Umweltdrama im Irak Die Wüste stirbt

Verseuchtes Trinkwasser, brennende Ölgräben, ausgetrocknete Sümpfe und hunderttausende Flüchtlinge: für die Umwelt ist der Golfkrieg ein Desaster. Öko-Forscher befürchten ein "Ewigkeitsproblem".

Von Sebastian Knauer


Krieg der Umwelt: abgefackelte Ölgräben in Bagdad
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Krieg der Umwelt: abgefackelte Ölgräben in Bagdad

Hamburg - Das letzte Mal war Klaus Töpfer, 64, mit einer Bundeswehr-Tupolew über den schwarzen Rauchfahnen der brennender Ölquellen unterwegs. Zur Inspektionsreise erkundete er nach dem Golf-Krieg 1991das befreite Kuwait aus der Luft. Da war er noch deutscher Umweltminister.

Als heutiger Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) in Nairobi steht demnächst möglicherweise wieder ein Besuch im Zweistromland Irak an. Seine Behörde bereitet sich bereits auf die Nachkriegszeit an Euphrat und Tigris vor. "Jeder Krieg ist ein Drama für die Menschen, sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für die Militärs. Und jeder Krieg hat dramatische Folgen für die natürliche Umwelt", sagt Töpfer dem SPIEGEL.

Warten auf Trinkwasser: Mädchen bei Nassirija
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Warten auf Trinkwasser: Mädchen bei Nassirija

Der Konflikt am Golf ist nach Einschätzung von Experten auch ein Krieg gegen die Umwelt. Noch gibt es keine verlässlichen Daten über die tatsächlichen Öko-Schäden des Feldzugs gegen Saddam Husseins Regime. "Die vorliegenden Satellitenbilder sind jedoch alarmierend", urteilt Pekka Haavisto, Leiter der Unep Fachgruppe "Post-Conflict-Assessment" in Genf. Zwar wurden bislang im Vergleich zum ersten Golfkrieg wesentlich weniger der insgesamt 1600 Ölquellen von den irakischen Militärs in Brand gesetzt. Aber auch die aus militärischen Gründen angelegten Gräben, um zur Verwirrung der US-Luftwaffe Öl abzufackeln, seien eine "relevante Quelle" diverser Schadstoffe und der lungenschädigenden Ruß-Partikel.

Streit bei Greenpeace

Nach einer Bestandsaufnahme der Internationalen Umweltorganisation Greenpeace drohen in den Hauptfördergebieten im irakischen Norden bei Mossul sowie im Süden bei Basra größere Ölverseuchungen. "Wir werden uns nach Ende der Kampfhandlungen vor Ort ein Bild verschaffen müssen", sagt Greenpeace-Experte Wolfgang Lohbeck, "und wir wissen nicht, welche Verzweiflungstaten noch kommen."

Hauptsache vorwärts: Ein Konvoi zieht an einer brennenden Pipeline vorbei
AP

Hauptsache vorwärts: Ein Konvoi zieht an einer brennenden Pipeline vorbei

Intern streiten die Regenbogenkrieger bereits über die Entsendung ihres Öko-Schiffes "Rainbow Warrior II" an den Schatt el Arab, in dem Euphrat und Tigris zusammenfließen. Die deutsche Sektion in der Hamburger Zentrale favorisiert eine möglichst schnelle Verlegung des hochgerüsteten Laborschiffs in das biblische Gebiet. Schon nach dem letzten Golfkrieg kreuzte drei Monate ein Greenpeace-Schiff zur Probeentnahme in den schwer geschädigten Gewässern von Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain sowie Iran. Das brachte den Umwelt-Aktivisten wichtige Erkenntnisse über die Kriegsfolgen in den ölfördernden Ländern:

  • aus den damals geöffneten Piplines liefen rund 7 Millionen Barrel Rohöl in den persischen Golf - das 13-fache des kürzlich vor Spanien gesunkenen Ölfrachters "Prestige"
  • mehrere tausend Tonnen Schwefeldioxid, Stickoxide und Kohlenwasserstoff sowie teilweise krebserregende oder erbgutverändernde Stoffe wie Cadmium, Blei, Vanadium oder Chrom gelangten aus den über 700 brennenden Ölquellen in die Umwelt
  • der "schwarzer Regen" aus Ruß wehte bis nach Pakistan und Indien und ging dort als schmieriger Film zu Boden.
  • Ein Dauersmog in Kuwait ließ die Sterblichkeitsrate um rund zehn Prozent steigen. Die Frühjahrsblüte blieb aus.




  • Zerstörte Landwirtschaft

    Nutzfläche: Britische Truppen missbrauchen das Feld eines Bauern bei Basra als Gefechtsstand
    REUTERS

    Nutzfläche: Britische Truppen missbrauchen das Feld eines Bauern bei Basra als Gefechtsstand

    "Wir werden diesmal noch mit ganz neuen Umweltzerstörungen rechnen müssen", sagt der Kriegsfolgen-Forscher Knut Krusewitz, 61, der früher an der Technischen Hochschule Berlin lehrte. So hätten heute schon die massiven Truppenbewegungen der Alliierten sowie der irakischen Militärs großflächig die ökologisch wichtige "aride Bodenstruktur" zwischen Euphrat und Tigris zerstört.

