Austritt aus der Unesco Amerikas Abkehr

Die USA kehren - gemeinsam mit Israel - der Weltkulturorganisation Unesco den Rücken. Damit isoliert Präsident Trump sein Land noch weiter. Das hat dramatische Konsequenzen für die Weltgemeinschaft.

Von , Washington


Die Entscheidung fiel schon vor Wochen. Am Rande der Uno-Generaldebatte im September teilte US-Außenminister Rex Tillerson dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit, dass die USA die Unesco, die Weltkulturbehörde der Vereinten Nationen, verlassen werde. Frankreich hatte bis dahin vergeblich versucht, Washington von diesem Schritt abzuhalten. Ort und Gesprächspartner waren durchaus symbolisch: In New York steht die Freiheitsstatue, die seit 1984 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und die die Amerikaner 1886 von den Franzosen geschenkt bekamen.

Noch an diesem Mittwoch appellierte der französische Uno-Botschafter François Delattre an die Trump-Regierung. "Wir hoffen, dass die USA sich für einen Verbleib in der Unesco entscheiden", sagte er dem Magazin "Foreign Policy", das die Hintergründe der amerikanischen Abkehr enthüllte. "Die USA müssen dem Weltgeschehen weiter verpflichtet bleiben."

Das sieht US-Präsident Donald Trump anders. An diesem Donnerstag machte er den Austritt aus der Unesco zum Jahresende 2018 offiziell. Kurz darauf erklärte auch Israel, das ebenfalls seit Längerem mit der Unesco über Kreuz ist, seinen Austritt.

"Diese Entscheidung fiel uns nicht leicht", teilte Tillersons Sprecherin Heather Nauert mit. Als Gründe nannte sie finanzielle Erwägungen und die "antiisraelische Position der Unesco", die Palästina 2011 als Mitglied zugelassen hatte. Die Unesco bedürfe "fundamentaler Reform".

Konsequente Isolation

Diese Argumente sind allerdings nicht neu. Sie hatten bereits unter Trumps Vorgänger Barack Obama zu einer Krise zwischen den USA und der 1945 von ihr mitbegründeten Organisation geführt. Dass Trump diesen Streit nun aber bis zum Äußersten treibt, zeigt, wie wenig er generell von internationalen Verpflichtungen hält - und wie konsequent er Amerika von der Welt isoliert.

Mit dramatischen Folgen. Die USA stellte 22 Prozent des Unesco-Etats - bis 2011 der Zank um Palästina ausbrach. Trotzdem hatte die Unesco ihnen die Beiträge weiter in Rechnung gestellt, inzwischen sind da mehr als 500 Millionen Dollar aufgelaufen. Die kann die Organisation nun ganz abschreiben.

Den meisten Menschen ist die Unesco für ihre Liste der Weltkulturerbestätten bekannt, die sie zu erhalten hilft. Doch die Organisation kümmert sich noch um viele andere Belange: um globale Vernetzung von Ideen, Kultur, Information und Wissenschaft, um Bildung, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Bekämpfung von Rassismus - alles Themen, an denen Trump kein Interesse hat.

Spielball der Geopolitik

Amerikas Schirmherrschaft zu verlieren, ist mehr als ein symbolischer Schlag. "Universalität ist zentral für die Mission der Unesco, um internationalen Frieden und Sicherheit im Angesicht von Hass und Gewalt zu stärken und um Menschenrechte und Menschenwürde zu verteidigen", erklärte die scheidende Unesco-Generalsekretärin Irina Bokova, eine Bulgarin.

Schon 1984 zogen sich die USA einmal aus der Unesco zurück, damals unter US-Präsident Ronald Reagan. Auch das war eine rein ideologische Abstrafung, nur war der Streitpunkt damals eine angebliche prosowjetische Neigung. 2002 steuerte George W. Bush die USA wieder zurück in die Unesco-Gemeinschaft: "Amerika wird sich an ihrer Mission, Menschenrechte, Toleranz und Lernen zu fördern, voll beteiligen", sagte er.

Die Unesco blieb Spielball der Geopolitik. Der Palästinastreit, der unter Obama ausgebrochen war, verschärfte sich vergangenes Jahr: Israel zog seinen Botschafter ab, nachdem die Unesco eine umstrittene Resolution zu Ostjerusalem verabschiedet hatte, die den Tempelberg zum palästinensischen Kulturerbe erklärte.

