beschwerte sich Uri Orbach, Journalist und Knesset-Abgeordneter für die rechtsnationale Partei "HaBayit HaYehudi" in einem Abgesang auf seine Heimatstadt. Aus Rücksicht auf das religiöse Publikum dürften Frauen nicht mehr bei Kulturveranstaltungen singen, die von der Stadt organisiert werden. Orbach zog die Konsequenz und deshalb fort: "Seit einem Jahr lebe ich nicht mehr in Jerusalem", so der Journalist.

Orbach ist damit nicht allein: Etwa 60.000 meist junge, erfolgreiche Nichtreligiöse haben Jerusalem nach Angaben der Zeitung "Haaretz" in den vergangenen fünf Jahren verlassen. Zurück bleiben die Frommen, von denen viele ihr Leben dem Studium der Heiligen Schriften widmen und nicht arbeiten. Auch deshalb lebe ein Drittel der Jerusalemer Familien unter der Armutsgrenze, in Tel Aviv seien es nur elf Prozent, so die "Haaretz". Die "Haredim" schotteten sich zunehmend vom Rest der Gesellschaft ab, unter anderem durch ein eigenes Bildungssystem. In sieben Jahren werde die Zahl der Schulkinder von 6 bis 14 Jahren in den ultraorthodoxen Jerusalemer Privatschulen dreimal höher sein als die der Kinder in staatlichen Schulen, so die "Haaretz".

Im November vergangenen Jahres hofften viele säkulare Jerusalemer noch, der Trend zur Religion sei gebrochen: Nachdem fünf Jahre lang ein ultraorthodoxer Bürgermeister der Heiligen Stadt vorgestanden hatte, gewann der rechtsnationale Geschäftsmann Nir Barkat die Wahl zum Bürgermeister. Die Tageszeitung "Maariv" feierte seinen Erfolg als "historischen Augenblick". Barkat werde den Vormarsch der Ultras stoppen, prophezeiten Israelis Kommentatoren.

Jetzt müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass auch die ersten Busse nach dem Fahrplan der Ultraorthodoxen fahren.

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