Umstrittenes Abkommen USA und Polen unterzeichnen Raketenabwehr-Vertrag

Jetzt ist der umstrittene US-Raketenschild in Polen beschlossene Sache: US-Außenministerin Rice und ihr polnischer Kollege Sikorski haben in Warschau ein Abkommen über die Stationierung unterzeichnet.


Warschau - An der feierlichen Zeremonie nahmen auch Polens Staatspräsident Lech Kaczynski und Regierungschef Donald Tusk teil. US-Außenministerin Condoleezza Rice und ihr polnischer Kollege Radoslaw Sikorski haben in Warschau das umstrittene Abkommen über die Stationierung eines US-Raketenschilds in Polen unterzeichnet. "Polen und die USA werden sicherer sein", sagte Tusk.

Condoleezza Rice und Lech Kaczynski: Abkommen zur Raketenabwehr
DPA

Condoleezza Rice und Lech Kaczynski: Abkommen zur Raketenabwehr

Die Vereinbarung sieht den Aufbau eines US-Stützpunkts mit zehn Abfangraketen im Norden des Landes vor. Die USA verpflichten sich gleichzeitig, die Sicherheit Polens und der US-Anlagen auf seinem Territorium zu gewährleisten und dem Land Luftabwehrraketen vom Typ Patriot zur Verfügung zu stellen. Geplant sind ferner US-Finanzhilfen für die polnischen Streitkräfte.

Eine Radarstation in Tschechien soll die Daten für einen Abschuss fremder Raketen liefern. Hierfür unterzeichneten die USA schon am 8. Juli ein entsprechendes Abkommen. Das Abkommen mit Polen bedarf noch der Zustimmung des Parlaments. Doch sie gilt als sicher, da sowohl die Regierungskoalition als auch die größte Oppositionspartei das Raketenabwehrsystem befürworten.

Das gesamte System soll ab 2015 einsatzfähig sein. Der geplante US-Raketenschild in Osteuropa richtet sich laut Washington vor allem gegen Nordkorea und Iran. Rice selbst betonte, der Raketenschild sei rein defensiv und gegen niemanden gerichtet. Die Abwehr gebe eine Antwort auf Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Kaczynski pflichtete ihr bei: Die Vertiefung des Bündnisses zwischen Polen und Amerika sei auch notwendig für Europa. Die westliche Welt müsse ihre Werte verteidigen.

Das System hat in Moskau anhaltend scharfe Kritik ausgelöst. Die Raketen sollen 180 Kilometer vor der russischen Grenze stationiert werden. Russland sieht im umstrittenen Abwehrsystem eine Bedrohung seiner nationalen Sicherheit und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht.

Das Waffensystem Patriot dient der Abwehr von Flugzeug- und Raketenangriffen. Die Bundeswehr hat Patriot-Raketen seit 1989. Bei dem von den USA entwickelten System gehören zu jeder Einheit acht mobile Startrampen mit jeweils vier Flugkörpern. Sie sind samt Abschussrohren, Radar und Kontrollstation auf Lastwagen montiert. Das System kann mehrere Ziele gleichzeitig aufspüren, seine Wirksamkeit ist allerdings umstritten.

Die US-Raketenabwehr
Das System
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Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

hen/dpa/AFP/Reuters



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