Umstrittene "Apache"-Angriffe: Höllenfeuer aus dem Himmel

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Zwei Iraker wollen sich offenbar ergeben - der Schütze im Helikopter drückt trotzdem ab. Und tötet sie. In den US-Geheimakten finden sich Protokolle von fragwürdigen Hubschrauberattacken, jetzt muss das Militär viele Fragen beantworten: Wie brachial gingen die Soldaten vor? Verstießen sie gegen Kriegsrecht?

WikiLeaks

Berlin - Der US-Feldbericht vom 12. Juli 2007, 9.50 Uhr, hat karge 893 Zeichen. Er handelt von einem Vorfall in Bagdad, wimmelt vor militärischen Kürzeln und wird in die Kategorie "direktes Feuer" einsortiert. In der Rubrik werden militärische Zusammenstöße zwischen US-Soldaten und Irakern versammelt; rund 59.000 davon sind in den WikiLeaks-Dokumenten zum Irak-Krieg dokumentiert.

Das Protokoll sticht aus dem Riesenkonvolut nicht besonders hervor, nicht mal beim Blick auf die Totenzahlen. "13 AIF KIA" bilanziert der Bericht im technischen Jargon des US-Militärs. 13 Gegner ("anti-iraqi forces") seien im Kampf gefallen, heißt das übersetzt - KIA steht für "killed in action". Dazu melden die beteiligten US-Soldaten in dem Einsatzprotokoll zwei Verwundete sowie zwei verletzte einheimische Kinder. In sechs Sätzen wird chronologisch festgehalten, Hubschrauber hätten Raketen auf die Feinde abgefeuert, angeblich nach Beschuss von US-Bodentruppen mit Handfeuerwaffen (zum Wortlaut des Protokolls...).

SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Militärprotokolle zu einigen ausgewählten Vorfällen - klicken Sie auf die kurzen unterstrichenen Textstellen in roter Farbe, um sie zu lesen
Es klingt nach einem Routineeinsatz. Doch der Vorfall, den dieser Kurzreport so lapidar beschreibt, hat in Wahrheit für viele Menschen den Blick auf den Irak-Krieg verändert. Denn das Geschehen jenes Julimorgens wurde auch auf Video festgehalten - es handelt sich um die inzwischen weltweit bekannten, ebenfalls von WikiLeaks enthüllten Szenen eines brutalen Hubschrauberangriffs, bei dem US-Soldaten wehrlose Unschuldige töteten.

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"Apache"-Helikopter im Irak: Fliegende Kampfmaschinen
Die angeblichen "anti-irakischen Kräfte" waren wohl Iraker, die mit zwei Mitarbeitern der Nachrichtenagentur Reuters zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sogar auf einen zu Hilfe eilenden Kleinbus eröffnete die Besatzung der Kampfhubschrauber das Feuer. Im Auto saßen zwei Kinder, die der Vater zum Unterricht fahren wollte. Er starb, die Kinder überlebten schwerverletzt.

Das brisante Video des Vorfalls, von WikiLeaks-Gründer Julian Assange "Collateral Murder" ("Kollateral-Mord") getauft, stammt aus einem der beiden beteiligten "Apache"-Helikopter mit den Rufnamen Crazyhorse 18 und 19. Es ist aus der Perspektive des Gunners gefilmt, des Schützen. Im April 2010 präsentierte Assange den Film im National Press Club in Washington - es war die bis dahin größte Enthüllung seiner Plattform.

"Hübsch, gut geschossen. Schau, diese toten Bastarde"

Die knapp 18 Minuten Film sind schwer zu ertragen, auch weil nicht klar ist, was schlimmer ist: die Bilder sterbender Menschen, die im Kugelhagel in den Straßenstaub von Bagdad sinken, oder die Gespräche der Hubschrauber-Crew, die ebenfalls aufgezeichnet wurden. "Hübsch, gut geschossen", sagt ein Soldat nach einer tödlichen Salve. "Schau, diese toten Bastarde." In diesem Tonfall geht die Konversation weiter.

Zwischen dem knappen Text des jetzt enthüllten Militärdokuments und dem, was die Bordkamera des Kampfhubschraubers in Bild und Ton festgehalten hat, klafft eine riesige Lücke. Die Diskrepanz macht klar, dass die internen Protokolle die brutale Realität des Krieges nicht erfassen. Im Gegenteil - sie verzerren sie sogar.

