Umsturz in Zentralasien Opposition stürmt Regierungsgebäude, Präsident geflohen

Die Opposition in Kirgisien hat mit ihren massiven Protesten die Regierung aus dem Amt gejagt: Präsident Askar Akajew trat zurück und floh ins Ausland. Tausende unbewaffnete Regimegegner nahmen den Regierungssitz in der Hauptstadt Bischkek ein. Am Abend wählte das Parlament bereits einen Interims-Präsidenten.


Protest: Die wütenden Demonstranten warfen der Regierung Akajew Wahlfälschung vor
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Protest: Die wütenden Demonstranten warfen der Regierung Akajew Wahlfälschung vor

Bischkek - Anhänger der Opposition hatten am Vormittag den Regierungssitz in Bischkek gestürmt und besetzt. Sie werfen der Regierung der früheren Sowjetrepublik Wahlfälschung vor und forderten seit Wochen den Rücktritt von Akajew.

Die Opposition scheint die Lage in Kirgisien ganz in der Hand zu haben. Ein Sprecher berichtete im staatlichen Fernsehen, das Sicherheits-, das Innen- und das Verteidigungsministerium arbeiteten mit der Opposition zusammen. Akajew floh einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax zufolge nach Kasachstan.

In den USA ist die gemeldete Flucht auf Zweifel gestoßen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte heute, auf Basis der ihm vorliegenden Geheimdienstberichte könne er diese Meldungen nicht bestätigen. Die USA unterstützten keinen Kandidaten der Opposition. "Die Zukunft Kirgisiens sollte vom kirgisischen Volk und im Einklang mit dem Prinzip des friedlichen Wandels entschieden werden", sagte Adam Ereli, ein Sprecher des US-Außenministeriums.

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Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur ITAR-Tass erklärte der Oberste Gerichtshof Kirgisiens die umstrittene Parlamentswahl, die Auslöser der Unruhen war, für ungültig. Das vor der Wahl amtierende Parlament wurde als rechtmäßige Volksvertretung anerkannt. Es kam am Abend zu einer Sondersitzung zusammen, um über die Wiederherstellung der Ordnung zu beraten. Die Abgeordneten wählten den früheren Oppositionsabgeordneten Ischenbai Kadyrbekow zum Interims-Präsidenten.

Der Oppositionsführer Kurmanbek Bakijew sei zum geschäftsführenden Ministerpräsidenten ernannt worden, berichtete ein Abgeordneter. Bakijew selbst verließ die Sitzung, ohne einen Kommentar abzugeben. Minister sollen am Freitag bestimmt werden. Der Sprecher der Organisation Volksbewegung Kirgisien, Toptschubek Turgunalijew, erklärte, im Herbst werde ein neues Parlament gewählt.

In Bischkek kam es unterdessen zu schweren Plünderungen. Aus einem Einkaufszentrum schleppten Männer Matrazen, Spiegel und Kisten voller Lebensmittel. Nach Angaben von Abgeordneten wurden zwei weitere Einkaufszentren ausgenommen. In den Straßen von Bischkek waren junge Männer mit Waren zu sehen, die offenbar aus geplünderten Geschäften stammten. Der Abgeordnete Temir Sarijew erklärte, er habe gehört, dass ein Mensch getötet worden sei. Offenbar sei er von einem Wachmann erschossen worden.

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Kirgisien: Aufruhr in der Haupstadt

Zuvor hatten etwa 1000 Demonstranten einen Ring der Bereitschaftspolizei um den Regierungssitz durchbrochen und das Gebäude gestürmt. Wenig später führten die Demonstranten den Verteidigungsminister aus dem Gebäude und versuchten, ihn vor Attacken einzelner Regierungsgegner zu schützen. Soldaten brachten weitere Regierungsmitarbeiter in Sicherheit. Drei verletzte Personen wurden in Begleitung eines Arztes fortgebracht.

Wütende Demonstranten warfen während der Erstürmung Steine auf den Regierungssitz und den Präsidentenpalast, das Symbol der Macht in der ehemaligen Sowjetrepublik. Aus dem zweiten Stock des Regierungsgebäudes schwenkten zwei Demonstranten die Nationalflagge. Die Bereitschaftspolizei - mehrere hundert Beamte waren im Einsatz - beobachtete das Geschehen weitgehend tatenlos. "Seine Tage sind gezählt", rief Turgunalijew mit Bezug auf Präsident Akajew.

Vor der Stürmung war es zu Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Akajew gekommen. Als sich die rund 5000 Demonstranten dem Regierungssitz näherten, wurden sie von Männern, die blaue Armbinden trugen, mit Steinen beworfen und mit Schlagstöcken bedroht. Die Oppositionsanhänger warfen daraufhin ihrerseits Steine auf die Gegenseite.

Verwirrung um Askar Akajew: Rücktritt oder nicht?
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Verwirrung um Askar Akajew: Rücktritt oder nicht?

Die Unruhen in der früheren Sowjetrepublik begannen nach der ersten Runde der Parlamentswahl am 27. Februar und nahmen nach der zweiten Runde am 13. März weiter zu. Die Demonstranten werfen der Regierung Wahlbetrug vor. Auch nach Einschätzung internationaler Beobachter entsprach die Wahl nicht demokratischen Standards.

Steve Gutterman, AP



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