Umweltdebakel im Golf von Mexiko Ölflut zwingt Obama in die Krisen-Offensive

Er wartete tagelang ab, nun steuert er um: Im Kampf gegen die Ölpest hat Barack Obama drei seiner Minister an den Golf von Mexiko abkommandiert und seinen umstrittenen Plan für neue Tiefseebohrungen erst einmal gestoppt. Auf dem Spiel stehen seine Glaubwürdigkeit und sein Image als Krisenmanager.

AP

Von , Washington


Selbst das Thema Wirtschaft muss warten. Präsident Barack Obama steht vor Journalisten im Rosengarten des Weißen Hauses, er soll zur ökonomischen Lage sprechen, es gibt gute Nachrichten zu verkünden, endlich. Das US-Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Quartal des Jahres deutlich gestiegen.

Doch Obama muss sich erst einmal als oberster Krisenkommunikator betätigen. Er wolle ein Update liefern, zum größer werdenden Ölteppich im Golf von Mexiko.

Dann redet er darüber, dass die Ölfirma BP verantwortlich sei für den verheerenden Schaden, den die Explosion ihrer Bohrplattform "Deepwater Horizon" auslöste. Doch der Staat werde nun massiv eingreifen. Obama zählt die vielen angelaufenen Rettungsmaßnahmen auf. Die Nationalgarde sei im Einsatz, 1900 staatliche Helfer ausgeschwärmt. 300 Schiffe und Flugzeuge stünden zur Verfügung, alle rund um die Uhr im Einsatz natürlich.

Er spricht und spricht über die Öl-Nothilfe, minutenlang. Dann erst ist der Aufschwung an der Reihe.

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Fischer in Louisiana: "Dann kann ich mein Geschäft zumachen"
Die Reihenfolge unterstreicht, wie ernst das Weiße Haus das Thema Ölpest nun nimmt. Tagelang behandelte es das Umweltdesaster vor der Küste Louisianas eher als einen Nebenschauplatz. Behördenvertreter hielten den Schaden für überschaubar. "Es ist ausreichend Zeit, empfindliche Gebiete zu schützen und die Säuberungsmaßnahmen vorzubereiten", sagte die Chefin der Küstenwache im Katastrophengebiet, Mary Landry, am Montag.

Doch diese Linie lässt sich nicht mehr durchhalten. 800.000 Liter Öl strömen jeden Tag aus dem Bohrloch, fünfmal so viel wie anfangs von BP mitgeteilt. Früher als erwartet erreichten bereits am Freitag die ersten Ausläufer des Ölteppichs die Küste mit ihren hochsensiblen Ökosystemen und Sumpfgebieten.

Es droht die größte Ölkatastrophe in der Geschichte der USA, verheerender noch als das Auslaufen des Tankers Exxon Valdez vor Alaska im Jahr 1989. Die Fischerei-Industrie an der Küste fürchtet Millionenverluste, die Tourismusbranche gar Milliardeneinbußen. Schon ist die Rede von einem "nationalen Notstand".

Angst vor dem "Katrina"-Moment

Also hat Obama drei Kabinettsmitglieder an die Küste entsandt. Er selbst will die Region in den kommenden Tagen nicht besuchen, ein späterer Trip aber ist nicht ausgeschlossen. Regierungsvertreter wie Heimatschutzministerin Janet Napolitano attackieren BP öffentlichkeitswirksam wegen der zögerlichen Antwort auf das Desaster. "BP muss mehr tun, um das Leck zu schließen", sagte Napolitano.

Der Präsident will bloß nicht einen "Katrina"-Moment erleben, wie ihn George W. Bush nach seiner halbherzigen Reaktion auf den Hurrikan "Katrina" 2005 durchmachen musste. Damals absolvierte Bush lediglich einen Rundflug über dem Unglücksgebiet, statt persönlich in den betroffenen Städten mit den Helfern und Leidtragenden der Katastrophe zu sprechen. Sein Team vermasselte die Koordination der Krisenhilfe - so sehr, dass "Katrina" zum Synonym für eine Katastrophen-Präsidentschaft wurde.

