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Umfrage in arabischen Staaten: Abrechnung mit Amerika

Von Florian Peil

Eine jordanische Studie zeigt, wie Araber den Westen sehen. Die Politik Frankreichs kommt dabei überwiegend positiv weg, die USA und Großbritannien gelten als aggressiv. Vor allem unter arabischen Jugendlichen stößt die Politik Washingtons und Londons auf Ablehnung. Von einem Kampf der Kulturen kann dennoch keine Rede sein.

Meinungsäußerungen nur eingeschränkt möglich: Internet-Café in der syrischen Hauptstadt Damaskus
AP

Meinungsäußerungen nur eingeschränkt möglich: Internet-Café in der syrischen Hauptstadt Damaskus

Berlin - Für die Studie "The Arab Street Revisited - Research from Within" des jordanischen "Zentrums für strategische Studien" der Universität Amman wurden zwischen März und Juni 2004 rund 10.000 Personen aller sozialer und gesellschaftlicher Gruppen in Syrien, Libanon, Jordanien, Palästina und Ägypten befragt. Die Untersuchung stellt für den ostarabischen Raum, den so genannten Maschriq, eine echte Pionierleistung dar, denn eine Umfrage derartigen Umfangs hat es bisher noch nicht gegeben. Generell gibt es von den meisten arabischen Ländern kaum Daten darüber, was die Menschen auf der Straße tatsächlich denken - weichen deren Meinungen doch meist von der offiziellen Haltung ihrer jeweiligen Regierung ab.

Die meisten Araber, so ein Ergebnis, unterscheiden sehr genau zwischen den verschiedenen westlichen Staaten. Frankreich wird dabei grundsätzlich positiver wahrgenommen als Großbritannien und die USA: Während die Befragten in allen Ländern und quer durch alle Gruppen Frankreich mit positiven Formulierungen wie "demokratisch", "tolerant" oder "gemäßigt" beschrieben, fanden die Teilnehmer der Umfrage für die USA und Großbritannien vorwiegend negative Äußerungen wie "rassistisch", "aggressiv", "undemokratisch" oder "moralisch dekadent".

Der Großteil der Befragten sieht jedoch nach Angaben der Studie nicht eine "kulturelle Kluft" als Grund für die gespannten Beziehungen zu den USA und Großbritannien, sondern begründet diese mit der aggressiven Außenpolitik beider Länder im Irak und im Nahostkonflikt. Die Befragten seien fast einstimmig der Ansicht, dass Briten und Amerikaner nur ihren eigenen Interessen dienten, anderen Ländern ihren Willen aufzwängen und die Menschenrechte missachteten. Die Mehrheit sei der Ansicht, der Irak-Krieg sei "überhaupt nicht gerechtfertigt" gewesen, so die Studie.

Viele Teilnehmer, unter anderem 61 Prozent der Syrer und 44 Prozent der Libanesen, glauben, dass eine "zionistische Lobby" die US-Außenpolitik steuert. Frankreich hingegen behandle andere Länder mit "Respekt und Würde", fördere die Demokratie und Menschenrechte und zwinge anderen Ländern nicht seinen Willen auf.

Die große Mehrheit der Befragten tritt für eine Intensivierung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen dem eigenen Land und Frankreich ein. Eine Verbesserung der Beziehungen zu den USA und zu Großbritannien wird hingegen kaum gefordert.

So sahen mehr als 50 Prozent der Syrer nicht die Notwendigkeit, ihre schlechten Beziehungen zu den USA zu verbessern. Dagegen fordert im Nachbarstaat Libanon eine Mehrheit von 59 Prozent eine Intensivierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA.

Der Krieg gegen den Terror hat im Nahen Osten zu einer anti-amerikanischen und anti-britischen Grundstimmung und zu einer zunehmenden Radikalisierung vor allem arabischer Jugendlicher geführt, so das Ergebnis der Erhebung. Nur 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 24 äußerten sich positiv über die USA und Großbritannien. "Die Araber neigen dazu, Aktionen gegen die USA und die israelischen Besatzungskräfte in Palästina und Irak als legitim zu betrachten und die Aktionen dieser militärischen Kräfte gegen Araber als Terrorismus zu betrachten", heißt es weiter.

Daher verstünden viele Araber solche Gruppen und Aktionen, die im Westen als terroristisch eingestuft würden, als "legitime Widerstandsorganisationen" - neben Gruppen wie al-Qaida zählen dazu auch der Islamische Dschihad, Hamas, die al-Aksa-Brigaden und die Hisbollah. Bemerkenswerterweise halten auch drei Viertel der libanesischen Christen letztere Organisationen für legitime Widerstandsgruppen.

Die Studie scheint eines zu belegen: Die Handlungen der Politik und weniger die religiöse Zugehörigkeit sind der Schlüssel zum Verständnis der öffentlichen Meinung im arabischen Raum.

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