    Wird die oberste feine Flugsandschicht der sensiblen Wüstenregionen gewaltsam aufgewirbelt, bekommen die vorherrschenden Westwinde aus dem Mittelmeer "viel Futter" (Krusewitz). Die Folge sind eine Versandung der benachbarten landwirtschaftlichen Anbaugebiete, die dringend zur Versorgung der irakischen Bevölkerung gebraucht werden. Die Entstehung von neuen bis zu 50 Meter langen Wanderdünen im Kuweit brachte die Öko-Forscher auf diese schleichende Umweltgefahr (SPIEGEL, Nr.17/1995).

    Kettenfahrzeuge, Reifen von Truppentransportern, gebuddelte Unterstände oder der Einschlag von Granaten sowie Benzinbomben zur Minenräumung zerstörte die seit Jahrmillionen liegende lockere Kiesdecke unter dem Flugsand nachhaltig. Für die karge aber wichtige Pflanzenwelt der Wüste fehlt dann der Schutzschild - die Wüste stirbt.

    Munition mit Ewigkeitsproblem

    Tödlich für Jahrzehnte: Munition und Panzerwracks sind Öko-Bomben
    EPA/DPA

    Tödlich für Jahrzehnte: Munition und Panzerwracks sind Öko-Bomben

    Ähnlich verheerend werden auch diesmal die Auswirkungen der von den US-Militärs wieder eingesetzten sogenannten DU-Munition (Depleted Uranium) mit abgereicherten Uran eingeschätzt. Die panzerbrechenden Spezialgeschosse setzten ein instabiles, radioaktives Schwermetall frei, das sich in Kleinstpartikel über die Luft weiträumig verteilt. Die Unep-Experten vermuten langfristige Schäden beim Menschen wie Krebs, Erkrankung innere Organe wie insbesondere der Nieren. Allerdings kann ein "direkter Zusammenhang" zwischen der panzerbrechenden Munition sowie den Krebserkrankungen auch nach Greenpeace- Angaben "bislang nicht bewiesen werden".

    Bei der im letzten Golfkrieg eingesetzten Menge von bis zu 900 Tonnen DU-Munition können jedoch nach vorläufigen Schätzungen der Britischen Atomenergiebehörde bis zu zehntausend Menschen direkt betroffen sein. Bei einer Halbwertzeit der radioaktiven Partikel von viereinhalb Milliarden Jahren handelt es sich für Kriegsforscher Krusewitz um ein "Ewigkeitsproblem".

    Hochgiftiges Chemikaliencocktail

    Insbesondere der Beschuss von irakischen Panzerverbänden im dicht bewohnten Verteidigungsring um Bagdad werde die Gefahr radioaktiver Verseuchungen der Zivilbevölkerung erhöhen. Und die Panzerwracks, zumeist russischer Bauart, sind selbst hochgradige Öko-Bomben. Nach Untersuchungen schwedischer Wissenschaftler verseucht jedes Panzerwrack die Umwelt mit mehreren hundert Litern Hydraulik-Öl, das die besonders krebserregenden Polychlorierten Biphenyle (PCB) enthält. Asbest, Dioxine, Furane und ein ganzer Chemikaliencocktail wird ebenfalls aus den brennenden Regierungsbauten und Palästen in Bagdad frei gesetzt. "Dieser Krieg wird seine letzten Toten erst in vielen Jahren haben", sagt Forscher Krusewitz. Die "Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlage und der Ressourcen" für große Teile der Bevölkerung sagt Unep-Chef Töpfer sei "eine der wenig beachteten Kriegsfolgen".

    Die größte Öko-Tragödie in dem Kriegsland ist jedoch die Vernichtung eines über 5000 Jahre alten Siedlungsgebietes. Das Sumpfland im Zusammenfluß der irakischen Flüssen Euphrat und Tigris gilt nach der Überlieferung als Garten Eden der Menschheit. Schon nach dem ersten Golfkrieg begann das Regime die dort lebenden oppositionellen Schiiten umzusiedeln oder zu vertreiben. Trockenlegung der Sümpfe, Stauwerke an den Flüssen sowie Abbrennen der artenreichen Schilflandschaften zerstörte die Lebensgrundlage der sogenannten "Sumpfaraber".

    Zwischen 1970 und 2000 verschwanden nach Unep-Angaben "rund 90 Prozent" des zentralen Kurna-Sumpfgebietes. Saddams Militäraktionen führte schließlich zu über 200 000 Umweltflüchtlingen. "Wer die Umwelt als Waffe mißbraucht, sollte international geächtet werden", sagt Unep-Chef Töpfer. "Wir haben nach dem Krieg die Chance, dieses Gebiet wieder zu retten", hofft Kyla Evans von World Wide Funds for Nature International in Genf. Dazu will der WWF ein Programm zur Beseitigung von Sprengkörpern, Chemikalien oder versunkenen Schiffen in den Sumpfgebieten starten. Auf deutsche Hilfe können die internationalen Organisationen auch aus Berlin hoffen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin will sich "keiner sinnvollen Anforderung" verschließen. Ob Abwassertechnik, Labors oder Wasseraufbereitung - im Nachkriegsirak wird deutsche Ökotechnik auf jeden Fall gefragt sein.

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