Umsturz in Libyen Geheimpapiere zeigen Gaddafis Angst vor der Nato

Nach außen gab Diktator Gaddafi sich siegesgewiss, doch tatsächlich fürchtete das Regime eine Nato-Bodeninvasion. Das zeigen Dokumente, die der "Guardian" in Tripolis einsehen konnte. Bis zuletzt dirigierte Libyen eine ebenso geheime wie bizarre Lobby-Aktion im Ausland.

Rebellen im Haus von Gaddafi-Sohn Saadi: Brisante Geheimpapiere aufgetaucht
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Rebellen im Haus von Gaddafi-Sohn Saadi: Brisante Geheimpapiere aufgetaucht

Von Yassin Musharbash


Berlin - Oscar-Nominierte, rebellische US-Abgeordnete, ehemalige Uno-Mitarbeiter: Das war der Personenkreis, den das libysche Regime unter Muammar al-Gaddafi für seine Zwecke einspannen wollte. Aber auch US-Präsident Barack Obama bekam noch am 23. Juni freundliche Post aus Tripolis.

Das Ziel: eine befürchtete Bodeninvasion der Nato abwenden.
Die Methode: klandestine Lobby-Arbeit.
Der Erfolg: gleich null.

Geheime Dokumente, die der seriöse und renommierte britische "Guardian" in Tripolis einsehen konnte, zeigen, wie verzweifelt sich Libyens Regime bis zuletzt darum bemühte, die internationale Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Eine Schlüsselfigur in diesem Unterfangen war demnach ein in den USA lebender Lobbyist namens Sufyan Omeish. Der versuchte offenbar, den bekanntermaßen rebellischen US-Kongressabgeordneten Dennis Kucinich dazu zu bringen, eine "Friedensmission" zu unternehmen und nach Libyen zu reisen. Das Regime würde alle Reisekosten bezahlen, versicherte man.

Kucinich bestätigte dem Blatt gegenüber die Einladung, ebenso wie ein Vorgespräch dazu mit dem libyschen Premierminister Bagdadi Ali al-Mahmudi. Trotzdem kam der Trip nicht zustande - dem Politiker war die Lage zu unsicher.

"Maximale, weltweite Öffentlichkeit"

Lobbyist Omeish verfolgte derweil den Plan, neben Kucinich gleich eine ganze Reihe prominenter oder hochrangiger Persönlichkeiten nach Libyen zu lotsen. In einem Brief an den libyschen Premier Mahmudi schrieb er laut "Guardian": "Wir haben eine Bestätigung erhalten, dass ein bekannter Professor für internationales Recht aus Princeton und ein früheres Mitglied einer Fact-Finding-Mission der Uno sich unserer Delegation anschließen werden." Außerdem arbeite er mit "Oscar-nominierten Filmemachern" an der Idee, "die Wahrheit über Libyen" zu dokumentieren. So solle "maximale, weltweite Öffentlichkeit" erzeugt werden.

Auch daraus wurde nichts. Omeish schickte unterdessen auch Einschätzungen nach Tripolis, die die dort herrschende Angst vermutlich weiter schürten. So gebe es, schrieb er am 28. Juni, immer mehr schwerwiegende Hinweise darauf, dass die Nato eine Invasion in Libyen mit Bodentruppen vorbereite - erwarteter Zeithorizont: Ende September oder Oktober dieses Jahres.

Der "Guardian" versuchte Omeish, der auch als Filmemacher arbeitet, per E-Mail zu dem Vorgang zu befragen, erhielt aber keine Antwort. Flankiert wurden seine Anstrengungen von Premierminister Mahmudi, der mittlerweile nach Tunesien geflohen zu sein scheint. So wandte sich Mahmudi am 23. Juni in einem freundlichen Brief an US-Präsident Barack Obama. Er beschwerte sich darüber, dass die USA libysche Gelder konfisziert hätten, um den Rebellen "zu gefallen".

Die Revolte? Von al-Qaida angezettelt!

Andere Dokumente, über die der "Guardian" berichtet, erlauben Einblicke in die Arbeitsweise des libyschen Regimes. So stieß das Blatt in den persönlichen Unterlagen des Premierministers auf Kopien der von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen mit Libyen-Bezug. Außerdem verfügte Mahmudi über die Kopie eines Briefs von US-Senator John McCain an den Chef der Übergangsregierung der Rebellen, Mahmud Dschibril. In dem Schreiben mahnt McCain die Wahrung der Menschenrechte an. Wie das Schreiben in die Hände des Premiers gelangt, bleibt unklar.

Unter den Dokumenten sind auch Listen mit sogenannten Talking Points, Sprachregelungen, an denen Libyens Repräsentanten sich im Umgang mit ausländischen Gesprächspartnern orientieren sollten - ein Punkt lautete: Der Aufstand in Libyen ist kein Volksaufstand, sondern von al-Qaida angezettelt.

Unter welchen Umständen der "Guardian" die Dokumente zu sehen bekam und wie groß der Fundus insgesamt ist, teilt das Blatt nicht mit. Aber es beschreibt sie als "verzweifelte Versuche" des Regimes, sich zu retten. Die Vermutung liegt nahe, dass die Papiere von den Rebellen im Zuge ihrer teilweisen Eroberung des Bab-al-Asisija-Komplexes in Tripolis erbeutet wurden.

Forum - Umsturz in Libyen - Wie geht es weiter?
insgesamt 3633 Beiträge
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Seite 1
dayo, 27.08.2011
1. gute arbeit
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
nun, wie soll es weitergehen?al quaida hat eine neue basis, dh. es besteht keine gefahr, das die terrorgefahr nachlässt und die rüstungsindustrie kann beruhigt sein.
cherusciprinceps 27.08.2011
2. Ist das nicht wunderbar
Wie die NATO und ihre rebellischen Kumpanen den Menschen in Libyen Frieden, Liebe und Wohlstand gebracht haben. Einfach toll.
ThomasPr, 27.08.2011
3. .
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Fragen Sie doch die Rebellen. Aber die werden es auch nicht sagen können, wie es weitergeht in Libyen. Es ist halt leichter etwas zu zerdeppern, als es wieder aufzubauen.
seine-et-marnais 27.08.2011
4. Frz Pub-Kampagne 1973: "Erdoel haben wir nicht, aber Ideen"
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Diese Frage haette man sich frueher stellen muessen. Aber gestern abend konnte man bei einer Diskussion auf i-tele (frz) einen Journalisten hoeren mit dem Vorschlag, da in Libyen umstritten sei wer denn nun regieren koennte, koennte Sarkozy als eine Art Vormund voruebergehend einspringen. Ueberrascht mich nicht, ist er es doch der das ganze arrangiert hat, siehe als naechste Veranstaltung 'Treffen der Freunde Libyens' veranstaltet von Sarkozy.
drouhy 27.08.2011
5. Fangfrage?
Zitat von sysopMonatelang haben die libyschen Rebellen gekämpft, nun sind sie in Tripolis einmarschiert. Vom langjährigen Machthaber Muammar al-Gaddafi fehlt jede Spur. Es sind historische und entscheidende Tage - das Land muss nach den heftigen Gefechten schnell wieder aufgebaut werden. Wie geht es weiter in Libyen?
Die Mentoren des selbst legitimierten NTC sind doch bekannt. Solche Fragen sollten besser an Mandatsmissbrauchsmächte gerichtet werden, deren Truppen sich illegal in Libyen aufhalten. Es sind übrigens diesselben, welche die Schäden zu grossen Teilen erst anrichteten, sei es durch Bomben oder durch illegal gelieferte Waffen.
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