Umfragevorsprung für Spaßpartei: Reykjavik erwartet den Staats-Streich

Aus Reykjavik berichtet Henryk M. Broder

Satire an die Macht: Bei den Kommunalwahlen in Island hat eine Spaßpartei beste Chancen, das Rathaus in Reykjavik zu erobern. Der Komiker Jon Gunnar Kristinsson peilt sogar das Amt des Bürgermeisters an. Island rätselt: Meint er es eigentlich ernst?

Wahlkampf: Die "beste Partei" will sich ins Rathaus spaßen Fotos
Henryk M. Broder

Wer mit Jon Gunnar Kristinsson, alias Jon Gnarr, durch Reykjavik geht, den beschleicht das Gefühl, einen Pop-Star zu begleiten. Autofahrer hupen, Menschen bleiben stehen, um ihm die Hand zu drücken und "alles Gute!" zu wünschen, einige wollen ein Autogramm haben. Aber der 43-jährige Isländer, der ein wenig wie Boris Becker aussieht, ist kein Popstar - er kann kein Instrument spielen und Musik nicht leiden -, sondern ist Gründer und Vorsitzender einer politischen Partei namens "Besti flokkurinn", der "besten Partei". Und er möchte der nächste Bürgermeister von Reykjavik werden.

Glaubt man den Umfragen, könnte der Wunsch in Erfüllung gehen. Jeder zweite Reykjaviker will bei den Kommunalwahlen am Samstag Jons Partei wählen. Mit sechs bis acht Sitzen im 15-köpfigen Rat der Stadt würde die "Besti flokkurinn" dann den Bürgermeister stellen. Es wäre das erste Mal in der Geschichte Islands, dass eine Partei, deren Programm es ist, kein Programm zu haben und andere Parteien zu parodieren, ein Spitzenamt besetzt, ein Triumph der Satire über die Realität, "also genau das, was unsere Politiker uns eingebrockt haben", sagt Jon Gnarr und schaut dabei so unschuldig drein, als ginge es ihm um eine Senkung der Kita-Gebühren für alleinerziehende Mütter.

Aber der Mann meint es ernst. 1967 in Reykjavik als Sohn eines kommunistischen Polizeibeamten geboren, schmiss er die Schule mit 14 hin und kam für zwei Jahre in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche auf dem Lande. Zurück in der Stadt machte er "mal dies und mal das", wohnte "mal hier und mal dort", bis er einen Job als Pfleger in einem Heim für geistig und körperlich Behinderte annahm. Mit 19 schrieb er seinen ersten Roman ("Die Stadt der Mitternachtssonne"), mit 20 wurde er zum ersten Mal Vater. Das nächste Buch, Jahre später, war eine "fiktive Autobiografie" mit dem Titel "Der Indianer".

Seine Karriere als Komiker und Unterhalter begann er Anfang der neunziger Jahre beim staatlichen Rundfunk RUV mit einer wöchentlichen Radio-Sit-Com von jeweils sieben bis zehn Minuten Dauer: "Hotel Volkswagen". Es war die Geschichte eines isländischen Automechanikers, der aus Liebe zu VW nach Deutschland zieht und dort ein Hotel eröffnet.

In einem kleinen Land wie Island setzen sich Talente schnell durch.

Jon wurde von einem privaten Sender abgeworben, wo er jeden Morgen "kontroverse Persönlichkeiten" interviewte, an denen in Island kein Mangel herrscht. Er trat als Komiker im Radio, Fernsehen und in Spielfilmen auf und eines Tages zum Katholizismus über und forderte die protestantischen Isländer auf, seinem Beispiel zu folgen, was ihm viele übel nahmen. Dabei wollte er doch nur, sagt Jon, darauf aufmerksam machen, "wie wichtig Demut für die Menschen" sei, wichtiger als Geld, Macht und Wohlstand. Er ließ keine Gelegenheit aus anzuecken, wobei er seine Freunde und Feinde immer im Ungewissen ließ, ob er es so meinte, wie er es sagte oder sie nur zu unbedachten Reaktionen verleiten wollte. "Ich mache einige Jahre Ferien auf diesem Planeten und will in dieser Zeit alles ausprobieren, so dass ich mir eine Meinung bilden kann, ohne mich auf andere zu verlassen."

Will er uns auf den Arm nehmen?

Als im Oktober 2008 das isländische Bankensystem kollabierte und ganz Island in eine schwere Finanz- und Psycho-Krise stürzte, geriet auch Jon aus der Bahn. "Bis dahin habe ich mich nicht für Politik interessiert. Die Politiker machten ihr Ding und ich machte meines."

Ende des Jahres 2009 wurde es ihm klar, dass die Politik eine zu ernste Sache ist, als dass man sie den Politikern überlassen könnte. Er gründete die "Besti flokkurinn", "um Einfluss zu nehmen und die Menschen zu ermutigen, ihre Interessen zu artikulieren".

Und so wie er während seiner katholischen Phase wie ein katholischer Missionar geredet hat, so spricht er heute wie ein Politiker, der sich vorgenommen hat, die Schäden zu reparieren, die andere verursacht haben. Wieder fragen sich die Isländer: Meint er es wirklich so oder will er uns auf den Arm nehmen?

