Umsturz in Tunesien Im Rausch der Freiheit

Sie dürfen offen ihre Meinung sagen, über den Clan des geschassten Diktators lästern - und Hoffnung in die Zukunft setzen: Nach Jahrzehnten der Unterdrückung erleben die Menschen in Tunesien nun politischen Wandel. Der bleibt ohne wirtschaftliche Hilfe aus Europa jedoch gefährdet.

SPIEGEL ONLINE

Aus Tunis berichtet


"All dies Dank der Gnade Gottes" prangt in Marmor gemeißelt über dem Portal der Villa Adel Trabelsis in Tunis. Türen hat sie keine mehr, die haben sich Plünderer unter den Nagel gerissen. Wie all das andere Mobiliar: Betten, Vorhänge, Lichtschalter, Badezimmerkacheln und sogar das Treppengeländer. Sie haben alles mitgenommen. Und was sie nicht tragen konnten, wurde angezündet.

Vergangene Woche wohnte hier noch der Schwager des gestürzten tunesischen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali. Der erste Stock des Hauses wirkt jetzt wie eine rußgeschwärzte Höhle. Von einem Einbauschrank ist nicht viel mehr geblieben als ein Haufen Holzkohle. Ein Stückchen davon hat einem zornigen Tunesier als Schreibwerkzeug gedient: Das Wort "Gottes" über dem Portal hat er durchgestrichen und mit einem in Ruß geschriebenen Wort ersetzt: "All dies dank der Gnade des Volkes" steht da jetzt.

Eine Fahrt entlang der Küstenstraße, die durch Tunis' Nobelvorort al-Masra verläuft, ist ein Fest für die Augen: Weiße Villen thronen in üppigen Gärten. Türen und Fenstergitter sind im Blau des Mittelmeers gestrichen. In Masra wimmelt es am Montag ausnahmsweise nicht von ausländischen Touristen - die sind angesichts der Revolte gegen das Regime Ben Alis in der vergangenen Woche evakuiert worden. Die Neugierigen, die sich alle paar Hundert Meter vor und in ausgebrannten Villen tummeln, sind Einheimische. Sie sind gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, was Kleptokratie heißt.

"Wenn die Touristen wegblieben, wäre das fatal"

Über die unermesslichen Reichtümer, die sich die weit verzweigte Trabelsi-Familie der zweiten Ehefrau des Despoten Ben Ali angeeignet hatte, konnten Tunesier bis vor wenigen Tagen nur im Flüsterton sprechen. Nun wollen sich viele ein Bild von der Habgier machen, die Ben Ali letztlich seine 23-jährige Herrschaft gekostet hat. Beim Ruinen-Rundgang machen die Tunesier dabei ihrem Ruf als Volk mit Niveau alle Ehre: Hassparolen hört man kaum, dafür viele kluge Bemerkungen. "Diese Pillen hätten die Trabelsis lieber mit nach Saudi-Arabien nehmen sollen. Die haben sie jetzt nötig", sagt ein Mann beim Anblick einer in den Schutt getretenen Schachtel Anti-Depressiva Marke "Xanax". Ein anderer steht vor einer zerfetzten Monopoly-Schachtel: "Die Trabelsis haben ganz Tunesien zum Spielbrett gemacht und sich alle Schlossstraßen unter den Nagel gerissen."

Noch am Wochenende lieferten sich Sicherheitskräfte und marodierende Gefolgsleute des Ex-Präsidenten schwere Feuergefechte in Tunis. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Zwar stehen am Montag vor Tankstellen in al-Masra die Autos Stoßstange an Stoßstange, die Schlange vor dem Lieferwagen des Milchmanns ist 50 Meter lang, doch es herrscht Zuversicht: "Ab heute können die Großhändler wieder ausliefern, morgen sind die Regale wieder voll", sagt ein Mann.

Im örtlichen Café brummt das Geschäft, bei Milchkaffee und Wasserpfeife diskutieren die Männer die jüngsten Entwicklungen. An einem Tisch fällt das Schlagwort Demokratie. Darauf angesprochen, antwortet Aziz auf Deutsch: Er sei froh, dass die Diktatur weg sei. Und stolz, dass das tunesische Volk seinen Mut bewiesen habe. Angst hätten er und seine Freunde - der eine näht mit 300 Angestellten Schuhe für Gucci - vor den wirtschaftlichen Folgen des Umschwungs. "Wenn die Europäer das Vertrauen verlören oder die Touristen wegblieben, wäre das fatal", sagt Aziz. "Dass ich so frei mit Ihnen über Politik reden kann, ist das größte Glück. Vor einer Woche hätte ich das nicht gewagt."

"Ab heute ist Tunesien das Paradies!"

Im Kleine-Leute-Viertel Buselsla hofft Median, dass die Jasminrevolte ihm einen Job bescheren wird. Der 35-jährige Schlosser ist seit vier Jahren arbeitslos, ein Schicksal, dass er geschätzt mit jedem fünften Tunesier teilt. Kein Job, das bedeutet nicht nur kein Geld für Zigaretten oder ein Handy. Seit vier Jahren wartet seine Freundin darauf, dass sie endlich heiraten. "Aber das geht nur mit einem festen Gehalt." Das hofft Median nun bald wieder zu verdienen und mit seiner Liebsten den Gang zum Imam antreten zu können. Die Zeiten, an denen er die Stunden auf der Parkbank totschlägt, sollen bald vorbei sein. "Ab heute ist Tunesien das Paradies!" Während Median noch jubelt, hält ein Auto: Zwei Frauen wollen von ihrer neuen Redefreiheit Gebrauch machen. "Wollt ihr uns interviewen? Ich bin Ingenieurin, sie Universitätsdozentin. Wir sagen euch alles!"

