Von Marcel Rosenbach
Berlin - Der US-Feldbericht vom 12. Juli 2007, 9.50 Uhr, hat karge 893 Zeichen. Er handelt von einem Vorfall in Bagdad, wimmelt vor militärischen Kürzeln und wird in die Kategorie "direktes Feuer" einsortiert. In der Rubrik werden militärische Zusammenstöße zwischen US-Soldaten und Irakern versammelt; rund 59.000 davon sind in den WikiLeaks-Dokumenten zum Irak-Krieg dokumentiert.
Das Protokoll sticht aus dem Riesenkonvolut nicht besonders hervor, nicht mal beim Blick auf die Totenzahlen. "13 AIF KIA" bilanziert der Bericht im technischen Jargon des US-Militärs. 13 Gegner ("anti-iraqi forces") seien im Kampf gefallen, heißt das übersetzt - KIA steht für "killed in action". Dazu melden die beteiligten US-Soldaten in dem Einsatzprotokoll zwei Verwundete sowie zwei verletzte einheimische Kinder. In sechs Sätzen wird chronologisch festgehalten, Hubschrauber hätten Raketen auf die Feinde abgefeuert, angeblich nach Beschuss von US-Bodentruppen mit Handfeuerwaffen (zum Wortlaut des Protokolls...).
Das brisante Video des Vorfalls, von WikiLeaks-Gründer Julian Assange "Collateral Murder" ("Kollateral-Mord") getauft, stammt aus einem der beiden beteiligten "Apache"-Helikopter mit den Rufnamen Crazyhorse 18 und 19. Es ist aus der Perspektive des Gunners gefilmt, des Schützen. Im April 2010 präsentierte Assange den Film im National Press Club in Washington - es war die bis dahin größte Enthüllung seiner Plattform.
"Hübsch, gut geschossen. Schau, diese toten Bastarde"
Die knapp 18 Minuten Film sind schwer zu ertragen, auch weil nicht klar ist, was schlimmer ist: die Bilder sterbender Menschen, die im Kugelhagel in den Straßenstaub von Bagdad sinken, oder die Gespräche der Hubschrauber-Crew, die ebenfalls aufgezeichnet wurden. "Hübsch, gut geschossen", sagt ein Soldat nach einer tödlichen Salve. "Schau, diese toten Bastarde." In diesem Tonfall geht die Konversation weiter.
Zwischen dem knappen Text des jetzt enthüllten Militärdokuments und dem, was die Bordkamera des Kampfhubschraubers in Bild und Ton festgehalten hat, klafft eine riesige Lücke. Die Diskrepanz macht klar, dass die internen Protokolle die brutale Realität des Krieges nicht erfassen. Im Gegenteil - sie verzerren sie sogar.
Der Vergleich zwischen dem Videobeweis und der dürren, wenig spektakulär wirkenden Originalmeldung wirft die Frage auf, was wohl bei Vorfällen passiert sein mag, bei denen sich die internen Feldberichte aufregender lesen. Und davon gibt es einige. Schon wenn man sich das traditionsreiche 227. Heeresfliegerregiment mit seiner "Apache"-Flotte herausgreift, das für den "Collateral Murder"-Fall verantwortlich war, wird man schnell fündig.
Die Einheit aus Fort Hood (Texas) hatte 2007 ihre Bagdader Bataillone in Camp Tadschi nördlich der irakischen Hauptstadt stationiert. Zwischen Ende 2006 und Frühjahr 2008 flogen die Soldaten von der Basis aus insgesamt 15 Monate ihre Einsätze. Dabei gingen sie offenbar besonders robust zur Sache, wie es in der Militärsprache heißt. Die schwarzen "Apache"-Helikopter sind hochgerüstet, kosten pro Stück rund 20 Millionen Dollar, fliegen rund 300 Kilometer pro Stunde - und verfügen über 30-Millimeter-Bordkanonen und Hellfire-Raketen. Bodentruppen, die in Feuergefechte verwickelt waren, riefen die Hubschrauber oft zu Hilfe. Wenn die Kriegsgeräte dann über dem Himmel von Bagdad auftauchten, brach unten auf der Erde regelmäßig ein Höllenfeuer los.
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