Von Marcel Rosenbach
Insbesondere ein weiterer Vorfall mit Crazyhorse 18 vom 22. Februar 2007 sticht heraus. Kampfhubschrauber liefern sich an jenem Tag eine Verfolgungsjagd mit einem Kipplaster am Boden. Die US-Luftkrieger haben einen Transporter mit schweren Waffen ausgemacht, von dem aus Mörsergranaten abgefeuert werden, und zerstören ihn. Zwei Iraker fliehen Hals über Kopf vom Ort des Geschehens in Richtung Norden. Crazyhorse 18 ist ihnen auf der Spur, nimmt sie unter Feuer. Da passiert Unerwartetes.
Der Wagen hält an. Die Iraker "kamen heraus und wollten sich ergeben", heißt es in dem Dokument zum Vorfall. Offenbar ist die US-Hubschrauberbesatzung einen Moment lang ratlos, wie sie mit der Situation umgehen soll. Sie fordert über Funk die Unterstützung eines Militärjuristen. Weiter im Bericht: "Der Anwalt sagt, dass sie sich einem Fluggerät nicht ergeben können und noch immer legale Ziele sind."
Der Kampfhubschrauber erhält erneut eine Feuerfreigabe. Crazyhorse 18 feuert eine Hellfire-Rakete auf die beiden Männer. Sie verfehlt ihr Ziel. Die beiden Iraker können sich in einen Schuppen flüchten.
Die Hubschrauberbesatzung gibt nicht auf. Sie nimmt auch den Schuppen unter Beschuss. Diesmal treffen sie. "Crazyhorse 18 berichtet, dass der Schuppen mit den zwei antiirakischen Kräften angegriffen und zerstört wurde", vermerkt das Protokoll.
Der US-Soldat, der damals das Fluggerät von einem Kriegsschiff aus fernsteuerte, fragte seinen Kommandeur: "Sir, sie wollen aufgeben, was soll ich mit ihnen machen?" Die Antwort fiel anders aus als jetzt im Irak - die Männer wurden festgenommen statt getötet.
Im Laufe der Operation "Desert Storm" ergaben sich irakische Soldaten sogar auch erfolgreich gegenüber "Apache"-Helikoptern. Einmal sollen 500 von ihnen aufgegeben haben, als im Luftraum über ihnen amerikanische Kampfhubschrauber auftauchten.
Crazyhorse beim "final gun run"
Einem Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen über den Schutz von Opfern internationaler bewaffneter Konflikte zufolge gelten Personen, die "unmissverständlich ihre Absicht bekunden, sich zu ergeben", als "außer Gefecht befindlich". Sie dürfen nicht angegriffen werden. Damit steht nun die Frage im Raum, ob sich die Schützen von jenem 22. Februar 2007 eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht haben könnten.
Die beiden Vorfälle sind nicht die einzigen, an denen "Apache"-Hubschrauber beteiligt waren und bei denen Menschen unter fragwürdigen Umständen ums Leben kamen. Nur vier Tage nach dem "Collateral Murder"-Vorfall flogen Crazyhorse 20 und 21 zu einem Einsatz über Bagdad - die zweisitzigen Maschinen mit Pilot und Bordschütze sind stets im Tandem unterwegs. Das Protokoll jenes Einsatzes vermerkt, eine US-Bodenpatrouille sei gegen 14 Uhr mit Kleinwaffen beschossen worden. Um 14.55 Uhr habe Crazyhorse 20 gemeldet, man habe zwei Aufständische am Boden angegriffen. Vom Boden kommt daraufhin die Meldung, aus einer Moschee in der Nähe würden Kämpfer dazu aufgerufen, sich zu sammeln und die US-Truppen anzugreifen. Später werden 50 bis 60 "mögliche" Aufständische gemeldet - während Crazyhorse fast zeitgleich von einer "final gun run" berichtet. Gemeint ist eine letzte Angriffswelle mit der Bordkanone.
Die laut Bericht "unbestätigte" Bilanz des Vorfalls: zwölf tote und acht bis zehn verletzte "antiirakische Kräfte" - und 14 tote Zivilisten. Als die vermeintlichen Aufständischen die Moschee später in alle Richtungen verlassen, nimmt eine unbemannte Drohne Bilder von ihnen auf. Zu den Aufnahmen vermerkt das interne Militärprotokoll: "Es wurden keine Waffen gesehen."
Auch von solchen Einsätzen dürfte es Bordvideos geben, die auf US-Militärrechnern bis heute abrufbar sind. Sie sind vermutlich nicht weniger dramatisch als "Collateral Murder".
Wie führen die USA ihren Hubschrauberkrieg im Irak?
Die jetzt bekannt gewordenen US-Militärberichte machen deutlich, dass jener "Apache"-Angriff vom 12. Juli 2007 höchstwahrscheinlich alles andere als ein tragischer Einzelfall war. Er wurde nur genauer untersucht als andere - vor allem weil bei dem Bombardement zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters umkamen und das Medienunternehmen Aufklärung verlangte.
Das Militär hat den "Collateral Murder"-Fall gleich in den Tagen nach dem tödlichen Beschuss intern untersucht. Das Ergebnis lautete, die Hubschrauberbesatzungen hätten nicht gegen die Einsatzregeln verstoßen.
Die Witwe des getöteten Vaters, der seine Kinder an jenem Tag bloß zum Unterricht bringen wollte, berichtete im Frühjahr isländischen Reportern, ihre Kinder seien immer noch schwer traumatisiert. Sie bräuchten teure Medikamente. Von US-Stellen habe sie bisher keine Hilfe erhalten, beklagte sie damals.
Immerhin kam es zu einer überraschenden, sehr persönlichen Geste. Zwei ehemalige Soldaten der am Boden beteiligten Einheit wandten sich nach der Veröffentlichung des Videos in einem offenen Brief an die Familien der Getöteten und Verwundeten des US-Angriffs. "Wir wissen, dass wir den entstandenen Schaden nicht wiedergutmachen können", schrieben Ethan McCord und Josh Stieber. Sie würden ihren Teil der Verantwortung dafür anerkennen.
"Wir wissen, dass die in dem Video festgehaltenen Ereignisse in diesem Krieg alltäglich waren", fügen sie schließlich hinzu. "Sie entsprechen der Art, wie die USA in dieser Region Krieg führen."
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