"Der Kampf wird mit allen Mitteln geführt", betont Obama nun immer wieder. Sein Vorteil ist, dass die Bilder vom Öldesaster anders wirken als die von "Katrina". Damals zeigte das Fernsehen vertriebene Bürger, die in Notunterkünften oder im Freien ausharren mussten. Das Öl auf dem Meer sieht beeindruckend aus, betroffene Menschen sind bislang kaum zu sehen.

Dafür ist Obama bei einem anderen politischen Thema sehr verwundbar. Das Ölleck schwächt seine ohnehin nicht makellose Umweltbilanz.

Erst Anfang April hatte er entschieden, künftig Ölbohrungen vor der Atlantikküste zuzulassen. Umweltschützer reagierten entsetzt: "Wir können nicht einfach unseren Weg zur Energiewende bohren", erklärte die Stiftung von Friedensnobelpreisträger Al Gore, eigentlich einem Vertrauten des Präsidenten.

Obama hält Offshore-Pläne an

Andere Kritiker argumentieren ähnlich: Zu teuer seien die Bohrungen, zu gefährlich. Vor allem aber nicht ausreichend. Denn Amerika verfügt lediglich über rund zwei Prozent der Weltölreserven, verbraucht aber jedes Jahr rund 20 Prozent der globalen Produktion. Der gewaltige Öldurst der Amerikaner ist also eigentlich das Problem, das es anzugehen gelte.

Zudem klang der Präsident auf einmal stark wie seine Herausforderer im Wahlkampf. "Drill, Baby, Drill", forderte die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin. Bewerber John McCain sprach sich ebenfalls massiv für stärkere Förderung vor den Küsten aus.

Freilich musste auch McCain einen peinlichen Zwischenfall hinnehmen, als er im Wahlkampf 2008 eine Bohrinsel vor New Orleans besuchen wollte. Dort brach kurz vor der geplanten Visite ein Feuer aus, McCain hielt stattdessen eine Pressekonferenz in der Stadt ab - doch der Geruch von verbranntem Öl hing in der Luft. Die Panne nutzte Obama.

Nun muss der Präsident selbst zurückrudern. Sein Chefstratege David Axelrod erklärte umgehend: "Es wird keine weitere Förderung geben, solange die Untersuchung nicht abgeschlossen ist." Neue Plattformen auf dem Meer sollen erst in Betrieb gehen dürfen, wenn ihre Sicherheit durch neue Technik garantiert ist.

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Chronik: Die schlimmsten Ölkatastrophen
Obama betonte zwar am Freitag: "Ich glaube weiterhin, dass die einheimische Ölförderung ein wichtiger Bestandteil unserer Gesamtstrategie für Energiesicherheit ist." Doch er fügte hinzu: "Ich habe immer gesagt, dass es verantwortungsbewusst geschehen muss, für unsere Arbeiter und für die Umwelt." Es klingt nach einer ersten Distanzierung.

Seine eigentliche Strategie scheint ohnehin nicht mehr durchsetzbar. Das Weiße Haus wollte Zugeständnisse beim Bohren machen, um die Unterstützung der Opposition für ein Klimaschutzgesetz zu gewinnen.

"Wie ein Schlag ins Gesicht"

Das hängt derzeit im Senat fest, der Widerstand der Konservativen ist zäh. Sie sind aber für Offshore-Bohrungen. Obama hatte sie schon vorher umgarnt, als er viele Milliarden Dollar für neue Atommeiler bereitstellte, die über Jahrzehnte in den USA geächtet waren.

Umweltschützer kritisieren, solches Geld fehle nun etwa für die Entwicklung erneuerbarer Energien - und Obama könne von der Opposition ohnehin keine Gegenleistung erwarten.

Tatsächlich stehen die Republikaner weiter geschlossen gegen schärfere Vorschriften für Energieeffizienz und Schadstoffbeschränkungen. Und selbst Demokraten überlegen laut, ob eine Einwanderungsreform nicht dringlicher sei als ein Klimaschutzgesetz.

Der Präsident kann also wenige Gegenleistungen für seinen problematischen Umweltkurs vorweisen - und verärgert zugleich vor allem junge Anhänger. Jonathan Ruiz, Student an der Florida International University und 14 Monate lang Wahlkampfhelfer für Obama, sagt: "Seine Offshore-Bohrpläne waren für mich wie ein Schlag ins Gesicht."

