UN-Sicherheitsrat: Al-Baradei bezeichnet US-Beweise als Fälschungen

Peinliche Schlappe für US-Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat: Einige der von den USA vorgelegten Beweise für die Bemühungen der Iraker, Massenvernichtungswaffen herzustellen, fußen nach Feststellung der UN-Chefinspekteure Hans Blix und Mohamed al-Baradei auf Fälschungen.

In der Irak-Frage tief gespalten: UN-Sicherheitsrat
AP

In der Irak-Frage tief gespalten: UN-Sicherheitsrat

New York - Al-Baradei bezog sich auf Unterlagen, die nach Darstellung der USA den Versuch irakischer Agenten beweisen, vor zwei Jahren in Niger Uran zu kaufen. Die Überprüfung der Angaben hätte keinen Hinweis für wieder aufgenommene atomare Aktivitäten ergeben.

Nach Außen hin lässt sich Powell von dem Rüffel nicht irritieren. Dem US-Fernsehsender ABC sagte er, er sei nach wie vor von der Stichhaltigkeit des US-Dossiers zum Irak überzeugt. "Ich habe bessere Informationen als die Inspektoren - und ich denke auch, ich habe mehr Mittel zur Verfügung als sie."

Damit steht Powell allerdings im Widerspruch zum Chef des US-Geheimdienstes CIA George Tenet, der erklärt hatte, dass alle wichtigen Informationen an die UN-Inspektoren weitergegeben worden seien.

Immerhin legte Blix in seinem 173 Seiten umfassenden Bericht auch etliche Fragen offen, die von der Regierung des Irak bislang noch nicht beantwortet worden sind. Dazu gehören auch Auskünfte über den Verbleib von mehr als 10.000 Litern Milzbranderreger, die nach Blix' Schätzung noch im Irak versteckt sind. "Die starke Vermutung ist, dass 10.000 Liter Milzbranderreger nicht zerstört wurden und noch immer vorhanden sind", erklärte Blix. Es sehe auch so aus, als ob Irak technisch noch immer in der Lage sei, Milzbranderreger zumindest im Umfang von vor 1991 herzustellen.

Auch beim Thema Drohnen , die zum Versprühen biologischer Waffen eingesetzt werden könnten, ist der Irak noch nicht entlastet. Die Entwicklung von zwei solcher unbemannter Flugkörper habe Irak kürzlich eingeräumt. Zwei von Irak gemeldete Drohnen könnten rund 100 Kilometer weit fliegen und vom Boden oder von anderen Flugzeugen aus gesteuert werden.

Laut Blix fehlen auch noch Beweise von Seiten des Iraks, dass die Entwicklung von Mittel- und Langstreckenraketen eingestellt worden ist. Irak müsse ferner Nachweise für den Verbleib von bis zu 30 Sprengköpfen von Scud-B-Raketen liefern, die mit biologischen und chemischen Kampfstoffen gefüllt gewesen seien. Die Überprüfung der Indizien sei nicht eine Frage von Jahren, auch nicht Wochen, aber von Monaten.

Der britische Außenminister Jack Straw mahnte für die Partei der Befürworter von einschneidenden Maßnahmen mehr Eile an. Das Dossier sei eine schockierende Anklage, die Saddam Hussein als Lügner und Betrüger entlarve. "Es ist ein Beleg für die Gefahr, die er für die Region und die Welt darstellt".

Die Regierung in Paris, die einen Feldzug zum jetzigen Zeitpunkt ablehnt, will dagegen vor der entscheidenden Sitzung noch einmal einen Krisengipfel der Mitglieder des UN-Sicherheitsrats einberufen, um doch noch einen Kompromiss zu erzielen. "Krieg ist keine Kleinigkeit", hieß es in der Erklärung von Staatspräsident Jacques Chirac. Wenn es um Leben und Tod gehe, müsse dies auf höchster Ebene diskutiert werden.

Chiracs Büro erklärte am Samstag, der Präsident habe bereits mit mehreren Staats- und Regierungschefs über diesen Plan gesprochen und wolle in den kommenden Tagen weitere konsultieren. Die Reaktionen seien positiv gewesen.

Von US-Außenminister Powell kam bereits eine Absage. Ein Gipfeltreffen sei nicht notwendig, erklärte er. Alle Seiten hätten ihre Ansichten offen vorgetragen.

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