Umfrage zur US-Präsidentschaftswahl Latenter Rassismus könnte Obama den Wahlsieg kosten

Faul, gewalttätig und weinerlich - viele Amerikaner hegen Analysen von Meinungsforschern zufolge noch immer tief verwurzelte Vorurteile gegen Schwarze. Der latente Rassismus könnte Barack Obama im Rennen ums Weiße Haus zum Verhängnis werden - denn er findet sich auch unter den eigenen Parteianhängern.


Berlin/Washington - Kopf an Kopf gehen John McCain und Barack Obama in die entscheidende Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfes. Am kommenden Freitag steht die erste von drei TV-Debatten auf dem Programm, die Wähler warten auf überzeugende Antworten der beiden Kandidaten, etwa zur Finanzkrise, die sich immer mehr als eines der wichtigsten Wahlkampfthemen herauskristallisiert.

Präsidentschaftskandidat Obama: Vorurteile gegen Schwarze
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Präsidentschaftskandidat Obama: Vorurteile gegen Schwarze

Doch es geht im Endspurt um das Weiße Haus nicht nur um harte Fakten und klare Strategien. Über allem schwebt viel subtiler, aber womöglich nicht weniger wahlentscheidend die R-Frage, über die offen viele nicht so recht sprechen wollen: "Race", die Rasse, spielt für die Amerikaner auch 145 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei eine wichtige Rolle - wenn es sich auch nicht jeder eingestehen will.

Obama selbst hat sich im Wahlkampf nie vordergründig als ersten aussichtsreichen schwarzen Präsidentschaftskandidaten definiert. Er weiß, viele unentschlossene Wähler tun sich schwer, ihm ihre Stimme zu geben. Er darf sie nicht verprellen, indem er von sich aus diese historische Komponenten seiner Kandidatur betont.

Eine Umfrage der Stanford University im Auftrag von AP und Yahoo News zeigt, wie gefährlich Obama die noch immer latenten Vorurteile gegenüber Schwarzen im Kampf ums Weiße Haus werden können - gerade wenn es eng zwischen den beiden Konkurrenten wird.

40 Prozent aller US-Amerikaner haben demnach nach wie vor tief verwurzelte Vorbehalte gegen Schwarze. Besonders problematisch für Obama: Darunter sind auch viele Demokarten und unabhängige Wähler. Und gerade unter den eigenen Parteianhängern muss Obama stärker um Zustimmung ringen als McCain bei den Republikanern. Nur 70 Prozent der Demokraten stehen der Umfrage zufolge hinter ihrem Kandidaten, McCain kann auf 85 Prozent Unterstützung zählen.

Zwar betonen die Meinungsforscher, dass Obamas Hautfarbe nicht der wichtigste Grund für die Skepsis der Demokraten ist. Hier spielen vor allem Zweifel an seiner Kompetenz und Glaubwürdigkeit eine Rolle. Sie weisen aber auch darauf hin, dass die rassistisch begründeten Vorurteile offensichtlich und bedeutend sind. Statistischen Berechnungen zufolge läge die Zustimmungsrate für Obama sechs Prozent höher, wenn diese Vorurteile nicht bestünden.

Die Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass 20 Prozent aller weißen Amerikaner ihre schwarzen Mitbürger als "gewalttätig" einschätzen. 22 Prozent stimmten dem Attribut "überheblich" zu, 29 Prozent finden sie "weinerlich", 13 Prozent "faul" und 11 Prozent "verantwortungslos". Wurde nach der Zustimmung für positive Eigenschaften gefragt, hätten sich die Befragten deutlich mehr zurückgehalten, heißt es.

Unter den weißen Demokraten machte sich ein Drittel eine negative Einschätzung schwarzer Amerikaner zu eigen. Von diesen erklärten 58 Prozent, sie würden Obama unterstützen. Mehr als ein Viertel der Demokraten ist der Meinung, dass es schwarzen Amerikanern genau so gut wie weißen gehen würde, wenn sie sich mehr anstrengen würden. Auch unter den unabhängigen Wählern fanden sich viele Vorurteile: So stimmten 24 Prozent der Aussage zu, Schwarze seien "gewalttätig".

Umfragen zu rassistischen Vorbehalten sind immer mit Unwägbarkeiten behaftet. Soziologen weisen in diesem Zusammenhang stets auf das Phänomen der sozialen Erwünschtheit hin: So ist der Befragte möglicherweise nicht ehrlich, weil er weiß, dass offener Rassismus gesellschaftlich geächtet ist. Andere gestehen sich ihren Rassismus selbst gar nicht erst ein.

Die Forscher von der Stanford University reklamieren für sich allerdings eine Methode, die dafür sorgen soll, dass die Ergebnisse näher an die Realität reichen. So wurden die Umfrageteilnehmer zwar telefonisch ausgewählt, die eigentliche Befragung fand jedoch online statt. Am Computer, so heißt es, trauten sich Menschen eher zu, auch zu vermeintlich unpopulären Meinungen zu stehen.

phw/AP

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