Aber auch die Republikaner können wohl in der nahen Zukunft kaum noch lautstark für diese Option plädieren - zu drastisch sind die Bilder von der Golfküste. Sarah Palin jedenfalls, die engagierte "Drill, Baby, Drill"- Ruferin, hat sich zum Öldesaster bislang nicht zu Wort gemeldet.

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imagine, 01.05.2010
1. Gier
Wenn das Zeug erstmal an der Oberfläche nicht mehr zu sehen ist, ist das Thema schnell erledigt und es wird weiter gebohrt als ob nichts gewesen wäre. Bald auch in der Arktis. Die Ozeane sind dann zwar biologisch tot, sehen an der Oberfläche aber wieder recht ordentlich aus. Wir Menschen sind das Schlimmste das dem Planeten passieren konnte, lernresistent und gierig wie wir sind.
Wolfghar 01.05.2010
2. Mehr
Wachstum und Produktivität! dem hat sich alles unterzuordnen in der Wirtschaftsdiktatur
perpendicle, 01.05.2010
3. Öl schwimmt auf Wasser
Zitat von sysopEr wartete Tage lang ab, nun steuert er um: Im Kampf gegen die Ölpest hat Barack Obama drei seiner Minister an den Golf von Mexiko abkommandiert und seinen umstrittenen Plan für neue Tiefsee-Bohrungen erst einmal gestoppt. Auf dem Spiel stehen seine Glaubwürdigkeit und sein Image als Krisenmanager. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692387,00.html
Ich frage mich ob, wenn da noch das Bohrrohr (durch was man kurz vor dem Unfall Wasser unter das Ölvorkommen gepumpt hatte) drinsteckt, da nicht durch einen physikalischen Effekt weiter Wasser unter das Ölvorkommen eindringt und den Austritt von Öl praktisch " anpumpt!??? Keine Frage zumindest für Börsenpezialisten. BP bzw. der Betreiber ( die Ölinsel soll ja von einer anderen Firma geleast worden sein) will ja nun eine Art Glocke über dem Loch ( bzw dem Rohr was da abgebrochen ist) anbringen, so dass man auch weiter saugen kann. . Die muss aber erst gebaut werden
denkmal! 01.05.2010
4. Auch in Kinderflügel klebt Öl!
Ein vergleichbares Desaster hat sich letztes Jahr in der Timorsee ereignet, bloss dass die Medien davon kaum etwas "gemerkt" haben: http://www.crikey.com.au/2009/12/07/oil-pollution-visible-from-exmouth-wa-to-queensland/ An solche "Ereignisse" müssen wir uns gewöhnen, sie stehen im "Kleingedruckten" der borniert vorangetriebenen Zukunftsgesellschaft, der hoch verehrten, der nun nicht mehr der rote Teppich, sondern der Ölteppich ausgerollt wird. Auf dass sie fleissig fortfahren im Fortfahren, im Fortschritt, der längst aus dem Tritt gekommen ist, bzw. diesen bald in den Hintern kriegt, von gestählten Radfahrerbeinen, beherzten Kindern, die sich nicht damit abfinden, dass ihnen ihre Zukunft vermasselt wird. Auch in Kinderflügeln klebt das Öl! Bzw.: der Kluge fährt (heute erst recht) im Zuge - oder einfach und logisch, konsequent und rational - Fahrrad! Für Notfälle hat uns die weise Schöpfung auch mit Füssen und relativ langen Beinen ausgestattet!
Haio Forler 01.05.2010
5. .
Zitat von sysopEr wartete Tage lang ab, nun steuert er um: Im Kampf gegen die Ölpest hat Barack Obama drei seiner Minister an den Golf von Mexiko abkommandiert und seinen umstrittenen Plan für neue Tiefsee-Bohrungen erst einmal gestoppt. Auf dem Spiel stehen seine Glaubwürdigkeit und sein Image als Krisenmanager. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692387,00.html
"Auf dem Spiel stehen seine Glaubwürdigkeit und sein Image als Krisenmanager." Und wenn da was schief geht, ist er für alle mal unten durch? Unrettbar verloren? In der Hölle? Hatte er 2 Minuten gezögert? Ich finde, der Mann hat fertig. Ist der doch wirklich so blöd, eine Ölpest vor der Haustür zu haen. Wie dämlich muß man sein?
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