Unter den Palmen am Strand von al-Masra parkt ein Panzer. Die Armee soll weitere Brandstiftungen verhindern und die Ruhe wahren. Ein junger Vater läuft mit seiner Tochter auf dem Arm zum Wachhabenden hinüber. Brav gibt sie dem Soldaten ein Küsschen: Seit sich die Armee vergangene Woche geweigert hat, auf Demonstranten zu schießen, ist jeder Soldat ein Volksheld.

"Es ist eine Stimmung wie nach dem Fall der Mauer", sagt Jürgen Theres, seit sieben Jahren Leiter des Maghreb-Büros der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in Tunis. Er glaubt, dass die Euphorie vieler Tunesier berechtigt ist: Das Land habe alle Chancen, den Übergang zu einer echten Demokratie zu schaffen. "Die Menschen haben Disziplin und Bürgersinn, die Verwaltung funktioniert, es gibt einen modernen Sozialstaat, die Strukturen stehen", zählt Theres auf. Tunesien sei eine bildungsorientierte Leistungsgesellschaft. "Das Land ist weiter entwickelt, als es zum Beispiel Portugal bei seinem EU-Eintritt war."

Es sei die "maßlose Dummheit und Gier" von Ben Alis angeheirateter Verwandtschaft gewesen, die den Diktator schließlich die Macht gekostet habe, sagt Theres. "Die Leute haben den Zustand permanenter Erniedrigung nicht mehr ertragen." Ganz schlimm sei es in den vergangenen fünf Jahren gewesen. "Es kam so weit, dass das tunesische Großkapital sich aus dem hiesigen Geschäftsleben zurückgezogen und nur noch im Ausland investiert hat." Die Raffgier der Familie habe das normale Wirtschaftsleben zum Erliegen kommen lassen.

Tunesien als Vorbild für die arabische Welt?

Was Tunesien nun brauche, seien Impulse, sagt Theres. Zum einen müsse die tunesische Oberschicht ihr Geld nach Hause bringen, zum anderen Europa sich fest an die Seite der neuen Demokratie stellen. "Wir müssen zeigen, dass wir unsere Werte nicht nur auf den Lippen tragen", sagt Theres. Wenn Tunesien als Gewinner aus der Krise hervorginge, könne das eine Leuchtturmfunktion für die ganze arabische Welt haben. "Wenn das hier klappt, werden auch andere Länder kippen."

Auch Jamil Hayder ist optimistisch. Der Alt-Oppositionelle, der wegen seiner liberalen Ansichten jahrelang im Gefängnis saß, erklärt, warum: "Die Islamisten sind schwach in Tunesien, von ihnen geht eigentlich keine Gefahr aus." Die Opposition müsse sich zwar erst formieren, doch das dürfte kein allzu großes Problem sein, sagt Hayder. Viele der ehemaligen Minister hätten zwar unter Ben Ali gedient, sich aber nicht mit dem Despoten gemein gemacht. "Sie genießen genug Vertrauen, um mit der Bildung einer Übergangsregierung betraut zu werden", sagt der Stadtplaner, um dann die Arme auszubreiten. "Ich bin so glücklich", strahlt er. "Die Jahre des Kampfes scheinen endlich vorbei."

Doch schon einen Tag nach der Einsetzung einer Übergangsregierung gibt es den ersten offenen Konflikt. Aus Protest gegen den Verbleib alter Kräfte an der Macht hat die Gewerkschaft UGTT ihre Mitarbeit in der Regierung aufgekündigt. Weitere Oppositionspolitiker berieten ihr Vorgehen, hieß es nach Angaben der Gewerkschaft.

Aus Protest gegen das neue Kabinett und Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi gingen in Tunis am Dienstag erneut mehrere hundert Menschen auf die Straße, die Polizei setzte Tränengas gegen die Demonstranten ein.

Am Tag zuvor wurde an den Straßenecken al-Masras gewerkelt. Die Bürger bauten ihre Barrikaden auf. Alte Reifen, ein paar Ziegelsteine, Anwohner trugen Waffen. Das wirkte: Die Präsidentschaftsgarde, die sich im Palast des Despoten im nahen Karthago verschanzt hat und in Nacht zuvor einen Ausbruchsversuch gewagt hatte, kam nicht weit.

Dank der zivilen Straßensperren kann sich niemand ungehindert durch Tunis bewegen. Unweit des Bahnhofs ist eine Barrikade ausschließlich weiblich bewehrt. "Es lebe Tunesien!", rufen die mit Stöcken bewaffneten Frauen. "Wir verteidigen unser Viertel und unsere Freiheit", sagt Linda. Dazu gehöre auch, dass keine der Anwesenden Schleier trüge: "Wir sind hier nicht in Saudi-Arabien. Die Islamisten können uns gestohlen bleiben."

insgesamt 1324 Beiträge
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Seite 1
ewspapst 14.01.2011
1.
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
Tunesier 14.01.2011
2. Kein Zurück mehr!
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
ratxi 14.01.2011
3. Durch diese Unruhen...
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
zackzodiac, 14.01.2011
4.
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
Tunesier 14.01.2011
5. Position von Frankreich
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
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