Der Vergleich zwischen dem Videobeweis und der dürren, wenig spektakulär wirkenden Originalmeldung wirft die Frage auf, was wohl bei Vorfällen passiert sein mag, bei denen sich die internen Feldberichte aufregender lesen. Und davon gibt es einige. Schon wenn man sich das traditionsreiche 227. Heeresfliegerregiment mit seiner "Apache"-Flotte herausgreift, das für den "Collateral Murder"-Fall verantwortlich war, wird man schnell fündig.

Die Einheit aus Fort Hood (Texas) hatte 2007 ihre Bagdader Bataillone in Camp Tadschi nördlich der irakischen Hauptstadt stationiert. Zwischen Ende 2006 und Frühjahr 2008 flogen die Soldaten von der Basis aus insgesamt 15 Monate ihre Einsätze. Dabei gingen sie offenbar besonders robust zur Sache, wie es in der Militärsprache heißt. Die schwarzen "Apache"-Helikopter sind hochgerüstet, kosten pro Stück rund 20 Millionen Dollar, fliegen rund 300 Kilometer pro Stunde - und verfügen über 30-Millimeter-Bordkanonen und Hellfire-Raketen. Bodentruppen, die in Feuergefechte verwickelt waren, riefen die Hubschrauber oft zu Hilfe. Wenn die Kriegsgeräte dann über dem Himmel von Bagdad auftauchten, brach unten auf der Erde regelmäßig ein Höllenfeuer los.

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Forum - Sind die Opfer im Irak-Krieg zu rechtfertigen?
insgesamt 1528 Beiträge
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1. Krieg
Dr.Strangelove, 22.10.2010
Krieg und Vernunft passen nicht sonderlich gut zusammen. Es versucht immer eine Seite ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen. Partei ergreifen, ist da nichts weiter als Partei für die Schlächterei ergreifen.
2. nein
Antje Technau, 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
nein. Dieser Krieg war damals ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der auf einer Lüge basierte. Auf der Lüge, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen, unter anderem Atomwaffen, besessen und er hätte "mit Terroristen" unter einer Decke gesteckt. Wie schon vor dem Krieg jeder halbwegs gebildete und informierte Mensch wusste, hatte Saddam Hussein weder Atomwaffen noch sonstige nennenswerte Massenvernichtungswaffen noch hatte er je mit alQaeda etwas zu tun. Und daran hat auch der Showprozess und die Hinrichtung von Saddam Hussein nichts geändert. Auch, dass es im Irak nun eine "Demokratie" gibt, die den irakischen Frauen ihre Menschenrechte genommen hat und sie durch Scharia-Recht ersetzt hat, rechtfertigt diesen Krieg, seine Toten und die Folteropfer unter den Irakern nicht. Wo kämen wir da hin, wenn man - nur weil es heute mit dem Irak *vielleicht* wieder aufwärts geht, falls den Irakern ihre Bodenschätze nicht von US-Firmen gestohlen werden - diese "Erfolge" als Argument für völkerrechtswidrige Angriffskriege gelten lassen wollte? Da könnte man doch genauso gut die Saudis von ihrem Königshaus "befreien", damit "unser Öl" endlich in die richtigen Hände gerät...//Ironie off
3. Natürlich nicht
derKanoniker 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Natürlich nicht. Und bitte mal daran erinnern: Stoiber und Merkel waren für diesen Krieg.
4. Destabilisierung
ANDIEFUZZICH 22.10.2010
Zitat von sysopDie Irak-Protokolle geben dem US-geführten Krieg in dem Land eine neue Perspektive - erstmals ist der Konflikt aus der Perspektive der Soldaten nachzuvollziehen. Im Lichte der neuen Entwicklungen: War dieser Feldzug gerechtfertigt?
Absolut nicht.
5. .
roflem 22.10.2010
Der Krieg war nur wegen Öl geführt worden. Dafür zu töten war bestimmt nicht gerechtfertigt. Wenn das Öl mal alle ist und Kriege wegen Wasser geführt werden wären sie genauso ungerechtfertigt. Aber wir werden es nie verhindern können.
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