Denn: Die beste aller Parteien hat keine Agenda, kein Programm, nur eine Losung: "Alles ist machbar!" Klassische Politik, erklärt Jon, sei nur "absurdes Theater", "fade Routine" und "ein Paket ohne Inhalt".

Er habe, sagt der Kandidat, vor Jahren versucht, Deutsch zu lernen und sich eine Linguaphone-CD gekauft. Der einzige Satz, der ihm im Gedächtnis blieb, war: "Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!" So sei es auch in der Politik. Die Leute würden darauf trainiert, das Gehörte zu wiederholen. Und während korrupte Politiker scheinheilig ein "Ende der Korruption" fordern, will Jon die Korruption nur "transparent machen", das sei ehrlicher und realistischer.

"Reykjavik soll schöner", der Laekjartorg im Zentrum der Stadt, ein Platz von "extremer Hässlichkeit", umgebaut werden. "Wir brauchen mehr Plätze für ältere Menschen, wo sie Schach und Boule spielen können. Und Parkanlagen, in denen Hunde frei herumlaufen dürfen." Das chaotische Nahverkehrssystem müsse vollkommen umstrukturiert werden. Und was ist mit der Müllabfuhr, dem Sorgenkind aller Kommunen? "Die ist okay, da klappt alles."

Jon Gnarr ist überzeugt, dass die "beste Partei" am Samstag den Sprung ins Rathaus schaffen wird. Er hat einen smarten Wahlkampf geführt, der ihn fast gar nichts gekostet hat. Statt teure Anzeigen zu schalten, hat er die Medien für sich eingespannt; sein Freiwilligen-Team wird von einer 27-jährigen gut aussehenden Fachfrau geführt, Heida Kristin Helgadottir, die mit einer Arbeit über "Pluralismus und Elitismus in der isländischen Politik" ihren Bachelor gemacht hat. Gefragt, wie die Wahlen ausgehen werden, antwortet sie ganz souverän: "Samstagabend kurz nach zehn Uhr werden wir es wissen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. Nachahmenswert
bürger mr 28.05.2010
Zitat von sysopSatire an die Macht: Bei den Kommunalwahlen in Island hat eine Spaßpartei beste Chancen, das Rathaus in Reykjavik zu erobern. Der Komiker Jon Gunnar Kristinsson peilt sogar das Amt des Bürgermeisters an. Island rätselt: Meint er es eigentlich ernst? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,697252,00.html
Das sollte man hier bei uns genau so machen , um die Politprofi(teure)aus Ihren warmen Nestern zu schmeißen. _ Die Politik ist viel zu wichtig um sie den Politikern zu überlassen - , in diesem Sinne.
2. Horst Schlämmer läßt grüßen.
amir2008 28.05.2010
Wenn ich das Wirken unserer heutigen Regierung anschaue denke ich an die Horst Schlämmer Partei, die hätte es bestimmt auch nicht schlechter machen können. Island kann ich nur empfehlen diesen Weg zu gehen!!
3. Das hört sich doch alles vernünftig an
tomcatXXX 28.05.2010
Ich wünsche dem Herrn viel ERfolg am Samstag bei der Wahl.Für den Fall, dass er gewinnt, sollte man ein Auge auf die zukünftige Entwicklung dort haben. Wer hats gesagt: "Man kann ein Problem nicht mit DEM Denken lösen, mit dem es dazu geführt hat." Keine Ahnung? Ich auch nicht. Aber es könnte stimmen. Wir haben jetzt 200 Jahre versucht mit Vernunft Politik zu machen. Das jämmerliche Endergebnis offenbart sich gerade. Ohne Programm zu arbeiten, verpflichtet zu Pragmatismus. In einem kleinen Rahmen wie Island liesse sich das noch verwirklichen. Alle an Bord.
4. Sehr schön
Hovac 29.05.2010
In kleineren Staaten scheint die Demokratie noch zu klappen. Bei uns gibt es leider zu große Medienpropaganda und zu viele nichtdenkende Gewohnheitswähler.
5. Bin schon dabei als OB für Offenbach zu kandidieren :-))))))
Cuulja 29.05.2010
Klasse was der Gute da macht. Ich grabe seit über einem Jahr meinen Tunnel in´s Offenbacher Rathaus, um den Offenbacher OB Horst Schneider in die Tundra zu schicken. Ich empfehle meinen Gegnern immer meinen Namen Uwe Kampmann mit Text, Bild und Video zu googeln. Klappt ganz gut, am 27.3.2011 wird gewählt, in Reykjavik schon morgen, da wünsche ich dem Kanditaten aus Island 10 Points. Mit freundlichen Grüßen aus Offenbach am Main Uwe Kampmann
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Fläche: 103.000 km²

Bevölkerung: 320.000 Einwohner

Hauptstadt: Reykjavík

Staatsoberhaupt:
Ólafur Ragnar Grímsson

Regierungschef: Sigmundur Davíð Gunnlaugsson

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