Von Ulrike Putz, Tel Aviv
Der zweite Ausflug der Freundinnen endete in einem Desaster. Die Mädchen waren an den Strand gefahren, die frische Sommerbräune verriet sie zu Hause. Für Mayan folgte eine dreijährige Odyssee durch diverse ultraorthodoxe Besserungsanstalten und Pflegefamilien. Die Aufmüpfigkeit sollte ihr ausgetrieben werden, notfalls auch durch fromme Lügen. "Uns wurde immer wieder eingebläut, dass die Säkularen nur darauf warten, uns zu Prostituierten oder Arbeitssklaven zu machen. In der modernen Welt warte nichts auf uns außer die Drogensucht."
Mit Hilfe von Hillel schaffte Mayan schließlich den Absprung: Die Organisation finanzierte ihr ein Internat, auf dem sie das Abitur nachholen konnte. Mayan absolvierte den in Israel auch für Frauen obligatorischen Militärdienst und studiert heute Sonderpädagogik. Kontakt zu ihrer Familie hat sie nicht, ahnt aber, dass ihr Ausbruch zumindest ihren Schwestern einen hohen Preis gekostet hat. "Meine Schwestern werden keinen so guten Mann zugewiesen bekommen, wie sie ihn verdient hätten."
"Zu bleiben hätte den Tod bedeutet"
Schimy Levy zahlt den Preis für seine Abkehr von der Religion Woche für Woche. Jedesmal, wenn die zwei Stunden vorbei sind, die die Rabbiner des ultraorthodoxen Scheidungsgerichts ihm wöchentlich mit seinen beiden Kindern zugestanden, spürt er, was ihn seine Freiheit gekostet hat. "Trotzdem war es richtig zu gehen", sagt der 25-Jährige. "Zu bleiben hätte den Tod bedeutet, und ich kann mich nicht meinen Kindern zuliebe umbringen."
Levy wuchs ebenfalls als "Litaim" auf, auch bei ihm keimten erste Zweifel, als er in die Pubertät kam. Die Regeln der Religionsschule, in der er sein ganzes Leben hätte verbringen sollen, irritierten ihn immer öfter. "Mit Hilfe der Bibel kontrollieren sie dort jedes noch so kleine Detail des Alltags", sagt er und zählt auf: Morgens muss erst der rechte Schuh, dann der linke angezogen werden. Dann werden die Schuhe in umgekehrter Reihenfolge gebunden. Am Sabbat darf der Fisch nur so gegessen werden, dass keine Gräte berührt wird. Ein junger Mann darf die für ihn ausgewählte Braut ein, höchstens zwei Mal für eine Stunde zu einem sittsamen Gespräch in treffen. Dann muss er sich entscheiden, ob er sie heiratet.
Levy begehrte auf, indem er sich ein Taschenradio kaufte, mit Kopfhörern. Unter der Bettdecke im Gemeinschaftsschlafsaal der Jeschiva lauschte er nachts den Klängen der Welt da draußen. Auch er flog irgendwann auf, auch er kam in Besserungsanstalten. Mit 20 wurde er verheiratet - ein weiterer Versuch, seinen Freiheitsdrang zu zähmen. Vier Jahre hielt er in der Rolle des strenggläubigen Vaters und Ehemanns durch, bevor er vor einem Jahr zu dem Entschluss kam, so nicht weiter leben zu können. Er beichtete seiner Frau, dass er den Glauben verloren hatte und bat um die Scheidung. Ohne große Gefühlsregung schnitt er sich die Schläfenlocken ab, die er sein Leben lang getragen hatte: "Mir war schon lange klar, dass all diese Rituale leere Hülsen sind."
Die vergangenen zwölf Monate waren für Levy eine einzige Aufholjagd. Wie im Schnellvorlauf entwickelte sich sein Musikgeschmack von Abba zu Techno, wurde er vom Fernseh-Frischling zum I-Phone-Besitzer. Die ersten Turnschuhe, der erste Kinobesuch, das erste Schweineschnitzel: "Jeden Tag hake ich eine Sache ab, die mir bislang vorenthalten wurde", sagt Levy. Sorge bereitet ihm die Indoktrination, der seine Kinder ausgesetzt sind. "Jedes Mal, wenn ich sie sehe, erzählen sie, dass die ganze Familie jeden Tag betet, dass ich zum Glauben zurückfinde."
Irit Paneth von Hillel hört Geschichten wie die von Mayan und Schimy Levi mit gemischten Gefühlen. Natürlich freue sie sich "wie eine Mutter", wenn ihre Schützlinge den Neustart in der modernen Welt meisterten. "Doch was ist mit den vielen anderen, die nicht stark genug sind, sich loszureißen?" Sie müssten sich ein Leben lang verstellen, Frömmigkeit vorschützen, Gesetzen folgen, an die sie nicht glaubten. "Wenn Gott existiert, kann er das nicht gewollt haben", sagt Paneth.
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