Kurzsichtiger Vorsatz

Als die Unesco diesen Sommer dann auch noch die palästinensische Stadt Hebron als Weltkulturerbe anerkannte und Israel im Oktober seine Kooperation ganz aussetzte, war das für die Trump-Regierung der passende Auslöser, Schulterschluss mit Israel zu demonstrieren und Amerika weiter abzuschotten - ein alter Wahlkampfschlager Trumps. Israels zeitgleicher Austritt zeigt nun, wie eng das offenbar koordiniert wurde.

Damit führt Trump seinen Vorsatz, Amerika aus der Weltgemeinschaft zu entfernen, konsequent weiter. Er zielt damit sowohl auf neue Abkommen wie auf historische Bünde, die die Nachkriegsordnung begründeten. Nach dem Austritt aus der Trans-Pacific Partnership (TPP) und dem Pariser Klimapakt droht er nun am Freitag auch das Atomabkommen mit Iran nicht erneut zu zertifizieren, was dessen Kollaps einleiten könnte. Auch flirtet er mit der Aufkündigung des Freihandelsabkommens Nafta.

Selbst Trumps eigene Experten rieten ihm in vielen dieser Fällen dringend davon ab, sie warnen vor verheerenden wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen - auch für die Amerikaner.

Trump setzte sich trotzdem darüber hinweg.



insgesamt 145 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
markus.w77 13.10.2017
1.
Es mangelt an Geld, das ist alles. Wären die USA tatsächlich ein reiches Land, wärde man sich das kleine bißchen Luxus Kultur wie selbstverständlich gönnen. Ist kein Geld da, streicht man das. Trump führt den Staat wie eine Firma.
Berghuette_57 13.10.2017
2. Unbegreiflich? Jein!
Trump treibt die USA in eine Isolation, und zwar so weit, dass auch ein Nachfolger das nicht mehr ohne Weiteres wird rückgängig machen können. Porzellan ist schnell zerschlagen, aber nur schwer wieder zu kitten. Wer in das enstehende Vakuum treten wird ist - noch - unklar. Das Ganze ist nur auf den ersten Blick unbegreiflich, auf den zweiten weniger. Wer sich intensiver mit Trump und seiner Vorgeschichte auseinandersetzt, der erkennt, dass Trump konsequent handelt. O-Ton: "Ich übe immer Vergeltung. ... Ich kann diese Illoyalität nicht verwinden. ... Wenn dich jemand schlägt, schlage fester zurück." So sind auch der Austritt aus der Unesco und andere isolationistische Entscheidungen zu sehen. Er fühlt die USA, und damit sich persönlich, denn er sieht sich als die USA, als ungerecht behandelt, also schlägt er zurück. Unbegreiflich ist es dennoch. Unbegreiflich deshalb, weil sich ihm niemand in den Weg stellt. Hier schafft ein einzelner Mensch auf irrationale Weise Fakten, die die ganze Welt betreffen, und alle lassen ihn gewähren.
MartinBeck 13.10.2017
3. Konsequent
Dies ist keine einsame Trump-Entscheidung. Sie wurde von früheren Präsidenten vorbereitet und sie hat mein Verständnis. Die Zahlungen der USA wurden schon vor Jahren eingestellt. Warum also die Aufregung.
neutralfanw 13.10.2017
4.
Trump wird wissen, wohin er Amerika und seine Wähler führt. Kultur? Er weiß garnicht, was das ist. Jetzt kann er Pipelines legen, wann und wo er möchte. Kulturstätten wird es keine mehr geben in den USA. Der IS hat ihm gezeigt, dass solche Dinge sehr pressewirksam zerstört werden können. Er steigert die Anzahl seiner wirren Handlungen. Um länger im Amt zu bleiben, sollte er das Wahlrecht in den USA abschaffen.
Don Pedro 13.10.2017
5. Das
Werden noch schwere Zeiten für unsere Kinder. Weniger wegen der einzelnen Entscheidungen, als wegen des Geistes, der überall wächst: Wir zuerst! Ein Rückschritt um Jahrhunderte, mit den Waffen und Umweltbedingungen von heute.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.