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Umstrittener Staatsbesuch: Gaddafi provoziert die Italiener

Ein skurriler Versöhnungsbesuch - Libyens Staatschef Gaddafi ist in Rom, um die Beziehungen zur einstigen Kolonialmacht zu verbessern. Zur Begrüßung erinnerte er gleich an schlechte Zeiten: Vor der Brust trug er das Foto eines Widerstandskämpfers gegen Italien.

Rom - Sie tauschten freundliche Worte aus, aber das Bild passte nicht so ganz dazu: Ministerpräsident Silvio Berlusconi empfing Muamar al-Gaddafi am Flughafen und sprach anschließend von einer historischen Zäsur. "Ein langes, schmerzvolles Kapitel mit Libyen ist nun beendet", erklärte Berlusconi. Und Gaddafi erklärte bei seinem ersten Staatsbesuch im Land der früheren Kolonialmacht, die Differenzen der Vergangenheit seien nun Geschichte.

Dafür stellte er sie allerdings sehr deutlich zur Schau: An seiner Paradeuniform trug Gaddafi ein Foto von der Festnahme des libyschen Widerstandskämpfers Omar el Mochtar im Jahr 1931. Der auch "Wüstenlöwe" genannte Mochtar war Anfang der 30er Jahre Anführer der Widerstandsbewegung gegen die italienischen Kolonialherren und wurde von ihnen erhängt.

Die italienische Regierung feierte den Besuch als historisch, die Opposition protestierte - vor allem dagegen, dass Gaddafi am Donnerstag vor dem Senat sprechen sollte: "Es ist eine Schande, einen Diktator reden zu lassen, der die Menschenrechte nicht respektiert", kritisierte Stefano Pedica von der Partei "Italien der Werte". Aufgrund des Widerstand mehrer Senatoren wurde Gaddafis Ansprache in ein Nebengebäude verlegt. Das teilten die Vorsitzenden der unterschiedlichen politischen Gruppen am Abend in Rom mit.

Hunderte Dozenten, Forscher und Studenten haben sich auch gegen einen geplanten Besuch des Revolutionsführers in der römischen Universität La Sapienza gewandt. Gegner werfen Gaddafi außerdem vor, dass Italien als Zeichen der engeren Zusammenarbeit seit kurzem Bootsflüchtlinge direkt wieder nach Libyen abschieben kann. Die Vereinbarung von Ende August 2008 sieht ein italienisches Kontrollsystem im Kampf gegen die illegale Einwanderung an den libyschen Landesgrenzen vor. Italien hofft damit, den enormen Flüchtlingsansturm auf seine Insel Lampedusa zu bremsen.

Die Grundlage für den ersten offiziellen Besuch Gaddafis in Italien seit seiner Machtübernahme vor 40 Jahren hatten er und Berlusconi im Herbst 2008 mit einem Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit gelegt. Italien verpflichtete sich darin, Tripolis fünf Milliarden Dollar (etwa 3,6 Milliarden Euro) Entschädigung für die Kolonialzeit (1911-1942) zu zahlen und setzt seinerseits auf eine verstärkte energiepolitische Kooperation. Das Geld fließt in Bauvorhaben in Libyen, die von italienischen Firmen ausgeführt werden, darunter eine West-Ost-Autobahn von der tunesischen bis zur ägyptischen Grenze.

Auch in die andere Richtung fließen Geld und Waren: Libyen investiert seine Petrodollar in große italienische Unternehmen wie Unicredit und Eni. Ein Viertel der Ölimporte Italiens stammen aus dem Maghreb-Staat. Experten zufolge hat die libysche Investitionstätigkeit in Italien erst begonnen. Italienische Unternehmen können demnach auf weitere lukrative Kontakte hoffen.

Dafür nimmt die Regierung in Rom die außergewöhnlichen Umstände des Staatsbesuchs in Kauf: So nächtigt Gaddafi, der sich von einer ausschließlich weiblichen Leibgarde beschützen lässt, wie immer auf Auslandsreisen, in einem Zelt. Das hat er im Park einer Villa aus dem 17. Jahrhundert auf einem Hügel oberhalb des Zentrums von Rom aufschlagen lassen.

sac/dpa/AFP/Reuters

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